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Gegen den Strom Martin Janssens Thesen stossen bei Bankern auf wenig Begeisterung. (Siggi Bucher)
Klotzen statt kleckern. 7400 Milliarden Franken haben die Industriestaaten bis Oktober 2008 als Eigenkapital, Garantien oder zum Aufkauf fauler Kredite in ihre Banken gesteckt. Die Bilanz ist mies:
• 1. Das Geld reicht nicht. Neue Verluste erfordern neue Rettungsaktionen. England musste diese Woche erneut rund 400 Milliarden Franken garantieren. In Deutschland wurden neue faule Kredite in Höhe von 300 Milliarden Euro entdeckt – achtmal das Eigenkapital der Deutschen Bank.
• 2. Die Banken leihen den Unternehmen immer noch kein Geld aus oder nur zu sehr schlechten Konditionen. Sie haben nach wie vor viel zu wenig Eigenkapital und müssen dieses mit fetten Margen äufnen.
• 3. Die Retter können nicht mehr. Irland, Island, Griechenland und Russland droht Staatsbankrott. England erinnert sich an die Staatspleite von 1976. In der Schweiz stehen 3400 Milliarden Franken Bilanzsumme von UBS und CS 60 Milliarden Jahreseinnahmen des Bundes gegenüber. Noch Fragen?
Für Professor Martin Janssen (60) vom Swiss Banking Institute der Uni Zürich ist klar: «Bund und Nationalbank können im Notfall nicht sämtliche Verpflichtungen der beiden grossen Banken garantieren. Ich sehe nur einen Weg: Die Aktionäre müssen vollständig enteignet werden, und die Gläubiger der Banken müssen ihren Teil der Verantwortung übernehmen.
Konkret muss der zwangsweise Umtausch von Obligationen im Umfang von vielleicht zehn Prozent der gesamten Bilanz in Aktien vorbereitet werden. Wichtig ist, dass dabei die zentralen Tätigkeiten der Banken auch nicht eine Minute stillstehen.»
Professor Willem Buiter (59) von der London School of Economics macht einen ähnlichen Vorschlag: Der Staat übernimmt die Banken entschädigungslos, schiesst das gesetzliche Minimum an neuem Kapital ein und sichert Verluste aus neuen Ausleihungen. So könne sichergestellt werden, dass die Unternehmen wieder Kredite erhalten.
Buiters Ideen galten eben noch als ketzerisch. Doch jetzt hat sie die «Financial Times Deutschland» postwendend in einem Leitartikel unterstützt: Verstaatlichung und Bankenpleiten sind salonfähig geworden.
Diskutiert wird bloss noch die Frage, was allenfalls sonst noch getan werden muss, damit die Banken wieder Kredite sprechen, statt die Gelder zu horten, die ihnen die Zentralbanken billig zur Verfügung stellen. Janssen schlägt vor, dass «die Banken mit Negativzinsen für ihre Guthaben bei der Nationalbank bestraft werden».
Ein Problem bleibt: Wie bringt man die Banken dazu, ihre Insolvenz zu erklären und damit das Tor zu einem notwendigen Konkurs zu öffnen? Der Schlüssel dazu liegt bei der jeweiligen Bankenaufsicht, in der Schweiz also bei der Finma unter der Leitung des Ex-UBS-Managers Eugen Haltiner (60). Sie muss letztlich die Bilanzen der Banken absegnen oder sie allenfalls zu realistischeren Bewertungen zwingen.
Janssen spricht diesen heiklen Punkt nur vorsichtig an: «Angesichts der Unsicherheit der Lage der grossen Banken, in der nichts mehr ausgeschlossen werden kann, muss sich die Aufsicht dringend mit den ‹Sollbruchstellen› unseres Bankensystems auseinandersetzen.»
Janssen drängt:» Wichtig ist, dass mit diesem Schritt nicht zugewartet wird, bis es zu spät ist. Sollte die Lawine ins Rollen kommen, gibt es kein Halten mehr. Der Schritt muss erfolgen, wenn scheinbar noch nicht der letztmögliche Zeitpunkt erreicht ist. Von zentraler Bedeutung ist dabei eine europaweite Koordination.»