Wirtschaftspublizist Werner Vontobel erklärt die Finanzkrise Die Amis haben unsere Ersparnisse verjubelt

  • Publiziert: 20.09.2008, Aktualisiert: 02.01.2012

Eine Bank nach den andern geht pleite oder wird vom Staat übernommen. Wie kommen wir aus dieser Krise heraus? Der Schlüssel liegt in der Realwirtschaft, nicht im Finanzsystem.

Es ist grotesk. Während die US-Regierung laufend Löcher stopft und wir Schweizer um unsere Rente bangen, schwillt die globale Kredit- und Schuldenflut weiter an. Die US-Haushalte geben immer noch mehr aus als sie einnehmen. Der Irak-Krieg wird weiterhin mit ungedeckten Schecks aus dem Ausland finanziert. Die USA werden auch dieses Jahr für gut 700 Milliarden Dollar mehr importieren als exportieren.

Doch an diesen 700 Milliarden hängen weltweit über 15 Millionen Arbeitsplätze. Die Amerikaner verprassen zwar unsere Rente – sichern aber damit auch unsere Jobs. Bricht die US-Konsum- und Schuldenmaschine ein, ist die Weltkonjunktur erst recht im Eimer. Wie konnten wir nur in diese Zwickmühle geraten?

Beispielsweise mit dem volkswirtschaftlich unsinnigen Experiment namens BVG – der 2. Säule. Will ich meine Rente mit Kapital decken, muss ich bis zur Pensionierung Bankguthaben, Aktien, Obligationen und Staatsanleihen im Wert von rund 15 Jahreslöhnen anhäufen.

Dazu brauche ich Schuldner, die bereit sind, mein Geld entgegenzunehmen und nach 40 Jahren mit Zins und Zinseszins zurückzuzahlen. Die Altersvorsorgesysteme haben sich zu riesigen Wertpapier-Schleudern entwickelt.

Inzwischen hat sich auch der globale Standortwettbewerb zu einer Quelle massiver Verschuldung entwickelt. Beispiel Deutschland: Unser Nachbar versucht seit Jahren erfolgreich, dank tiefer Löhne die Exportüberschüsse zu erhöhen. Seit 2000 ist deshalb der Anteil der Löhne am Volkseinkommen von 72,2 auf 63,7 Prozent gesunken. Das bedeutet jährlich rund 150 Milliarden Euro weniger Konsum. Die Rechung geht nur auf, wenn jemand die Überschüsse kauft – und sich entsprechend verschuldet.

China tut mit seiner künstlich billig gehaltenen Währung dasselbe. Auch die Schweiz und Japan exportieren mehr als sie importieren. Die Überschüsse der einen sind die Defizite der andern (siehe Tabelle). Die weitaus grössten Defizite entstehen in den USA. Das ist auch einer der Gründe, warum die längst überfällige Krise schliesslich dort ausgebrochen ist.

2007 belief sich das US-Leistungsbilanzdefizit auf 739 Milliarden. Seit 2002 haben sich die US-Schulden gegenüber dem Ausland um fast 8000 auf 15507 Milliarden Dollar erhöht (siehe Tabelle). Dass die USA Schulden anhäufen und entsprechende Wertpapiere in Umlauf geraten, war bis vor kurzem erwünscht. Schliesslich wollten die Chinesen, Deutschen und Schweizer Reserven anlegen und Wertpapiere horten.

Dass diese Schulden vor etwa einem Jahr ein kritisches Mass erreicht haben, liegt vor allem an den Hypothekenschulden, die jährlich um gut 1000 Milliarden zugenommen und jetzt einen Pegelstand von 14644 Milliarden Dollar erreicht haben.

Diese aus den Überschussländern gespeiste Kreditschwemme hat von 2001 bis 2006 zu einer Verdoppelung der US-Immobilienpreise geführt. Die Einkommen der US-Haushalte und Hyposchuldner sind aber nur um 18 Prozent gestiegen. Das konnte nicht gut kommen. Inzwischen können 6,35 Prozent aller Hypokredite in den USA nicht mehr bezahlt werden. Die Immobilienpreise sind um 19 Prozent gesunken.

