Coop-Personalchefin Nadine Gembler (45) über den Kampf um Lehrlinge «Für Junge ist es toll zu wissen, dass sie gebraucht werden»

BASEL - Noch nie bleiben so viele Lehrstellen in der Schweiz unbesetzt. «Auch uns fliegen die Lehrlinge nicht mehr zu», sagt Nadine Gembler. Im BLICK-Interview spricht die Personalchefin von Coop über die duale Berufsbildung und Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

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Frau Gembler, noch nie blieben so viele Lehrstellen unbesetzt, gleichzeitig nehmen knapp 1200 Jugendliche nun eine Lehre bei Coop in Angriff. Gut gearbeitet oder einfach Glück gehabt?
Nadine Gembler:
Auch uns fliegen die Lehrlinge nicht mehr zu wie früher. Wir müssen uns mehr anstrengen und kreativer sein, um potenzielle Bewerber anzusprechen.

Ist die Lehre ein Auslaufmodell?
Im Gegenteil. Die Lehre ist ein Erfolgsmodell für die Schweizer Wirtschaft. Wer dazu noch eine höhere Fachprüfung absolviert, hat das geringste Risiko, arbeitslos zu werden.

Dennoch: Immer mehr Lehrstellen bleiben unbesetzt!
Wir haben weniger Schulabgänger und es gibt mehr Lehrstellen. Das wirkt sich auf die Lehrlingssuche der Unternehmen aus. Ich gönne es den Jugendlichen, dass sie heute viel mehr umworben werden. Für sie ist es toll zu wissen, dass sie gebraucht werden

Würden Sie bei den vielen Ausbildungen und Möglichkeiten auf Berufsberater verlassen?

Die Berufsberatung hat informierenden Charakter. Für viele Jugendliche ist sie aber nicht meinungsbildend.

Wie sorgt Coop für Durchblick?

Wir stehen im Austausch mit den Schulen und informieren sie auch über neue Berufsbilder. Das Elternhaus spielt natürlich auch eine wichtige Rolle bei der Berufswahl.

Sind es heute nicht die Eltern, die dem Nachwuchs sagen, wo es im Berufsleben langgehen soll?

Am meisten Einfluss auf die Berufswahl haben tatsächlich immer noch die Eltern. An zweiter Stelle kommt der Freundeskreis. Als Ausbildungsbetrieb nehmen wir unsere Verantwortung wahr und gehen in die Schulklassen.

Was bringt die Berufslehre derzeit mehr unter Druck: die geburtenschwachen Jahrgänge oder das Prestigedenken der Eltern?
Beides kommt zusammen. Es ist wichtig, dass wir bei Eltern, etwa mit einem anderen kulturellen Hintergrund, die duale Berufsbildung bekannt machen.

Ist die Matur nicht der bessere Weg, um beruflich Erfolg zu haben?
Im Detailhandel sicher nicht. Unser Kadernachwuchs hat grösstenteils eine Lehre absolviert. Aber die Wirtschaft braucht selbstverständlich auch Uni-Abgänger.

Wie steht es mit dem Lohn?
Mit einer guten Lehre und einigen Jahren Berufserfahrung verdient man häufig gleich viel wie mit einem Uniabschluss.

Wie viele Bewerbungen gehen bei Coop auf eine Lehrstelle ein?
Im Schnitt sind es 20 pro Lehrstelle. Insgesamt erhielten wir für das angelaufene Lehrjahr über 25 000 Bewerbungen.

Wie viele waren unbrauchbar?
Nur, weil man nicht an ein Bewerbungsgespräch eingeladen wird, ist eine Bewerbung noch lange nicht unbrauchbar. Vielleicht haben einfach die Fähigkeiten zu wenig zu den Anforderungen gepasst. Wir laden ungefähr jeden zehnten Bewerber ein. Wir haben 2500 Bewerbungsgespräche geführt und schliesslich 1171 Lehrstellen besetzt.

Wie hoch ist die Abbrecherquote bei Coop im Vergleich zum Schweizer Durchschnitt?
Mit sieben Prozent liegt sie glücklicherweise unter dem Durchschnitt. Wer abbricht, tut dies meist im ersten Lehrjahr.

