Daten beweisen So tricksen Spezialärzte den Bundesrat aus

Daten beweisen: Spezialärzte machen Kasse mit unnötigen Leistungen. Bis zu 200 Millionen Franken kostet die Mengenausweitung.

  play

Illustration: Igor Kravarik

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Service nur in 1. Klasse Pendler-Vertreter ärgert sich über Zug-Catering
2 BLICK war schon da Morgen eröffnet der erste Hipster-Aldi
3 «Monster Trucks» Paramount schreibt wegen Bub (4) 115 Millionen ab

Wirtschaft

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
83 shares
26 Kommentare
Fehler
Melden

Kostenexplosion bei Schweizer Spezialärzten: Zwischen Oktober 2014 und März 2015 haben Spezialisten bestimmte technische Leistungen über zehn Prozent häufiger angeordnet als im Vorjahr. Sie haben damit das Wachstum der Gesundheitskosten zusätzlich befeuert. Das zeigen Zahlen, die das Bundesamt für Gesundheit auf Anfrage von SonntagsBlick offenlegt.

Jean-François Steiert, SP-Nationalrat (FR) und Gesundheitspolitiker. play

Jean-François Steiert, SP-Nationalrat (FR) und Gesundheitspolitiker.

Die Kosten dieser Mengenausweitung sind massiv. Der SP-Gesundheitspolitiker Jean-FranÇois Steiert (54) beziffert sie mit bis zu einem Prämienprozentpunkt. «Pro Jahr dürfte das zwischen 100 und 200 Millionen Franken ausmachen», schätzt der Freiburger Nationalrat.

Die Rechnung zahlen die Prämienzahler!

Hintergrund der Mengenausweitung: Unter Ärzten klaffen die Einkommensverhältnisse weit auseinander. Spezialisten wie Augenärzte, Magen-Darm-Experten oder Radiologen kassieren rasch über 300 000 Franken pro Jahr, die Mehrheit der Hirnchirurgen verdient gar über 405 000 Franken. Vergleichsweise mager ist da der Zahltag von Haus- und Kinderärzten. Bei vielen beträgt das Einkommen nur einen Bruchteil der Spezialisten-Saläre.

Auch wegen dieser Einkommensschere ist die Schweiz überversorgt mit teuren Spezialisten, doch bei der Grundversorgung herrschen teils gravierende Mängel.

Im Sommer 2014 griff der Bundesrat ein. Er setzte durch, dass Haus- und Kinderärzte für jede Grundkonsultation rund neun Franken zusätzlich erhalten. Zugleich kürzte er die Tarmed-Entschädigung (siehe Box) für gewisse technische Leistungen, die primär von Spezialärzten angeboten werden und die dank technologischem Fortschritt heute günstiger sind als früher. Zu diesen Leistungen zählt etwa die Röntgenuntersuchung.

Das Ziel der Landesregierung lautet: Die Besserstellung der Grundversorger sollte kostenneutral bleiben. Also nicht auf dem Buckel der Allgemeinheit stattfinden.

Doch der Bundesrat hat die Rechnung ohne die Spezialärzte gemacht. In den ersten sechs Monaten unter dem neuen Tarifregime hat sich die Tarifkürzung bei ihnen nicht in tieferen Einkommen niedergeschlagen. Während Grundversorger deutlich weniger sogenannte Taxpunkte für die um 8,5 Prozent gekürzten technischen Leistungen verrechneten (–6,4 %), setzte sich bei Spezialisten auch in diesem Bereich ein Kostenwachstum fort (+0,9 %). Das heisst: Die Spezialisten haben die Tarifsenkung durch eine Mengenausweitung überkompensiert.

Sie schickten etwa mehr Patienten zum Röntgen. Auch wenn dies medizinisch nicht angezeigt war.  BAG-Sprecherin Michaela Kozelka sagt: «Die Tarifanpassung hätte bei den Spezialisten eigentlich einen Rückgang der verrechneten Taxpunkte zur Folge haben müssen.» Doch auch in jenen Bereichen, in welchen die Taxpunkte gekürzt wurden, sei das Volumen weiter angestiegen. «Das ist nur möglich, wenn die Spezialisten erheblich mehr gekürzte Leistungen verrechnen.»

Verena Nold, Direktorin des Krankenkassenverbands Santésuisse. play

Verena Nold, Direktorin des Krankenkassenverbands Santésuisse.

Verena Nold (53), Direktorin des Krankenkassenverbands Santésuisse, kritisiert das Verhalten der Spezialärzte: «Sie haben die Leistungskürzung mit einer generellen Mengenausweitung kompensiert. Das ist schlecht. Die Rechnung zahlen letztlich die Versicherten.»

