Cargo-Lokführer ohne Pausenraum Essen auf dem Abstellgleis

ZÜRICH - Wenn Cargo-Lokführer Pause machen, sind Restaurants noch nicht geöffnet. Aber Pausenräume und Kantinen werden geschlossen. Jetzt müssen die SBB den Güterzug-Fahrplan umschreiben.

Die SBB Cargo fährt in eine ungewisse Zukunft. Der Ständerat will die Güterverkehrs-Tochter aber im SBB-Konzern behalten (Archiv) play
Cargo-Lokführer haben harte Schichten – und noch härtere Pausen. Archiv

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Es ist 5.30 Uhr als Lokführer Urs Müller* wieder einmal seine verdiente Pause nicht nach Plan machen kann. Denn in Rothenburg LU, wo der 55-Jährige seinen Güterzug an jenem Tag abstellt, gibt es keinen Pausenraum, wo er sich sein Essen aufwärmen könnte. Eine SBB-Kantine? Fehlanzeige! Um was zwischen die Zähne zu bekommen, muss Müller ins 40 Kilometer entfernte Zofingen AG – dort haben immerhin schon Restaurants geöffnet.

Rothenburg ist kein Einzelfall. Auch an Bahn-Knotenpunkten wie Mellingen AG oder Schwarzenbach SG gibt es keine Räume für die Pause. Diese und die Kantinen bauen die SBB zusehends ab. Heute ist die «Milchchuchi» am Gotthard die einzige durchgehend geöffnete Eisenbahnerkantine. «Vor 20 Jahren gab es noch viele Kantinen – etwa in Basel und Bellinzona. Dann hat man zurückbuchstabiert», sagt Müller, der seit 1983 Loks fährt.

Einige essen schon im Führerstand

Das ist ein Problem für ihn und seine Kollegen, die die Güterzüge durchs Land fahren. Denn wenn sie Pause machen von ihren Nacht- und Frühschichten, brennt in den meisten Restaurants noch kein Licht. Die Selecta-Automaten an den Bahnhöfen sind häufig auch nicht ausreichend aufgefüllt. Den Lokführern vermiest das die Pause. Einige essen jetzt sogar an ihrem Arbeitsplatz: im Führerstand.

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«Verpflegen auf der Lok ist bei SBB Cargo offiziell nicht vorgesehen, und schon gar nicht für die Hauptmahlzeit in der Nachtschicht», erklärt Markus Fischer (49), Mediensprecher des Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonal-Verbandes (SEV).

«Indirektes Sicherheitsrisiko»

Man habe Verständnis, dass die SBB Kantinen schlössen, die wegen Personalabbaus nicht mehr wirtschaftlich seien, sagt Fischer. Wenn aber Lokführer nicht mehr mit einer warmen Mahlzeit die Konzentration und Leistung hochhalten könnten, sei dies ein «indirektes Sicherheitsrisiko».

Wenn es nach dem SEV geht, soll es deshalb zumindest an grösseren Orten wieder Kantinen für SBB-Mitarbeiter geben. Seit zwei Jahren diskutieren die Gewerkschafter mit den SBB und der Personalkommission (Peko), in der Lokführer Müller sitzt. Das Ergebnis: Pause machen, wo es noch Räume oder Kantinen gibt, erklärt Müller. Damit das klappt, muss der Cargo-Fahrplan auf Sommer entsprechend umgeschrieben werden. So könnte es dazu kommen, dass Lokführer etwa früher halten, oder den Güterzug abstellen müssten, um dann mit einem regulären Personenzug zur nächsten Kantine zu fahren – und wieder zurück. Alternativ könnten auch Pausenräume geöffnet werden. Aber die würden laut Müller ja was kosten.

* Name von der Redaktion geändert

Publiziert am 18.03.2016 | Aktualisiert am 18.03.2016
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16 Kommentare
  • Peter  Huber aus Olten
    18.03.2016
    Es hatte auch früher keine Kantinen in Mellingen oder Rothenburg. Aber früher waren die Lokführer wie auch anderer Eisenbahner noch echte Bähnler und weniger Jammeri als heute...

  • Peter  Leo 18.03.2016
    Den Magen füllen ist die eine Sache. Eine Mahlzeit könnte man auch mit einer installierten Mikrowelle in einem Führerstand lösen. Wie wärs mit einem Gebäude an entsprechender Stelle, zu dem nur die Bahnbediensteten zutritt haben? Zudem sind sicher auch Toiletten vonnöten und Hände waschen nachher. Wenn schon 24 Std Betrieb dann auch für die Pausen. Wo sind die sonst so lautstarken Gewerkschaften?
  • Markus  Berchier aus Soulce
    18.03.2016
    Hier zeigt sich wieder die Ausnützung des Arbeiters, bei SBB und CARGO.
    der Arbeitsnehmer ist der neue und moderne Sklave der Firmenpolitik.
  • Peter  Stalder aus Winterthur
    18.03.2016
    Die SBB macht es sich schon ein bisschen einfach. Erst die Kantinen schliessen und dann staunend feststellen dass das Personal keine Kantinen mehr hat. Und dafür kriegen die Entscheidungsträger auch noch Lohn!

    Natürlich können sich die Lokführer was zu Essen mitnehmen und im Führerstand essen. Aber erstens ist der Erholungswert so viel geringer und zweitens sehen diese Leute schon den ganzen Arbeitstag kaum eine Menschenseele, da will man nicht unbedingt auch noch alleine essen.
  • Crissie  buddy 18.03.2016
    @Thomas Hager: es steht Ihnen selbstverständlich frei, einen oder mehrere Flüchtlinge bei sich aufzunehmen und zu verpflegen!