Das UBS-Debakel Ist der Pleitegeier jetzt vertrieben?

  • Publiziert: 18.10.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Guido Schätti
play (Keystone, RDB)

<b>Rettungsaktion</b> Dank milliardenschwerer Staatshilfe kann die UBS eine Liquiditätskrise abwenden. Das Vertrauen der Kunden hat sie aber noch lange nicht zurückgewonnen.

Seit ziemlich genau einem Jahr wiederholen die UBS-Chefs bei jeder Gelegenheit: Wir haben jetzt das Schlimmste überstanden, jetzt geht es wieder aufwärts (siehe Box). Doch mit jedem neuen Quartalsbericht rutschte die grösste Vermögensverwalterin der Welt nur noch tiefer in die Krise.

Auch nach der 68-Milliarden-Franken-Rettungsaktion am Donnerstag tönte es wieder gleich. «Nächstes Jahr rechnen wir mit einem Gewinn», sagt UBS-Präsident Peter Kurer (59). Doch viele zweifeln an seinen Worten. «Die UBS ist nicht über die Runden», sagt Walter Wittmann (73). Für eine Entwarnung sei es zu früh. Nach den jüngsten Abstürzen an der Börse drohten der Bank weitere Verluste. «Die Nationalbank hat ihr Pulver nun aber bereits verschossen und kann bei der nächsten Krise nicht mehr helfen», befürchtet der emeritierte Wirtschaftsprofessor.

Viele Kunden denken ähnlich. Seit Mitte Jahr zogen sie Vermögenswerte von fast 84 Milliarden Franken bei der UBS ab. «Das ist schon sehr happig», meint Bankenprofessor Hans Geiger (65).

Was für die UBS aber weit schlimmer war: Auch die anderen Banken gingen zuletzt auf Distanz zum angeschlagenen Schweizer Flaggschiff. «Die UBS», so Geiger, «bekam von den anderen Banken kein längerfristiges Geld mehr.»

Eugen Haltiner (60), der zu den Architekten des Massnahmenpakets gehört, bestätigt: «Die UBS hatte wachsende Probleme, sich am Interbankenmarkt zu refinanzieren», sagte der Präsident der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) gestern zu SonntagsBlick. Nur zu hohen Zinsen und auf immer kürzere Fristen liehen die anderen Banken der UBS noch Geld – ein Teufelskreis, der bis zum Kollaps führen kann. «Die Liquidität der UBS hat sich zunehmend verschlechtert», so der EBK-Präsident.

Unmittelbar am Abgrund stand die UBS diese Woche zwar nicht. Laut Haltiner hätte sie selbst unter widrigen Umständen noch lange durchgehalten. «Nach den dramatischen Kursverlusten in der Vor-woche mussten wir aber mit dem Schlimmsten rechnen», sagt der Ex-UBS-Banker. Also wurde am Donnerstag die Reissleine gezogen und das Hilfspaket ausgelöst.

Ist der Pleitegeier damit vertrieben? Di e UBS litt in den vergangenen Wochen darunter, dass USA und EU ihren Banken umfangreiche Garantien versprochen hatten. «Die UBS stand isoliert da», sagt Geiger. Mit dem Hilfspaket ist die Gefahr beseitigt, dass die UBS deswegen ins Hintertreffen gerät. «Die Schweiz ist nun mit dabei im internationalen Konzert», sagt Haltiner.

Auch wenn die Gefahr einer Liquiditätskrise nun abgewendet scheint: Das Vertrauen der Kunden hat die UBS noch lange nicht zurückgewonnen. Geiger befürchtet weitere Abflüsse von Vermögen: «Ihren Status als grösste Vermögensverwalterin könnte die UBS längerfristig verlieren.»

So redeten die UBS-Chefs die Krise schön

Ob Milliarden-Abschreiber, Kapitalabfluss oder sinkender Aktienkurs: Bis jetzt haben sich Marcel Ospel, Marcel Rohner und Peter Kurer immer geirrt.

Marcel Rohner, 2. Oktober 2007:
«Die Abschreibungen von vier Milliarden Franken sollten ausreichen, auch wenn die Krise noch nicht vorüber ist.»

Marcel Ospel, 11. Dezember 2007:
«Nun ist die Trauerphase vorbei. (...) Ich spüre auch, dass wir gestärkt aus diesem Erlebnis hervorgehen.»

Marcel Ospel, 24. April 2008:
«Wenn ich nun heute trotzdem von Bord gehe, dann in der Überzeugung, dass wir das Schlimmste überstanden haben.»

Peter Kurer, 27. April 2008:
«Wir sind keine Fluggesellschaft, wir können nicht grounden. (...) Es gab nicht einen Zeitpunkt, wo die Bank hätte abstürzen können.»

Marcel Rohner, 23. Mai 2008:
«Wir sehen im amerikanischen Immobilienmarkt keine weiteren Abschreibungen in der Höhe, wie wir sie am 1.April angekündigt haben.»

UBS-Pressemitteilung, 4. Juli 2008:
«Per Quartalsende rechnet UBS mit einer BIZ Kernkapitalquote (Tier 1) von rund 11,5% und sieht keine Notwendigkeit, zusätzliches Eigenkapital zu beschaffen.»

Peter Kurer, 4. Oktober 2008:
«Wir sind in eine blöde Situation gekommen – teilweise durch hausgemachte Fehler. Aber als wir das realisierten, haben wir früh und richtig reagiert. (...) Zudem haben wir einen Liquiditätspuffer, der uns jetzt hilft, durch diesen Sturm zu kommen.»

Mehr Geld für Lehman-Opfer

Ein Credit-Suisse-Kunde und Opfer der Lehman-Pleite kann sich freuen: Seine Bank zahlt ihm 90 Prozent des investierten Geldes zurück.

Tausende von Kunden der Credit Suisse (CS) haben grosse Summen in «strukturierte Produkte» der US-Investmentbank Lehman Brothers gesteckt. Die ist nun bankrott! Die meisten Geprellten kauften die Papiere auf Empfehlung ihrer Berater, die ihnen erklärt hatten, diese Anlagen seien absolut sicher.

Einer kann jetzt aufatmen: Gut 100000 Franken hatte ein CS-Kunde in ein kapitalgeschütztes Lehman-Produkt investiert. Credit Suisse teilte ihm mit, nächste Woche würden 90 Prozent seines Geldes zurückerstattet. Dies bestätigt René Zeyer, Sprecher des Vereins «Schutzgemeinschaft der Lehman-Anlageopfer», der rund 300 Geschädigte vertritt (www.anlage-opfer.ch). Ursprünglich hatte die CS Rückzahlungen von lediglich 30 bis 60 Prozent offeriert.

Zu Einzelfällen beziehe die Bank keine Stellung, so Sprecher Georg Söntgerath, denn: «Jeder Fall wird gesondert behandelt.» Geld erhält, wer bis zu 500000 Franken bei der CS deponiert und über die Hälfte in Lehman-Papiere investiert hat. Die Schutzgemeinschaft fordert inzwischen, dass CS- und UBS-Banker ihre 2007 erhaltenen Boni zurückgeben. «Das würde ermöglichen, Kleinanlegern ihr sauer verdientes Sparkapital zurückzuerstatten.»

ROMAN SEILER

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