In einem Mail weist der UBS-Chef seine Angestellten zurecht. Ein Zeichen der Verzweiflung?
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Seit einem Jahr ist Sergio Ermotti an der Spitze der grössten Schweizer Bank. Jetzt kämpft er um das Vertrauen seiner eigenen Leute.
(Matthias Willi)
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Bankenprofessor Hans Geiger.
(Keystone)Was ist bloss in UBS-Chef Sergio Ermotti gefahren? Am Samstagnachmittag schreibt er seinen 63'500 Angestellten ein zorniges Mail. Der Auslöser ist ein gleichentags erschienener Artikel im «Tages-Anzeiger» mit Spekulationen über den bevorstehenden Abbau von bis zu 10'000 Stellen bei der Grossbank. Ermotti wendet sich an seine «lieben Kolleginnen und Kollegen», schreibt, er sei «persönlich enttäuscht, weil es Leute in der Bank gibt, die unverantwortlich oder lediglich in ihrem eigenen Interesse handeln, indem sie zu diesen Spekulationen beitragen» (siehe Auszug).
Dem UBS-Chef gehen die Nerven durch. Dass er seine Angestellten so anschnauzt, überrascht die Experten. Hans Geiger, emeritierter Bankenprofessor und ehemaliges Konzernleitungsmitglied der CS, sagt zu BLICK: «Ich weiss nicht, was das Mail soll. Ermotti ist wahrscheinlich ein bisschen einsam an der UBS-Spitze.» Die Unternehmenskultur in der Grossbank sei ernsthaft gestört. Mit einem Mail lasse sich das nicht beseitigen, meint Geiger.
Dass interne Dokumente an die Presse weitergeleitet werden, ist nicht neu. Aber seit die Grossbanken Mitarbeiterdaten an die USA ausliefern, gehört es zum Alltag. Darüber dürften sich Chefs von Grossbanken nicht wundern, bekräftigt Geiger: «Die Banken haben ihre Angestellten verraten. Das Vertrauensverhältnis ist dahin.»
Dazu komme der krasse Kulturwandel, der in den letzten Jahren die Bankenwelt erschütterte. Früher hätten sich Bankangestellte mit ihrem Arbeitgeber identifiziert. «Inzwischen wurde die Loyalität zerstört», sagt Geiger. «Nur noch der Lohn steht im Zentrum.»
Ist Ermottis Mail ein Zeichen dafür, dass der UBS-Chef längst ums eigene Überleben kämpft? Die «SonntagsZeitung» will von einem «offenen Machtkampf» wissen. In der Geschäftsleitung habe der schlecht vernetzte Tessiner vor allem Schweiz-Chef Lukas Gähwiler und Vermögensverwaltungs-Chef Jürg Zeltner gegen sich. Sie wollen offenbar ihre Bereiche schützen und die schmerzhaften Sparübungen ausschliesslich beim Investmentbanking durchsetzen.
Auch mit dem neuen UBS-Präsidenten Axel Weber soll Ermotti nicht besonders gut zurechtkommen.
«Weber kam in der Annahme, Oswald Grübel leite das Tagesgeschäft», sagt Geiger. «Grübel war halt ein ganz anderes Kaliber.» Ermotti war erst seit einem Jahr bei der UBS, als er Grübels Nachfolger wurde. Darum fehlt ihm laut Geiger die persönliche Verankerung in der Basis. Diese sei wichtig, um die Grossbank in schwierigen Zeiten zu führen.
Derzeit dreht sich alles um die Frage, wie viele Stellen die UBS streicht. Dass es einen Aderlass gibt, ist klar: Bei der Präsentation der Jahreszahlen im Februar kündigte die UBS den Abbau von 3500 Stellen bis Ende 2013 an. Ermotti damals: «Falls sich die Märkte wesentlich verschlechtern, wird die UBS ausserdem weitere Massnahmen ergreifen, um die Kostenbasis zu verkleinern.»
Genau das ist nun eingetroffen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird bei der Präsentation der Quartalszahlen am 30. Oktober eine weitere Sparrunde inklusive Stellenabbau angekündigt.
Schuld sind vor allem sinkende Margen bei den Finanzdienstleistungen und der Druck der Politik, die von den Grossbanken mehr Eigenkapital verlangt. Das geht vorläufig nur mit Einsparungen. Laut «Tages-Anzeiger» wird vor allem im IT-Bereich eingespart – gegen 1000 Stellen seien dort alleine in der Schweiz gefährdet.
Ermotti bekräftigt in seinem Mail, dass noch keine Entscheidungen gefällt wurden, und fügt hinzu: «In der Zwischenzeit bitte ich Sie, sich nicht von den Artikeln und Nachrichten in den Medien ablenken zu lassen.»
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