Ex-Swissair-Hostess Greta Gantenbein über das Grounding vor 15 Jahren Eine offene Wunde, die einfach nicht verheilen will

Als Flight Attendant der Swissair hat Greta Gantenbein die goldenen 1970er- und 80er-Jahre erlebt und auch das Grounding. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben über ein «Leben mit und ohne Swissair».

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Irgendwann im Januar 2015 fängt Greta Gantenbein an zu schreiben. Über sich und ihr Leben mit und ohne Swissair. Warum, weiss sie selber nicht genau. Weil sie Freude hat am Schreiben, etwas einsam ist seit der Pensionierung oder weil ihre Kinder das, was sie in drei Jahrzehnten in der Luft erlebt hat, vielleicht interessiert.

Wie auch immer: Greta Gantenbein schreibt sich in burschikos-ungekünstelter Sprache 200 Seiten von der Seele. Dass ihr Opus je gedruckt würde, kommt ihr nicht in den Sinn.

Bis sie an einem verregneten Sonntag beim Googeln auf den Schweizer Kleinverlag Wörterseh stösst. Ein Glücksfall: Seine Gründerin war einst Berufskollegin bei der Swissair. Das offizielle Foto von der Diplomfeier tat wohl auch seine Wirkung: zwei Dutzend frisch diplomierte Air-Hostessen, wie sie Ende der 1960er-Jahre noch heissen, feinsäuberlich aufgereiht vor einer Metropolitan-Maschine der Swissair.

Die zweite von links ist Greta Gantenbein. Eine inszenierte Aufnahme,die bei jeder Ehemaligen Nostalgie auslöst – seit dem Grounding der Fluglinie vor 15 Jahren sowieso. So läuft ihr Erstlingswerk über die Druckmaschinen und liegt zum Todestag der Swissair in den Buchläden.

Greta Gantenbein ist eine quirlige Frau. Sie übersetzt ihre Energie in gesprochene Worte, die um die Swissair kreisen. In ihrer Wohnung im Aargauischen ist die Swissair nicht totzukriegen. Die Tassen sind original Swissair, ebenso wie die Trolleys, die sie ein Berufsleben lang durch die Kabine geschoben hat.

Damit wird auch der tiefere Grund für ihr Schreiben spürbar: gedruckte Worte als Trauerarbeit an einem grossen Verlust. Das Grounding erscheint im Buch als offene Wunde, die einfach nicht verheilen will.

«Am 2. Oktober 2001 waren mein Mann und ich auf dem Heimweg vom Tessin, als der Nachrichtensprecher kurz vor dem Gotthardtunnel verkündete: die Swissair ist am Boden. Grounding!», schreibt sie. «Ich schnappte nach Luft, mein Puls schoss nach oben. Die Swissair, das Markenzeichen unseres Landes, erbärmlich am Boden, vor den Augen der Welt.» Für die Autorin, die ihr Herz auf der Zunge trägt, gibt es kein Halten mehr. Sie schreibt über Ospel und seine Bank, über den letzten Swissair-Chef Mario Corti, an dessen «Rockzipfel wie Ertrinkende» plötzlich das ganze Swissair-Personal hing, und über die deutsche Lufthansa, an die «unser einstiges Flaggschiff verscherbelt» worden sei.

Die Swissair und die UBS: Die eine ging unter, die andere erhielt Milliarden vom Staat. So etwas will Greta Gantenbein einfach nicht in den Kopf: «Als Laie fragt man sich, wieso eine Schweizer Bank, von denen es so zahlreiche gibt, so viel mehr wert war, gerettet zu werden, als unsere einzige nationale Fluggesellschaft.»

Wahrscheinlich hat sie beim Tippen dieser Worte die Tastatur ihres Computers malträtiert, als habe sie dabei an die Schweizer Grossbank gedacht. «Bei uns», heisst es im Text, «ging es doch auch um Zehntausende Arbeitsplätze!» Andere werden altersmilde. Ex-Flight-Attendant Gantenbein hat, wenn es um das Ende der Swissair geht, keine Nachsicht.