Das sind Wertverluste von mehreren Tausend Milliarden Dollar. Sie treffen auf ein Bankensystem, das eng vernetzt, aber äusserst dünn kapitalisiert ist. Bei der UBS etwa lag das Eigenkapital zeitweise unter 2 Prozent der Bilanzsumme. Damit waren Crash und Krise programmiert.

Jetzt wird das globale Finanzsystem praktisch verstaatlicht. Doch das reicht nicht. Der Kern des Übels liegt in der Weltwirtschaftsordnung. Um die Kreditschwemme zu stoppen, braucht es globale Spielregeln für die Handels-, Lohn- und Währungspolitiken. Ländern, die sich mit Lohn- und Währungsdumping Vorteile zu Lasten der andern erschleichen, muss die Rote Karte gezeigt werden. Und die Schweiz? Wir müssen die zweite Säule zurückstutzen und dafür die AHV ausbauen. Nur so können wir in Zukunft unsere Rente selbst verprassen – ohne dabei den Job zu verlieren.  

Was es für uns heisst

Die Krise des globalen Finanzsystems wirkt sich auch auf die Schweiz aus. Was bedeutet das für unsere Arbeitsplätze und unsere Ersparnisse? Droht uns eine Rezession?

Pensionskassen
Die Anlagen der Pensionskassen haben seit Jahresbeginn 4 bis 10 Prozent an Wert verloren – je mehrAktien, desto höher der Verlust. Damit liegt die Gesamtrendite der vergangenen drei Jahre bei plus/minus null. Der Mindestzinssatz lag aber bei 2,75 Prozent. Da die Renten nicht gekürzt werden können, drohen den Beitragszahlern höhere BVG-Abzüge. Das wäre Gift für Nachfrage und für die Konjunktur.

Konjunktur
Das weltweit verlangsamte Wirtschaftswachstum wird unsere Exporte dämpfen. Bis jetzt sieht es so aus, als könne die Binnennachfrage diesen Ausfall kompensieren. Der Konsum ist auch im Juli auf 2,3 Prozent gestiegen. Die Hypothekarkredite nehmen ebenfalls zu. Das ist gut für die Bauwirtschaft. Und in der Industrie sind die Auftragsbücher voller denn je – ein Zeichen dafür, dass auch die Exportindustrie nicht allzu sehr leidet.

Arbeitsplätze
Seit zwei Jahren nimmt die Zahl der Arbeitsplätze in der Schweiz stark zu. Dieser Zuwachs dürfte sich abschwächen. Die grosse Mehrheit der Schweizer ist überzeugt, dass ihr Arbeitsplatz sicher ist. Solange das so bleibt, läuft auch der Konsum, was wiederum die Jobs sichert. Das Staatssekretariat für Wirtschaft schätzt deshalb, dass die Arbeitlosenquote auch nächstes Jahr mit 2,6 Prozent (heute 2,4 %) tief bleiben wird.

Zinsen
Je schlechter die Konjunktur, desto tiefer die Zinsen. Diese Regel gilt auch jetzt. Die Sparer müssen froh sein, wenn ihr Geld sicher angelegt ist. Ein hoher Zins ist zweitrangig. Die Nationalbank hat zwar die kurzfristigen Zinsen nicht herabgesetzt, aber die langfristigen sind seit Juli um rund ein halbes Prozent gesunken. Die Gefahr steigender Hypothekarzinsen dürfte damit für längere Zeit gebannt sein.

Börse
Seit dem Allzeithöchst vor einem Jahr sind die Schweizer Aktien um rund 25 Prozent gesunken. Viele Titel haben sich im Wert halbiert. Wer langfristig anlegen kann, profitiert jetzt von günstigen Preisen. Wer jetzt verkauft, könnte es später bereuen. Doch Vorsicht: Beim letzten Crash verloren die Aktien sogar fast 40 Prozent an Wert, bevor sie sich erholten. 

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