Krankenversicherung Die faulen Tricks der Kassenmakler

  • Publiziert: 24.05.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Roman Seiler
play Die Chefs des Maklerzentrums Schweiz: Stephan (links) und Rolf Wirz sowie...

Meist schlecht ausgebildete Vermittler machen für Billigkassen Jagd auf Neukunden. Besonders fragwürdig geht das Maklerzentrum Schweiz vor.

Die Preisexplosion bei Krankenversicherern treibt Tausende zu Billigkassen. Bis zu 20 Prozent steigen die Prämien 2010 (siehe Grafik). Das ärgert die Versicherten – und freut die Makler. Sie machen für Kassen Jagd auf neue Kunden. Vorausgesetzt, die sind jung und gesund. Pro Vertragsabschluss winkt den Vermittlern eine Provision von mehreren Hundert Franken.

Den Kassen ist die Anwerbung «guter Risiken» jährlich mehr als 200 Millionen Franken wert. Für Versicherungsmakler ein Honigtopf. Um sich daran zu laben, greifen manche von ihnen zu üblen Tricks. Besonders aggressiv: das Maklerzentrum Schweiz in Basel.

40 Telefonisten baggern Kunden an, um sie zum Gespräch mit einem der 40 Berater zu überreden. Deren Arbeit wird monatlich mit 5000 bis 5500 Franken vergütet. Die Angestellten am Telefon erhalten für ihren 60-Prozent-Job 2000 bis 3000 Franken.

Je mehr Beratungsgespräche sie anbahnen, desto höher das Gehalt. Um Kranke von Anfang an auszusortieren, bombardieren sie Kunden mit Fragen wie: «Nehmen Sie Medikamente?» Wird mit Ja geantwortet, ist das Gespräch beendet.

Gern behaupten die Gesprächsanbahner sogar, im Namen des Krankenversicherungsverbandes tätig zu sein (siehe Telefonprotokoll). Inzwischen haben, so der Kassenverband Santésuisse, «Klagen verunsicherter Personen» zugenommen.

Der Verband distanziert sich «in aller Form von Maklern und Vermittlern, die den Anschein erweckten, sie wären für Santésuisse tätig», so Sprecher Paul Rhyn. «Wir haben nie mit Maklern oder Vermittlern gearbeitet.» Die Öffentlichkeit müsse vor deren «unprofessionellem Geschäftsverhalten» gewarnt werden.

Auch die Machenschaften des Maklerzentrums Schweiz stossen Santésuisse auf. Die Geschäftsleitung des Unternehmens besteht aus Kaufmann Rolf Wirz und Sohn Stephan, der sich zum diplomierten Sozialversicherungsfachmann ausbildet, sowie Michael Hug.

Der arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Kassenmakler. 2002 machte seine «Neutrale Versicherungsbörse» wegen eines Konkurses Schlagzeilen. Und war keineswegs neutral: Meist vermittelten Hugs Leute ein Discountangebot der Groupe Mutuel.

Heute sind sie im Maklerzentrum, so Stephan Wirz, nicht nur für das Walliser Kassenkonglomerat tätig, sondern auch für Billigkassen von Visana und Helsana. 6000 Abschlüsse wollen sie 2009 schaffen. Michael Hug amtet als Ausbildner der Telefondrücker und Berater.

2003 und 2004 protestierte Santésuisse, weil Hugs Leute vorgaukelten, sie arbeiteten im Namen des Verbands Schweizerischer Krankenversicherer. Diesen Vorwurf weist Stephan Wirz heute zurück: «Wir suggerieren gegenüber Kunden nicht, im Auftrag von Santésuisse zu arbeiten.»

Bei den Telefonierern sei die Rede von einem Verband für Versicherte. «Wir bieten am Telefon Kollektivverträge an und erklären potenziellen Kunden, dass sie diese über das Versicherungs-Forum erhalten können.»

Also alles sauber? Auf einen Anruf von SonntagsBlick reagierte ein Kadermitglied des Maklerzentrums mit dem Hinweis auf den Kollektivvertrag der Schweizer Kader Organisation (SKO). Deren Geschäftsleiter Urs Meier (51) wettert: «Es ist verwerflich, dass man auf diese Weise mit unserem Namen hausieren geht. Wir kennen diese Leute nicht und werden sie auffordern, uns nicht mehr zu nennen.»