Versöhnung wird erst spürbar, als sie über länger zurückliegende Zeiten erzählt, in denen es zum Beispiel 50 Jahre nach dem ersten Nordatlantikflug darum geht, das historische Ereignis mit einer Originalmaschine und in Originaluniformen noch einmal zu durchfliegen. Eine der letzten flugtauglichen DC-4-Maschinen wird in Südafrika aufgetrieben und in Swissair-Farben lackiert. «Die DC-4-Mission brachte der Swissair viel Respekt und Aufmerksamkeit», notiert Greta Gantenbein mit leiser Bitterkeit, «leider hat sie das auch nicht vor dem Untergang gerettet.»

Als das Undenkbare geschehen ist, kommt das fliegende Personal im Zürcher Kaufleuten zu einer Abdankung für die Swissair zusammen. Dabei zeigen die Trauernden eine Modeschau mit Uniformen der Swissair.

Eine rothaarige Hostess mit grünen Augen tritt in der zeitlos eleganten Uniform von Nelly Diener auf, die in den 30er-Jahren die erste Swissair-Flugbegleiterin überhaupt war.

Es ist Greta Gantenbein.

Publiziert am 02.10.2016 | Aktualisiert am 04.10.2016
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Swissair-Grounding jährt sich zum 15. Mal

«Das Grounding bleibt ein trauriges Kapitel der Schweizer Wirtschaftsgeschichte, aus dem wir jedoch die Lehren gezogen haben», sagt Andreas Wittmer, Luftfahrtexperte an der Universität St. Gallen, auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. «Wir haben gelernt, dass auch das renommierteste Unternehmen untergehen kann.»

Swissair, das war ein Unternehmen, auf das die Nation stolz war. Wittmer trauert dem jedoch nicht nach. Für ihn geht auch die Lufthansa-Tochter Swiss als nationale Airline durch. «Das Entscheidende für ein Exportland wie die Schweiz ist, dass die Swiss selbstständig über die Flugziele entscheiden kann», sagt Wittmer.

In der Flugindustrie sei es entscheidend, dass ein Unternehmen eine kritische Grösse erreiche. Ein wichtiger Teil davon sei, dass die Swiss Anschluss an die Luftfahrtallianz StarAlliance gefunden habe.

Der Swissair brachten ihre Allianzen dagegen kein Glück. 1997 startete der damalige Konzernchef Philippe Bruggisser eine aggressive Kaufstrategie - die so genannte Hunter-Strategie. Bruggisser hoffte nach dem EWR-Nein mit dem Kauf von vielen kleinen aber eben auch unrentablen Fluggesellschaften und dem Schmieden von Allianzen die kritische Grösse der damals bereits isolierten Swissair zu erreichen.

Die Hunter-Strategie jedoch scheiterte kläglich. Bruggisser musste den Hut nehmen. Anfang 2001 übernahm für kurze Zeit Crossair-Besitzer Moritz Suter das Ruder der nationalen Airline. Nach dem Rücktritt des gesamten Verwaltungsrates mit seinem Präsidenten Eric Honegger folgte «Super-Mario» Corti. Aber auch der ehemalige Nestlé Finanzchef konnte den Sinkflug nicht stoppen.

Corti wurde dabei vor allem von der Swissair-Hausbank UBS unter der Führung von Marcel Ospel unter Druck gesetzt. Corti sollte später Ospel für das Grounding verantwortlich machen. Die Terroranschläge in New York am 11. September 2001 waren für die Airline-Branche ein Schlag, der der Swissair schliesslich das Genick brach.

Corti versuchte danach zwar noch mit Hilfe des Bundes und dem Aufbau einer Auffanggesellschaft unter dem Dach der Crossair die Airline in der Luft zu halten. Am 29. September lehnte es der Bundesrat jedoch ab, eine finanzielle Garantie zu gewähren. Am 1. Oktober übernahm die Crossair unter der Führung von André Dosé das Fluggeschäft der Swissair. Die SAirGroup, die SAirLines und Flightlease - die Betreibergesellschaften der Swissair - wurden in Nachlassstundung geschickt.

Diese Rettung kam aber zu spät. Am 2. Oktober kurz nach Mittag musste die Swissair den Flugbetrieb einstellen, weil ihr das Geld fehlte, um den Flugtreibstoff zu bezahlen. Rund 260 Maschinen und mit ihnen rund 19'000 Passagiere blieben an diesem Tag am Boden.