Für SP-Mann Steiert stehen einerseits die Krankenkassen in der Verantwortung. «Sie schauen jenen Ärzten, die immer mehr Leistungen verrechnen, nicht genügend auf die Finger.» Anderseits müsse die Politik reagieren. «Weil FDP und SVP in der Wintersession den Ärztestopp versenkt haben, droht der Schweiz ab Juni eine neue Spezialärzteflut.» Das Parlament müsse seinen Fehler korrigieren und den Zulassungsstopp verlängern, fordert Steiert. «Nur so kann ein Kostenschub verhindert werden.»

Anderer Meinung ist Santésuisse-Direktorin Verena Nold. «Das Problem ist: Den Kassen fehlen wichtige Informationen, um verrechnete Leistungen systematisch zu hinterfragen.» Zudem sei die Verlängerung des Zulassungsstopps nicht das überzeugendste Mittel gegen neue Kostenschübe im Gesundheitswesen. «Sinnvoller wäre es, die Ärztetarife dort zu reduzieren, wo eine Überversorgung vorliegt. Also vorab in den Städten und Zentren. Damit könnte die Anziehungskraft der Schweiz für ausländische Spezialisten nachhaltig eingeschränkt werden», sagt die Chefin des Krankenkassen-Verbands.

Immerhin: Bei den Grundversorgern hat der Bundesrat das mit der Tarifanpassung angestrebte Ziel erreicht. In den ersten sechs Monaten unter dem neuen Tarifregime haben Haus- und Kinderärzte spürbar mehr Lohn für ihre Arbeit erhalten.

Publiziert am 03.01.2016 | Aktualisiert am 03.01.2016

Die Tarifbibel für Ärzte

Von der einfachen Sprechstunde bis zum hochkomplexen ambulanten Eingriff: Rechnen Ärzte Leistungen für ihre Patienten ab, wenden sie dabei die Tarmed-Tarifstruktur an. Sie definiert für über 4600 verschiedene Leistungen, wie viele sogenannte Taxpunkte sich ein Arzt gutschreiben lassen kann. Daraus wird schliesslich der Geldwert einer Leistung errechnet. Dieser ist allerdings je nach Kanton unterschiedlich. Die Tarmed-Tarifstruktur ist seit 2004 in Kraft. Anpassungen der Tarife obliegen grundsätzlich den Ärzten, den Spitälern und den Krankenkassen. Können sich die Tarifpartner nicht einigen, kann der Bundesrat einseitig Korrekturen durchsetzen. So geschehen 2014, als der Bundesrat einen Zuschlag für Grundkonsultationen einführte und die Grundversorger gegenüber den Spezialisten aufwertete.

teilen
teilen
83 shares
26 Kommentare
Fehler
Melden

26 Kommentare
  • Roland  Freyenmuth aus Mettlen
    04.01.2016
    So lange alle damit sehr viel verdienen, wird das system so bleiben......!
  • Thomas  Degen 03.01.2016
    Selbst erlebt: Eine ältere Frau hat bei mir im Büro Spitex-Rechnungen kopiert. Sie sagte mir, dass sie bei der KK reklamiert habe. Die Spitex habe ihr Leistungen für zwei Wochen verrechnet, in welchen sie gar nicht zu Hause, sondern in einer Kur war. Die KK hat die Rechnungen trotzdem bezahlt. Das ganze System ist ein Selbstbedienungsladen. Art verrechnet, KK bezahlt. Wenns nicht mehr reicht, werden die Prämien erhöht und alle sind glücklich .. ausser der Doofe der die Prämien bezahlen muss.
  • Fredi  Oberholzer , via Facebook 03.01.2016
    Altbundesrätin Frau Ruth Dreifuss dei dank...Sie hat das Volk mit einer riesengrossen Lüge in das KVG schlammassel getrieben. !
  • Manfred  Jordi-Suarez , via Facebook 03.01.2016
    Hätten wir alles nicht wenn man dazumal die Einheitskasse angenommen hätte!! Zudem würden wir auch weniger von den Krankenkassen Telefonisch belästigt!! Die Telefonziererei der Kassen und Ihre Provisionsjäger im Aussendienst Kosten auch! Das hätte man alles sparen können!! Jetzt nicht jammern!! Kenne Leute die die Prämien schon jetzt nicht mehr bezahlen können!! Was passiert wenn die Krank werden? 2 Klassensystem Ahoi !!
    • Thomas  Winistörfer aus Deitingen
      04.01.2016
      Die Ausgleichskassen der Kantone werden die Prämien übernehmen. Also Sie und ich als Steuerzahler, das ist nun mal so.
  • Peter  Lanz 03.01.2016
    Wir zahlen doch auch gerne 1000.- oder 2000.- pro Monat, oder???
    Das kann sich doch jeder problemlos leisten. ok, ich nicht
    Wir motzen zwar einwenig, aber dadurch ändert sich nichts, ausser das es noch teurer wird.
    Solange wir uns nicht richtig wehren, ändert sich nichts.
    Und dann sind wir in ein paar Jahren bei 1000.- Prämie, pro Monat.

    Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.