Fieser Bschiss mit privaten Daten Adress-Händler tarnen sich als Familienverein

ZÜRICH - Mit dem «Familien & Kinder Verein Schweiz» versuchen Adressenhändler, persönliche Daten von Schweizer Familien zu erlangen. Ihre Beute bieten sie Versicherungsbrokern zu Schleuderpreisen an.

BSCHISS1.jpg play
Getarnt als Familienverein, versuchen die Adress-Händler an private Daten zu kommen. Screenshot

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Lehrlinge zeigen ihren Arbeitsalltag Coop startet Snapchat-Offensive
2 Trauriger Rekord Caritas-Märkte für Arme boomen
3 Banker-Legende Oswald Grübel (73) über Trump «Nehmen Sie nichts für...

Wirtschaft

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
0 shares
2 Kommentare
Fehler
Melden

Ein Schleppnetz für private Daten: An Heiligabend 2015 ging die Website «Familien & Kinder Verein Schweiz» online. Mit dem aufwendig und professionell gestalteten Angebot werden zahlreiche Dienstleistungen beworben – von Rechtsberatung über Hilfe bei der Lehrstellensuche bis zu Jugendkursen und Tagungen für Eltern. Die Betreiber versprachen allen registrierten Neumitgliedern ein Halbtax-Abonnement – gratis.

Auf den ersten Blick lässt sich kaum erkennen, was der als Familienverein getarnte Online-Auftritt in Wahrheit will: persönliche Angaben von Schweizer Familien. Neben Adressen und Telefonnummern interessieren sich die Betreiber vor allem für Angaben zur Krankenkasse: Wer den Kassenvergleich nutzt und einen Termin vereinbart, dem wird ein Gratis-Eintritt in den Europapark Rust versprochen.Was Interessenten bekommen, sind Werbeanrufe von Krankenkassenvermittlern. Denn die Masche geht so: Die auf der Website gesammelten Daten werden Versicherungsberatern zum Kauf angeboten. Zum Dumpingpreis.

10'000 Adressen von Helsana-Kunden

BSCHISS3.jpg play
So sieht das Angebot aus, das gezielt an Versicherungsbroker verschickt wird. Screenshot

Auch der Solothurner Steuerberater Thomas Hodel (45) erhielt ein solches Angebot. Früher verkaufte auch er Versicherungspolicen, heute will er damit nichts mehr zu tun haben. Gleichwohl offerierte ihm der angebliche Familienverein 10'000 Adressen von Helsana-Kunden zum Schnäppchenpreis von 600 Franken – Namen, Adressen, Geburtsdaten, Telefonnummern. «Wir erhalten immer wieder Angebote. Doch dieses ist an Dreistigkeit nicht mehr zu überbieten», so Hodel.

Die Krankenkasse Helsana nimmt die Sache ernst. Aufgeschreckt durch die SonntagsBlick-Recherchen, nahmen Helsanas IT-Spezialisten die Website unter die Lupe. «Wir haben zwei Vermutungen», sagt Stefan K. Burau (53), Leiter Informationssicherheit. «Entweder verfügen die Leute hinter dieser Website tatsächlich über Daten, oder sie geben nur vor, Daten zu haben, kassieren das Geld und der Besteller bekommt dieAdressen nie.»

Zwei mögliche Opfer

So gibt es zwei mögliche Opfer: gutgläubige Bürgerinnen und Bürger, die eine Mitgliedschaft bei dem angeblichen Familienverein akzeptieren und ihre Daten preisgeben; oder auch Versicherungsberater, die auf das günstige Angebot einsteigen, aber keine Daten erhalten.

Das Geschäft läuft jedenfalls weiter. Als Versicherungsberater getarnt, nahm SonntagsBlick Kontakt mit den Adressenhändlern auf. Und bekam prompt ein Angebot: 130000 Konsumenten-E-Mail-Adressen für 2500 Franken. Die Datensätze seien vorhanden, wird versichert. Bezahlen müsse man aber im Voraus. Möglich sei die Transaktion im Büro eines Freundes – der Anbieter selber befinde sich im Ausland. Kritische Fragen von SonntagsBlick liessen die Betreiber unbeantwortet.

So könnte man die Seite vom Netz nehmen

«Der Markt mit Daten und insbesondere die Nachfrage nach Ver­sicherungsdaten haben stark zu­genommen», sagt IT-Fachmann Burau. Konsumentenschützerin Sara Stalder (49) bestätigt: «Das ist ein grosses Geschäft. Mit der Familie kann man gut Leute ködern.»

Helsana will die Seite vom Netz nehmen lassen. Das sei aber schwierig, nicht nur weil sie über einen US-Server laufe. «Diese Website-Betreiber haben bewusst einen sogenannten Bullet-Proof-Hoster gewählt. Diese Unternehmen haben sich gegen eine freiwillige Kooperation mit Behörden ausgesprochen», sagt Anne-Florence Débois vom Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD).

Zur Löschung der Seite müsste eine Strafanzeige eingehen und ein Rechtshilfegesuch in den USA gestellt werden.

Publiziert am 14.11.2016 | Aktualisiert am 15.01.2017
teilen
teilen
0 shares
2 Kommentare
Fehler
Melden

2 Kommentare
  • Peter  Leo 14.11.2016
    Irgendwem Details bekanntgeben. Vorher nicht genau abklären, wo der Sitz des Vereins ist, wer sind die Organe. genaue Adresse, und überprüfen, etc? Und nachher jammern? Sich durch unrealistische "Geschenke" blenden lassen? Es sind wahrlich nicht Alle mündige Konsumenten.
  • Jürg  Brechbühl aus Eggiwil
    14.11.2016
    Ha be hier Cathy ONeill: "Weapons of Math Destruction" auf dem Tisch. Da werden nicht nur Daten gesammelt, sondern es werden später damit detaillierte statistische Modelle und Computersimulationen zum Kundenfang, für personalisierte Werbung und für die Manipulation der öffentlichen Meinung daraus gemacht. In den USA ist das gang und gäbe. Hier kommt es sobald das grosse joint venture von Boulevard, Telefon und Staatsfernsehen zustande kommt.