Brutaler Preiskrieg im Detailhandel Droht uns jetzt der Lohnzerfall?

  • Publiziert: 09.01.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Werner Vontobel
play Warner: Der brutale Preiskampf ist für Migros-Chef Herbert Bolliger «volkswirtschaftlich ganz übel». (Keystone)

Auf dem Lohnzettel sieht man kaum einen Unterschied. Doch wer die Nebenleistungen zusammenrechnet, sieht: Die Discounter Aldi und Lidl zahlen ihren Angestellten gut 15 Prozent weniger als die genossenschaftlich organisierten Schweizer Marktführer Coop und Migros.

Migros-Chef Herbert Bolliger (56) warnte jüngst mit Blick auf Deutschland vor den Folgen des «brutalen Preiskampfs» im Detailhandel: «Das ist volkswirtschaftlich ganz übel.» In Deutschland oder den USA hat sich diese Befürchtung längst bewahrheitet: Wenn die Löhne im Detailhandel und bei den Zulieferern ins Rutschen geraten, kippt der ganze Arbeitsmarkt. Die Folge ist ein wachsender Billiglohnsektor mit Löhnen am oder gar weit unter dem Existenzminimum.

Auch in der Schweiz stehen die Löhne im Detailhandel unter Druck: Die Branche beschäftigt vor allem gering qualifizierte Arbeitnehmer, darunter viele Mütter schulpflichtiger Kinder, die es auf dem Arbeitsmarkt ohnehin schwer haben. Zudem nimmt die Zahl der Stellen im Detailhandel wegen der steigenden Produktivität tendenziell ab und die Preiskonkurrenz hat sich verschärft.

Doch noch ist nichts passiert. Zwei genossenschaftlich organisierte Marktführer und aktive Gewerkschaften haben einen Lohnzerfall bisher verhindert. Sogar Deutschlands Discounter Aldi und Lidl haben begriffen, dass die Schweizer nicht gern bei Lohndrückern einkaufen. Zumindest ihre Bruttolöhne, bei Aldi sind es rund 4500 Franken mal 13, halten sich im schweizerischen Rahmen.

Unter dem Strich sieht es etwas anders aus. «Alles in allem zahlen Migros und Coop gut 15 Prozent mehr als Aldi und Lidl», sagt Robert Schwarzer (57), Branchensekretär Detailhandel bei der Gewerkschaft Unia. Eine von der Unia in Auftrag gegebene Studie soll demnächst veröffentlicht werden. Migros-Kommunikationschefin Monica Glisenti beziffert die im Gesamtarbeitsvertrag verankerten Mehrleistungen «sogar auf 25 Prozent».

Im Einzelnen geht es dabei um all die kleinen Vergünstigungen, die im Verlaufe der Jahre ausgehandelt worden sind: Treueprämien, Beiträge für Kinderkrippen und Weiterbildung, Vaterschaftsurlaub, Arbeitsplatzgarantie bei Mutterschaft, Einkaufsrabatte usw. Entscheidend ist aber vor allem die Pensionskasse. Aldi und Lidl halten sich hier an das gesetzliche Minimum. Coop und Migros bieten deutlich mehr. Das schenkt ein: Bei Coop etwa kann eine durchschnittliche Verkäuferin nach 39 Jahren mit 2100 Franken monatlicher BVG-Rente rechnen. Nach BVG-Minimum sind es beim gleichen Lohn etwa 1250 Franken.

Paloma Martino und Sven Bradke, Sprecher von Lidl bzw. Aldi, wollen diese Schätzungen nicht kommentieren: «Wir kennen die Lohnkosten der Konkurrenz nicht.»

In Deutschland drücken die Detailhändler ihre Arbeitskosten vor allem, indem sie ihr Personal nur bei Bedarf stundenweise einsetzen und die geleisteten Arbeitsstunden erst noch zu ihren Gunsten falsch abrechnen. Aufmüpfige Verkäuferinnen werden schikaniert. Schwarzer sieht in der Schweiz ähnliche Tendenzen. «Bei Gesprächen mit Verkäuferinnen erhalte ich oftmals den Eindruck, dass diese bei Aldi und Lidl wie Dreck behandelt werden», sagt er.

Solche Vorwürfe werden von Martino und Bradke vehement dementiert. Martino weist etwa ausdrücklich darauf hin, dass bei Lidl die Arbeitszeiten elektronisch und von den Mitarbeitern selbst erfasst werden. Eine gute Work-Life-Balance und Sozialverträglichkeit seien bei Lidl Teil der Unternehmensgrundsätze. Arbeit auf Abruf kommt gemäss den Pressesprechern weder bei Aldi noch Lidl vor – zumindest nicht in der Schweiz.

Dennoch bleibt die Frage: Wie lange können sich die Platzhirsche Migros und Coop ihre um 15 bis 25 Prozent höheren Lohnkosten noch leisten? Zumindest bei den Zulieferern fordert der knallharte Preiswettbewerb schon seine Opfer: Bei den Herstellern von Nahrungsmitteln, Getränken und Kleidern sind die Löhne ausgerechnet in den Boomjahren 2005 bis 2008 real gesunken. 

play

Preiskampf: Lidl und Aldi drücken in der Schweiz die Preise – auf Kosten ihrer Angestellten?

(Keystone)

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