Ist mit einem Lehrabbruch die Berufslaufbahn bereits im Eimer?
Überhaupt nicht. Es ist normal, dass junge Menschen irgendwann in eine Krise kommen. Darum betreuen wir den Nachwuchs schon beim Einstieg eng. Ich empfehle immer, die Lehre wenn möglich zu beenden.

Viele Eltern sorgen sich über die Berufschancen ihrer Kinder.
Ich kenne kein durchlässigeres Berufsbildungssystem als jenes der Schweiz. Dank der Berufsmatur ist der Weg zum Studium für alle offen. Das Schöne in der Schweiz ist, dass man mit 16 Jahren nicht einen Weg einschlagen muss, der sich nicht mehr korrigieren lässt. Alles ist möglich.

Waren Sie gut in der Schule?

Ich bin eine gute Schülerin gewesen. Weil mir die Schule gefiel, wollte ich selbst auch Kinder unterrichten.

Heute unterrichten Sie keine Kindern, sondern sind Personalchefin für rund 80000 Mitarbeitende. Welchen Ausbildungsweg wählten Sie?

Zunächst habe ich die neusprachliche Matur, dann die pädagogische Fachhochschule gemacht und anschliessend sechs Jahre lang Erst- bis Drittklässler unterrichtet. Danach machte ich ein Handelsdiplom und fing an, mich in der Privatwirtschaft zu bewerben.

Und das klappte problemlos?

Natürlich hat niemand in der Privatwirtschaft auf eine Lehrerin gewartet. Schliesslich gelang mir aber der Quereinstieg bei Coop im Personalwesen. Es folgten Weiterbildungen und ein MBA.

Wie so viele arbeiten auch Sie nicht mehr im ursprünglichen Beruf.

Mehr als die Hälfte arbeitet heute nicht mehr im ersten Beruf. Als Personalchefin sage ich immer: bleibt am Ball und hört im Leben nie auf zu lernen.

Sind gute Noten Grundvoraussetzung für eine steile Berufskarriere?
Am wichtigsten ist die persönliche Einstellung. Man sollte bereit sein, das Beste zu geben, unabhängig davon, ob es einem nützt. Selbstdisziplin und Pünktlichkeit sind wichtig. Wenn ich in Bewerbungsdossiers sehe, dass die Person nebenher Weiterbildungen gemacht hat, zeigt mir das, dass sie über ein gewisses Selbstmanagement verfügt.

Coop hatte eine Lehrabsolventin mit der Note 6. Sie hat das Unternehmen aber gleich verlassen. Wie viele Lehrlinge können Sie halten?

99 Prozent der Lernenden haben dieses Jahr ihre Ausbildung bei Coop abgeschlossen. Das ist ein Rekord. Davon bleiben 65 Prozent bei uns. Darauf sind wir stolz.

Ihr Unternehmen bietet 31 Lehrberufe an. Welche sind beliebt, welche weniger?

Beliebt sind neben dem Verkauf der Polydesigner 3D, der frühere Schaufensterdekorateur, und die Ausbildung zum Pharmaassistenten. Weniger Bewerbungen erhalten wir für die Stellen als  Systemgastronom oder als Metzger.

Inwiefern verändert die Lehrstellen-Lage in der Schweiz das Angebot von Coop?

Unser Lehrstellenangebot muss  dem Arbeitsmarkt und seinen Bedürfnissen entsprechen, sonst machen wir etwas falsch. 

Inwiefern passiert das?

Bei unserem Elektronikhändler Interdiscount gibts beispielsweise die neue Lehre Fachfrau/mann Kundendialog. Das ist eine Mischung aus KV- und Detailhandelslehre, die die Digitalisierung und den Onlinehandel einbezieht. Die Ausbildung zum Logistiker wird derzeit überarbeitet und auf die Digitalisierung ausgerichtet. Die Berufsbilder werden insgesamt IT-lastiger.

Sollte man bei der Berufswahl auf die digitale Zukunft ausrichten?

Die Berufswahl sollte man nicht von Branchen und Trends abhängig machen. Ich würde darum meiner Tochter empfehlen, das zu tun, worauf sie Lust hat. Das Herz sollte für die Berufswahl den Ausschlag geben.