Es war ein Schock für die Nation, der auch den Bundesrat und die Banken zum Umdenken brachte. Mit einem Notkredit wurde ein reduzierter Flugbetrieb bereits am nächsten Tag wieder aufgenommen.

Am 1. April 2002 landete der letzte Linienflug aus Sao Paulo um 7.15 Uhr auf der Piste 16 des Flughafens Zürich-Kloten. Der Name Swissair war damit nach 71 Jahren definitiv Geschichte.

Danach zwangen die Überkapazitäten in der Airlinebranche, der Irakkrieg und die hohen Ölpreise die Swiss die Flotte fast um die Hälfte zu reduzieren. Im März 2005 schliesslich übernahm die Lufthansa für den Preis von 339 Millionen Franken die nationale Airline. (SDA)

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8 Kommentare
  • Hans Jakob  Rölli , via Facebook 03.10.2016
    Was meinen Sie mit:
    Ein reiches Land, wie die Schweiz?

    Ich bin nicht reich,
    auch meine Nachbarn und meine Verwandten sind nicht reich.

    Und wäre es sinnvoll gewesen,
    Staatsgeld in ein unfähiges Firmen-Gebilde zu investieren?
    Diese Milliarden Franken wären heute unwiederbringlich verloren.
  • Verena  Bécourt aus Lagarde-Paréol
    03.10.2016
    Ich war Swissair Hostess anfangs 60er Jahre. Habe mich nie als "Elite" gefühlt und habe bei Swissair weniger verdient als vorher als Dreisprachen-Sekretärin/Sachbearbeiterin - glaube daher nicht dass das Flugpersonal schuldig ist, Missmanagement wäre sicher eher der Fall. Was die Arbeitszeit anbetrifft waren es damals etwa 75 Stunden im Monat d.h. 75 Stunden in der Luft. Keine Wochenende, keine Feiertage, Tag- und Nachtarbeit!
  • Manfred  Grieshaber aus Zollikon
    03.10.2016
    Die Swissair hatte damals nur zwei Optionen: Mitglied einer Allianz zu werden oder Fluggesellschaften aus der EU zu kaufen. Anders wäre sich nicht an zusätzliche Slots gekommen. Sie konnte aber nur defizitäre Gesellschaften kaufen die sonst niemand haben wollte. Der Vorstand der Swissair wollte die Unabhängigkeit bewahren und hoffte wohl auch auf staatliche Unterstützung. Aber die Schweiz konnte sich nicht auf einen Subventionswettlauf gegen die EU einlassen, da hätte sich den Kürzeren gezogen.
  • Anton  Ehrlich 02.10.2016
    Was für ein Unsinn......die operativen Kosten waren viel zu hoch und ähneltem einem Faß ohne Boden.
    Die Angestellten, besonders das fliegend Personal, saugte die Firma aus.. Gehälter exorbitant, Arbeitszeit lächerlich gering und Arroganz unerträglich.
    Ich werde nie ein Saulus Erlebnis vergessen, die LH resistierte in Manhattan schmucklos auf engstem Raum im 4 Stock, die Swiss Air im einem riesige Showroom in der teuersten Lage.
    Jeder schweizer Steuerzahler wäre bis Heute in der Pflicht
    • Eddie  Flüeler 03.10.2016
      Genau, so war es. Viele Freunde von uns bestätigten, dass sie damals gelebt hätten, wie Maden im Speck, bei der Swissair.
  • Felix  Saxer aus Ruswil
    02.10.2016
    Stellen Sie sich vor, die UBS hätte weiter Geld in die Swissair gebuttert, ohne jegliche Sicherheiten, entgegen jeglicher Vernunft, mit dem Wissen, dass die xxx-Millionen verloren gehen. Was würde wohl der Bürger denken, wenn ihm ein Kredit von 5000.00 aus verständlichen Gründen nicht genehmigt wird oder einem Kleinunternehmen das Kontokorrent zu Recht gekündigt wird, weil er schon mit 200000.00 im Minus ist? Ich bin froh, wurde bei der Swissair mit denselben Ellen gemessen.