Mietzinsen explodieren    Einwanderung vertreibt den Mittelstand

  • Publiziert: 18.10.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Werner Vontobel und Iso Ambühl
play  Miete bisher: 3122.–    (Sabine Wunderlin)

Wohnungsnot, horrende Mieten, Vertreibung aus dem angestammten Quartier: Die Einwanderung geht jetzt auch zulasten des Mittelstandes.

Martin Bürki (38) ist in mehrfacher Hinsicht eine Symbolfigur für die urbane Schweiz. Als selbständiger Vermögensverwalter hilft er denen, die immer mehr Rendite wollen. Als Mieter gehört er zu den anderen, die darunter leiden. 3122 Franken brutto für seine Fünf-Zimmerwohnung am Bellariarain in Zürich-Wollishofen sind auch für Bürki kein Pappenstiel.

Doch aus dieser Wohnlage lässt sich mehr Rendite erwirtschaften. Deshalb wollen die Helvetia Versicherungen einen Teil der von ihnen bewirtschafteten Siedlung abreissen und höhere Häuser mit höheren Mieten bauen. «Unter 5000 Franken wird eine Fünfzimmer-wohnung im neuen Haus nicht zu haben sein», weiss Bürki. «Das ist für uns zu teuer.»

Als FDP-Mitglied und Präsident des Quartiervereins Wollishofen steht Bürki für den gehobenen Mittelstand, der sich nicht vertreiben lassen will und deshalb zur Gegenwehr greift: In der Stadt Zug haben jetzt Bürger wie er mit grosser Mehrheit einem Zonenplan zugestimmt, der die Besitzer verpflichtet, jede zweite Wohnung preisgünstig zu vermieten. Denn, so der Basler Stadtplaner Thomas Kessler: «Selbst reiche Zuzüger leben lieber in einer durchmischten Siedlung als an einem steuerlich optimierten, aber sterilen Standort.»

Kessler warnt: «Wenn wir nicht aufpassen, ist der soziale Zusammenhalt der Schweiz gefährdet.»

Vielleicht kommt seine Warnung schon zu spät. Gut 400000 Einwanderer haben seit 2000 die Immobilienpreise um rund 40 Prozent hochgetrieben. Dass die Mieten nach Abzug der Teuerung «nur» um zehn Prozent gestiegen sind, ist bloss den stark gesunkenen Hypozinsen zu verdanken. Was, wenn sie wieder auf Normalniveau steigen?

Die Folge ist eine riesige Umverteilung. An guten Lagen entfällt inzwischen rund die Hälfte der Miete allein auf Grundstückskosten, der Rest auf Bau, Unterhalt und Verwaltung. Schweizweit dürften die Grundbesitzer bei den Mietern inzwischen jährlich rund 20 Milliarden Franken Bodenrente kassieren.

Zugleich wird das Land sozial und regional auseinanderdividiert. Die Reichen ziehen an die Ufer des Zürich-, Genfer- oder Zugersees, die Armen in die schattigen Vororte. Am härtesten trifft es neuerdings den Mittelstand. Vor allem in Zürich, Zug und Genf werden Normalverdiener förmlich aus ihren Quartieren vertrieben.

Wohin mit ihnen? «Im Thurgau ist die Seesicht noch erschwinglich», lesen die Wollishofener auf Plakaten, die ihnen der Nachbarkanton vor die Nase gesetzt hat. Gezielt wirbt der Thurgau um gute Steuerzahler, die zwar in Zürich arbeiten, sich dort aber keine Wohnung mehr leisten können. Wohn- und Arbeitsort liegen immer weiter voneinander entfernt, wie der zunehmende Strom der Pendler belegt.

Martin Bürki und seine Frau Agnieszka denken nicht daran wegzuziehen. «Wir wohnen hier nicht nur, wir gehören auch dazu», sagt Bürki und fügt in seinem leicht zürcherisch angehauchten Berndeutsch hinzu: «Wir hatten hier schon immer ein reges Quartierleben, aber seit unserem Kampf gegen das Neubauprojekt ist es noch besser geworden.»

Zug orientiert sich an San Francisco

Die Stimmbürger der Stadt Zug sagten Ende September mit grosser Mehrheit Ja zu einer neuen Zonenordnung. Darin werden die Besitzer von vier Sonderzonen mit total 60000 Quadratmetern verpflichtet, «mindestens 50 Prozent der anzurechnenden Geschossfläche für den preisgünstigen Wohnungsbau» zu verwenden und so Raum für mindestens 340 erschwingliche Wohnungen zu schaffen.

Für die Grundbesitzer bedeutet das konkret, dass sie die Hälfte ihres Landes für rund 500 Franken pro Quadratmeter verkaufen beziehungsweise zur Verfügung stellen müssen. Der Marktpreis hingegen liegt bei 3000 Franken und mehr. Vorbild für diese Zonenordnung ist der «General Plan» von San Francisco (USA). In den Neunzigerjahren hatte die Dotcom-Blase dort Immobilien-preise und Wohnungsmieten in schwindelerregende Höhen gejagt und schwere soziale Unruhen ausgelöst.

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