Wer für 2017 einen der begehrten Ausbildungsplätze will, ist bei vielen Betrieben schon zu spät dran. Auch bei Coop?
Nein. Wir halten uns seit Jahren an die Vorgabe der Kantone und schreiben Lehrstellen erst am 1. August aus. Vorher unterschreiben wir keinen Lehrvertrag.

Publiziert am 29.08.2016 | Aktualisiert am 23.11.2016
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42 Kommentare
  • Marion  Jost aus Schönenwerd
    30.08.2016
    Seht mal genau hin, in Coop und Migros hat es sehr viele Ü50 die dort arbeiten! Auch kann jemand mit Detailhandel eine Karriere machen, vom Filialleiter bis zum Regionalleiter und so weiter. Wenn jemand eine gesunde Portion Ehrgeiz hat, lässt sich auch aus einer DH-Lehre was machen! Wichtig ist halt Weiterbildung, Stillstand ist nie gut, und das ist halt oft auch bei Ü50 der Fall, sie kommen mit der neuen Informatik nicht klar (sehe ich übrigens öfters!) und sind auch sonst nicht mehr flexibel.
  • Pietro  Morettini aus Andermatt
    30.08.2016
    Wie steht es um die 50+, ausgemustert, als zu teuer und zu wenig flexibel bezeichnet? Bis 65 ein Kampf, dann auf die AHV gibts wieder Ämtli und Jöbli, weil die Pensionierten eh "versorgt" sind. So nicht.
    • Marion  Jost aus Schönenwerd
      30.08.2016
      Bei Coop arbeiten viele Verkäuferinnen mit Ü50, meine Mutter hat bis zur regulären Pensionierung in einem Coop gearbeitet! Ich denke betreffend Ü50 muss die ganze Wirtschaft mal in die Pflicht genommen werden! Vor allem stark umsatzorientierte Betriebe sollten mal unter die Lupe genommen werden! Es gibt aber noch das Problem dass viele mit Ü50 leider wenig für die Weiterbildung getan haben und auf der Grundausbildung sitzen blieben! Ohne WB kommt man heute nicht weit!
  • Erich  Pfister aus der Schweiz
    30.08.2016
    @ M H
    Mit meinem Kommentar hatte ich nicht die Absicht, die Alten gegen die Jungen auszuspielen, sondern wollte nur aufzeigen, dass das Kalkül der Arbeitgeber, möglichst nur weniger verdienende und kostende junge Arbeitnehmer anzustellen, nicht aufgeht und es sie letztendlich eben doch teurer zu stehen kommt. Aufgrund des heutigen Arbeitsmarktes tun mir die Jungen eher leid.
    Randbemerkung ohne Verallgemeinerung: Ich bin übrigens ein 60+ und mache betreffend EDV vielen Jungen noch einiges vor.
    • M  H aus Winterthur
      31.08.2016
      Das der Arbeitsmarkt die bereits ab ü40 ausselektiert sehe ich ebenfalls als gefährlich an. In vielen Branchen kann und wird dies gravierende Folgen haben. Der Detailhandel bildet hier aber eine, zugegeben unschöne, Ausnahme. Der Bedarf im Handel an humankapital ist enorm und der Detailhandel braucht "billiges Kanonenfutter". Es kann nicht jeder Chef werden und es kann nicht jeder 5k verdienen. Schlimm - i know aber welcher Kunde ist denn heute noch bereit einen angemessenen Preis zu zahlen?
  • jürg  frey aus teufen
    30.08.2016
    Arbeiten bis zum Umfallen, Ladenöffnungszeiten, die immer erweitert werden. Lohn, der kaum zum Leben reicht. Gestelle auffüllen trotz 3 Jahre Lehrzeit, KASSEN die Menschen ersetzen, Preisschilder kontrollieren, Kisten schleppen; mit Vollgas voraus. Ja,die Jungen sind gefragt, ob sie dabei glücklich sind fragt Keiner.
  • ernst  hofmann aus bäch
    30.08.2016
    leider muss man bei coop je länger je mehr feststellen,dass sie auf billigere Arbeitskräfte setzen.