Lob für OECD-Angriff aufs Bankgeheimnis Calmy-Rey schrammte an Skandal vorbei

  • Publiziert: 22.03.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Marcel Odermatt und Joël Widmer

Bundesrätin Micheline Calmy-Rey bestärkte in einem Brief die OECD im Kampf gegen das Schweizer Bankgeheimnis. Umsichtige Mitarbeiter haben das verhängnisvolle Schreiben im allerletzten Moment noch abgefangen.

Im Abwehrkampf gegen die schwarze Liste der OECD entging Aussenministerin Micheline Calmy-Rey (62) und ihr Departement (EDA) um Haaresbreite einem politischen Skandal. Denn in einem offiziellen Schreiben vom 20.Februar 2009 lobte sie den OECD-Generalsekretär Ángel Gurría (58) für seine Arbeiten zuhanden des G-20-Gipfels vom 2. April (siehe Ausriss). Das sei «das beste Beispiel» für die wichtige Arbeit der Organisation. Dieser Inhalt ist höchst brisant.

Damit bestärkte die SP-Bundesrätin die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Kampf gegen die Schweizer Steuerpolitik. Ende Januar hatte die OECD der G-20 ein Arbeitspapier geschickt, das unter anderem die Schweiz für ihr «übertriebenes Bankgeheimnis» kritisiert, das den wirksamen Informationsaustausch zwischen Ländern verhindere.

Glück für Calmy-Rey: Ihr Schreiben, das ein Mitarbeiter aufgesetzt hatte, wurde im letzten Moment von ihren eigenen Diplomaten abgefangen und landete nie auf dem Tisch von OECD-Generalsekretär Ángel Gurría. Mit ihrem Schreiben hätte Calmy-Rey die Schweizer Interessen verraten und wäre ihrer Bundesratskollegin Doris Leuthard (45) in den Rücken gefallen.

Die Volkwirtschaftsministerin hatte laut ihrem Sprecher Christophe Hans bei einem Treffen mit Gurría vom 29. Januar am WEF in Davos GR gegen eben jenes OECD-Papier «heftig protestiert». Darüber wurde der Bundesrat von Leuthard am 10. Februar offiziell informiert.

Der grosse Dusel der Aussenministerin war der schleppende diplomatische Kurier-dienst. Nachdem Bundesrätin Calmy-Rey den Lobesbrief unterschrieben hatte, wurden auch elektronische Kopien an das Volkswirtschaftsdepartement und die Schweizer Delegation bei der OECD geschickt. Bei diesen beiden Stellen wurde «sofort klar, dass beim Brief etwas ganz falsch gelaufen ist», so Botschafter Eric Martin, Chef der Delegation bei der OECD.

Rasch habe man das EDA in Bern informiert, dass das delikate Schreiben gestoppt werden müsse. «Darin wurde nämlich das Gegenteil von dem gesagt, was wirklich hätte gesagt werden sollen», sagt Martin. «Als der Brief in Paris physisch eingetroffen ist, habe ich ihn vernichtet.»

Doch damit war die Sache für die Aussenministerin nicht ausgestanden. Denn Kollegin Leuthard, die selbst zurzeit Vizepräsidentin des OECD-Ministerrats ist, erfuhr von ihren Mitarbeitern von Calmy-Reys Skandalbrief. An der Bundesratssitzung vom 6. März hat Leuthard laut gut informierten Quellen Calmy-Rey für den unbedarften diplomatischen Aktionismus gerügt, vor ihren Regierungskollegen.

Pikantes Detail in der Affäre: Der Skandalbrief wurde von einem Mitarbeiter der Politischen Abteilung V im Departement der Aussenministerin verfasst. Chef dieser Abteilung ist Botschafter Manuel Sager, der an der gleichen Bundesratssitzung vom 6. März zum Chef der Expertengruppe gewählt wurde, die die Landesregierung über die künftige Strategie zum Bankgeheimnis beraten soll.

Wortlaut des Briefes von Micheline Calmy-Rey

«Die OECD muss aufgrund ihrer langen Erfahrung, ihrer anerkannten Expertise und ihres breiten Horizonts ihren Beitrag zu den laufenden internationalen Debatten leisten. Sie liefert den Experten der Regierungen und den politischen Verantwortlichen einen institutionellen Rahmen des Dialogs und des Erfahrungsaustausches zu sehr spezifischen Bereichen. Der konkrete Beitrag der OECD zuhanden der Arbeitsgruppe Nummer 2 der G-20 ist das beste Beispiel dafür.»
play <b>Unvorsichtig</b> Micheline Calmy-Rey torpedierte mit ihrem Brief Schweizer Interessen. (Reuters)

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