Die Börse spielt verrückt

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Werner vontobel

Die Börsen sind weltweit eingebrochen. Der Grund liegt in der Krise der globalen Kreditmärkte. Bereits haben die Notenbanken reagiert.

Vier Jahre lang war die Börsenwelt in Ordnung: Die Aktienkurse stiegen, und das auf solidem Fundament: Die Zinsen dümpelten auf einem historischen Tief und die Löhne hinkten weit hinter dem Wirtschaftswachstum her.
Ergo stiegen die Firmengewinne. 2002 wiesen die an der Schweizer Börse kotierten Unternehmen noch einen Gesamtgewinn von 18,6 Milliarden Franken aus. Dieses Jahr schätzt die Bank Vontobel die Summe aller Gewinne auf 93 Milliarden. Eine Verfünffachung.

Jetzt schlägt das Pendel zurück – und zwar aus den USA. Auch dort sind die Gewinne schnell und die Löhne kaum gestiegen. Trotzdem wurde munter konsumiert – und zwar auf Pump. Fast die Hälfte der US-Haushalte geben Jahr für Jahr mehr Geld aus als sie einnehmen. Seit 2001 erhöhten sich die Schulden der US-Haushalte von 7000 auf 13 000 Milliarden Dollar. Rund 60 Prozent der zusätzlichen Konsumausgaben wurden mit Hypo- und Konsumkrediten finanziert.

Banken haben plötzlich Probleme

Jetzt ist die Blase geplatzt. Die Auswirkungen sind weltweit spürbar. Nicht nur gingen zahlreiche Hedgefunds pleite, sondern – was viel gravierender ist – auch Banken sind in Schwierigkeiten geraten. In Deutschland etwa ist die Mittelstandsbank IKB wegen ihres Hypogeschäfts in den USA in Schieflage. Gerät nun das globale Banken- und Finanzsystem in die Krise?

Eher nicht. Die Banken waren im vergangenen Jahrzehnt vor allem damit beschäftigt, ihre Kreditrisiken auf Pensionskassen, Hedgefunds und Privatanleger abzuwälzen. Doch niemand weiss genau, wie viele Milliarden die Hegefunds den Geschäftsbanken schulden. Ausserdem droht Gefahr von Sammelklagen: Haben die Banken ihre Kunden und Geschäftspartner ausführlich genug über die Risiken informiert?

Doch Gefahr droht vor allem von den US-Konsumenten. Sie waren bisher mit ihrem Leben auf Pump der wichtigste globale Konjunkturmotor. Ohne das 850 Milliarden-Handelsbilanzdefizit der USA könnten die Schweiz und Deutschland ihren exportgetriebenen Aufschwung vergessen.

Die grosse Frage lautet nun: Wer kann die US-Konsumenten als Nachfragemotor ablösen? Werden die Banken jetzt auf Angst vor weiteren Verlusten ihre Kreditlinien kappen und den Aufschwung auch in Europa abwürgen? Es gibt einen Hoffnungsschimmer: Die Europäische Zentralbank hat die Gefahr erkannt und den Banken über 150 Milliarden Euro zu Verfügung gestellt. Die US-Notenbank steuerte ihrerseits 35 Milliarden Dollar bei.

«Jetzt ist die Chance zum Einsteigen»



Muss man jetzt alle Aktien verkaufen?
Janwillem Acket: Nein. Es kann zwar sein, dass die Kurse kurzfristig noch sinken. Aber langfristig ist jetzt die Gelegenheit, sich günstig einzudecken.

Trotz der akuten Kreditkrise?
Die ist im wesentlichen eine Sache der USA und betrifft nur ein kleines Segment der Hypothekarschuldner.

Sehen Sie die Gefahr, dass der Konsum in den USA abgewürgt wird mit Auswirkungen bis nach Europa?
Nein. Die US-Lohneinkommen sind im ersten Halbjahr um 6,2 Prozent gestiegen. Die Firmengewinne um rund 10 Prozent. Auch in der Schweiz sind die Auftragsbücher der Firmen voll.

Trotzdem herrscht an den Börsen Panik.
Viele Anleger nehmen jetzt ihre Gewinne mit. Und dann sitzen sie auf Bargeld, das sie wieder anlegen müssen. Am besten in Aktien. Das wird die Kurse wieder steigen lassen.

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