«Das US-Finanzhaus steht in Flammen»

  • Publiziert: 15.09.2008, Aktualisiert: 19.01.2012

NEW YORK – Lehmann Brothers geht Pleite, die Bank of America muss Merill Lynch retten. Experten zeigen sich besorgt über die neusten Entwicklungen in der US-Finanzwelt. Kommt jetzt die Katastrophe?

«Ich bin seit 35 Jahren im Geschäft, aber das sind die aussergewöhnlichsten Ereignisse, die ich je gesehen habe.» Mit diesen Worten kommentiert Peter Petersen gegenüber der Zeitung «New York Times» die neusten Turbulenzen in der amerikanischen Finanz-Branche.

Der Mann muss es wissen, denn er leitete selbst einmal das Traditionshaus Lehman Brothers und war unter anderem als Berater für die ehemaligen US-Präsidenten Richard Nixon und Bill Clinton tätig. Und mit seiner Meinung steht er nicht allein: «Das US-Finanzsystem ist in seinen Grundfesten erschüttert worden», schreibt die Wirtschaftszeitung «Wall Street Journal».

Dabei war am gestrigen Sonntag an der Wall Street nicht einmal ein Handelstag. Doch immer neue Hiobsbotschaften brachten die amerikanische Finanz-Landschaft zum Beben: Die Bank of America will Merill Lynch vor dem Untergang bewahren und kauft die Investment-Bank für rund 50 Milliarden Dollar. Lehman Brothers ist weniger Glück beschieden und muss Konkurs anmelden. Zudem strauchelt ein dritter Wall-Street-Gigant: Der Versicherungskonzern AIG braucht Überbrückungskredite in Milliardenhöhe.

«Schwarzer Montag»

In amerikanischen Medien geht derweil schon ein Gespenst um: Immer wieder ist die Rede vom «Schwarzen Montag». Kommt es heute an den US-Börsen zum Crash? Nach den Milliardenzuschüssen für die strauchelnden Hypothekarbanken Fannie Mae und Freddie Mac will die US-Notenbank nun jedenfalls von weiteren Rettungs-Aktionen die Finger lassen und lässt die Banken ihre Probleme selbst lösen.

«Nicht die letzte Brandwelle»

Schweizer Experten blasen ins gleiche Horn wie ihre amerikanischen Kollegen: Beat Bernet, Direktor des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen an der Universität St. Gallen, sagt, die Entwicklung sei «ohne Zweifel dramatisch.» Hans Geiger, emeritierter Professor am Institut für schweizerisches Bankwesen der Universität Zürich, geht noch einen Schritt weiter: «Das US-Finanzhaus steht in Flammen», sagt er. Und: «Es wird nicht die letzte Brandwelle sein.»

Bernet ist überzeugt, dass das globale Finanzsystem vor einer grundlegenden Umgestaltung steht. «Die Banken werden mit einem anderen Risiko-Verständnis aus der Krise herausgehen. Sie werden die Zusammenarbeit mit der Volkswirtschaft als Ganzes überdenken müssen», sagt der St. Gallen Professor. «Und sie werden mehr Verantwortung übernehmen müssen.»

Finanzplatz Schweiz als Gewinner

Die jüngsten Turbulenzen auf dem US-Finanzmarkt hätten keine direkten Auswirkungen auf den Finanzplatz Schweiz, sagte Bernet. Doch wegen der engen Verflechtung zwischen den Finanzmärkten sei indirekt sehr wohl eine Wirkung spürbar. Langfristig könnten die Schweizer Banken sogar von der Krise profitieren, wenn es ihnen gelinge, sich als Hort der Stabilität in der Vermögensverwaltung zu profilieren. (SDA/noo)

Bereits grosse Einbrüche

NEW YORK – Der Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers und der Notverkauf des Rivalen Merrill Lynch haben die Anleger an der Wall Street heute tief verunsichert. Vor allem Finanztitel verbuchten im Sog der Krise dramatische Verluste. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte fiel in den ersten Handelsminuten um 2,7 Prozent auf 11.110 Punkte. Der breiter gefasste S&P-500-Index verlor 2,8 Prozent auf 1216 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq sank um 2,2 Prozent auf 2211 Punkte. Die Aktien des weltweit zweitgrössten Versicherers American International Group brachen angesichts der Sorgen über die Finanzlage um 50 Prozent ein. Auch viele andere Finanztitel verbuchten zweistellige Verluste, die Titel von Washington Mutual fielen um 12 Prozent. (SDA)
play Schlechte Nachrichten: Heute Morgen wurden am Eingang einer Lehman-Brothers-Filiale in London Flyer an die Mitarbeiter verteilt. (Reuters)

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