Auch bei der Helsana seien Reklamationen über das Maklerzentrum eingegangen, so Sprecher Rob Hartmans: «Wir besprechen diese jeweils mit den Herren Wirz.» Anschliessend werde beim Kunden nachgefragt, ob die Beschwerde erledigt sei. «So stellen wir sicher, dass zweifelhaftes Geschäftsgebaren von Maklern nicht unserem guten Ruf schadet.»

Und der Ombudsmann der sozialen Krankenversicherung, Rudolf Luginbühl (56), sagt: «Das Auftreten von Vermittlern des Maklerzentrums Schweiz ist nicht immer seriös.» Sie hätten Kunden bedrängt, um mit ihnen in Kontakt zu treten: «Bei uns erkundigten sich verunsicherte Leute, ob die Angabe korrekt sei, man erhalte vom Krankenversicherer Geld zurück.»

Dass seine Angestellten unseriöse Methoden anwenden würden, weist Stephan Wirz zurück: «Wenn ein Mitarbeiter dies täte, würde er sofort entlassen. Wir bestreiten sämtliche Vorwürfe. Wir investieren enorm viel in die Qualität unserer Beratung und betreiben unser Geschäft kundenorientiert.»

Krankenkassenprämien: Die durchschnittlichen Aufschläge 2010* (siehe Grafik unten)

Je nach Kanton betragen die durchschnittlichen Prämienaufschläge für 2010 zwischen fünf und 20 Prozent. SonntagsBlick weiss: In Bern, Glarus, Obwalden und Uri dürften die Beiträge wegen zu tiefer Reserven am stärksten erhöht werden. 

Das ist ein Thema des morgen stattfindenden runden Tisches zu den Grundversicherungsprämien. Das Bundesamt für Gesundheit, die Krankenkassen und die Kantone nehmen daran teil.

*In ausgewählten Kantonen

Das Telefonprotokoll

Gleiche Adresse, gleiche Telefonnummer: Hinter dem Versicherungs-Forum Schweiz und dem Maklerzentrum Schweiz stecken die gleichen Personen. Wie deren Angestellte am Telefon auf Kundenfang gehen, zeigt das Gesprächsprotokoll eines Ex-Mitarbeiters einer Krankenkasse:

Makler (M): Guten Tag, ich telefoniere Ihnen im Auftrag des Versichererverbandes. Wir haben eine Liste und sehen da, dass sie keinen Gebrauch machen von Rabatten von fünf bis 40 Prozent.
Kunde (K): In diesem Fall arbeiten Sie für Santésuisse?

M: Ich habe hier eine Liste des Verbandes aller Versicherer.
K: Verstösst das nicht gegen den Datenschutz?

M: Ja schon, aber wissen Sie, die Liste ist anonymisiert.
K. Ich dachte, Sie kennen meine Rabatte.

M: Ja, ja – aber sonst nichts. Ich weiss nicht, bei wem Sie versichert sind und welche Produkte Sie genau haben.
K: Wer zahlt denn eigentlich diese Vergünstigungen?

M: Das weiss ich auch nicht so genau. Ich glaube, das bezahlt dann der Versichertenverband. Aber lassen Sie uns doch einen Termin vereinbaren. Wir werden das alles im Detail klären.





So schaden Makler Kunden

Nicht alle Versicherungsmakler arbeiten unprofessionell, so Rudolf Luginbühl (56). Dennoch beobachtet der Ombudsmann der sozialen Krankenversicherung die Szene mit Sorge: «Die Probleme mit Vermittlerorganisationen nehmen zu.» Oft schadeten Vermittler ihren Kunden sogar. Einige Beispiele:

– Kunden zahlen nach einer Vermittlung mehr als vorher, weil sie Rabatte ihres früheren Versicherers verlieren.

– Vermittler drängen Kunden zur Anzeigepflichtverletzung. Sie suggerieren, bei der Gesundheitsdeklaration für den Abschluss von Zusatzversicherungen seien gewisse Fragen unwichtig.

– Vermittler kündigen im Auftrag von Kunden Zusatzversicherungen zu früh oder zu spät. Entweder hat der Kunde dann keine oder eine Doppelversicherung.

Deshalb fordert die Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, Sara Stalder (42), vom Bundesamt für Gesundheit, die Versicherten auf neutrale Beratungsstellen hinzuweisen:

«Versicherte können sich bei uns vor Vertragsabschluss erkundigen. Wir klären ab, ob die Offerte wirklich auf sie zugeschnitten ist.»
play ...Michael Hug. Damals führte dieser noch die ­Neutrale Versicherungsbörse.

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