UBS-Steuerstreit Er will gegen 20 Schweizer Banken klagen

  • Publiziert: 08.08.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Peter Hossli
play Der Steuervogt: Seit 2008 leitet Douglas Shulman als Kommissär die amerikanische Steuerbehörde IRS. Der promovierte Jurist hat von US-­Präsident Obama den Auftrag gefasst, die leere amerikanische Staatskasse mit Steuer­geldern zu füllen. Bereits beim Amts­antritt verkündete der angriffslustige Beamte, er werde Steuer­oasen wie die Schweiz angreifen. (Keystone)

Gemütlich wird das nicht: Während sich der Abschluss des UBS-Steuerstreits verzögert, bereiten die USA neue Klagen gegen Schweizer Finanzhäuser vor.

Nicht Details brachten am Freitag den Vergleich im UBS-Steuerstreit ins Stocken. Ungeklärt bleiben die zentralen Streitpunkte.

«Die Schweiz will im Vergleich künftige Klagen gegen Banken ausschliessen», sagt US-Anwalt William Sharp, der US-Kunden von Schweizer Banken vertritt.

Ein ganz anderes Interesse dagegen hat die amerikanische Steuerbehörde IRS. «Ihr dient der Fall UBS als Blaupause, alle Schweizer Banken anzuklagen, die Amerikanern halfen, Gelder am Fiskus vorbeizuschmuggeln», so Sharp.

Mit einem ausgeklügelten Plan rüste sich der angriffige IRS-Kommissär Douglas Shulman für neue Klagen. «Betroffen sind rund zwanzig Schweizer Banken.»

Wie die Steuerbehörde IRS vorgeht, erlebt der Anwalt aus Florida aus nächster Nähe. Täglich begleitet er reuige Steuerhinterzieher zum Steueramt von Fort Lauderdale – zur Selbstanzeige. Packt der Kunde aus, sichert ihm die IRS Straffreiheit zu. Dann kommen die Fragen: «Bei welcher Schweizer Bank haben Sie wie viel Geld deponiert?», will der IRS-Mann etwa wissen. Und: «Wie heisst der Kundenberater?»

Die Antworten tippt der Steuervogt in einen Computer ein. «Damit legt er die Grundlage, um nach dem UBS-Vergleich weitere Zivilklagen gegen Schweizer Banken einzureichen und sie zu zwingen, Namen und Daten ihrer Kunden preiszugeben», erklärt Anwalt Sharp. Ziel der IRS ist ein genaues Bild, wie in Zürich oder Genf US-Kunden betreut werden. Es dient der US-Steuerbehörde dazu, neue Klagen vorzubereiten.

«Die IRS hat genug Indizien, um in sechs bis zwölf Monaten juristisch gegen zahlreiche weitere Schweizer Banken vorzugehen», meint auch der Steueranwalt Bryan Skarlatos. Wie im Fall UBS werde die IRS weitere sogenannte John-Doe-Klagen gegen Schweizer Finanzhäuser lancieren, glaubt er. Bei diesen Klagen handelt es sich um ein Pauschalverfahren gegen eine Gruppe, bei der die einzelnen Delinquenten namentlich nicht bekannt sind.

US-Gerichte akzeptieren sie, falls die Klägerin «hinreichenden Verdacht» darlegt. Die IRS etwa muss zeigen, dass eine Bank Amerikanern geholfen hat, Gelder am Fiskus vorbeizuschleusen. Hoch ist diese Hürde nicht. «Hatte eine Bank 40 US-Kunden, die sich bei der IRS selbst anzeigten, reicht das», so Anwalt Sharp. 34000 Amerikaner hätten bereits ihre Kundenbeziehungen zu Schweizer Banken offengelegt.

Längst melden sich nicht nur UBS-Kunden. «Vertreten sind sämtliche bedeutenden Schweizer Banken», sagt Jurist Skarlatos. Äussern wollte sich gegenüber SonntagsBlick keine. Die Banken wissen: Die IRS will weltweit gegen Banken vorgehen, «die Amerikanern helfen, Steuern zu hinterziehen», wie IRS-Kommissär Shulman sagt. Es ist sein Ziel, wohlhabende US-Bürger zu entlarven, die ihre Vermögen in Steueroasen horten.

Für den Schweizer Finanzplatz wären zusätzliche Klagen ein GAU. Die vom UBS-Vergleich erhoffte Ruhe wäre dahin.

Als Versager stünden die Schweizer Unterhändler – also auch der Bundesrat – da. Stets pochte er darauf, blinde Beutezüge zu stoppen. Nur Staatsverträge wie das Doppelbesteuerungsabkommen sollen den internationalen Austausch von Finanzdaten regeln, so die Schweizer Position. Nur eine solch universelle Lösung kann vor Klagen schützen.

Gefunden ist sie nicht. Sharp: «Die USA werden einem Verbot von Pauschalklagen nie zustimmen.»


400 Milliarden Schwarzgeld

Das ist die Summer aller Schwarzgelder auf den Konten der Schweizer Banken.

Aktuell verwalten die Schweizer Banken 2187 Milliarden Franken ausländische Kundengelder. Davon entfallen 820 Milliarden auf private und kommerzielle Kunden, also auf das Segment, das für Steuerhinterziehung besonders anfällig ist.

Wie viele dieser Gelder tatsächlich schwarz, also unversteuert, sind, müssten eigentlich die Privatbänkler am ehesten wissen. Ihre öffentlichen Schätzungen liegen nahe beieinander: Die beiden Genfer Privatbanker Jacques Rossier (71, Lombard Odier) und Ivan Pictet (65, Banque Pictet) tippen auf 25 bis 30 Prozent, bzw. «mehr als ein Drittel».

Ihr St. Galler Kollege Konrad Hummler (56) spricht von 30 bis 50 Prozent. Vertrauliche Schätzungen liegen meist etwas höher. So meint etwa ein Liechtensteiner Privatbankier: «Mindestens 50 Prozent werden es schon sein.» Eine «Stichprobe» der deutschen Steuerfahnder bei der LGT-Stiftung in Liechtenstein ergab sogar eine Quote von 99 Prozent.

Über den Daumen gepeilt kann man also mit einiger Gewissheit von einer Schwarzgeldsumme von rund 400 Milliarden Franken ausgehen. Bei einem Steuersatz von 30 Prozent dürften den ausländischen Steuerbehörden damit – einmalig – 120 Milliarden Franken entgangen sein. Bei einer Rendite von 5 Prozent kommen noch jährlich 6 Milliarden entgangene Ertragssteuern hinzu.

Die Beihilfe zu solchen Steuerersparnissen ist nicht gratis. Das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» schätzt deshalb, dass die Schweizer Banken mit der Verwaltung von Schwarzgeldern jährlich 8 Milliarden Franken Wertschöpfung generieren. 5 Milliarden dürfte eine realistischere Schätzung sein. Pro Kopf der rund 10000 Bänkler, die in dieser Branche tätig sind, wären das immer noch eine halbe Million Franken. 

WERNER VONTOBEL
play Paradeplatz. (RDB)

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