Migros-Chef Herbert Bolliger warnt vor deutschen Discountern «Brutaler Preiskampf vernichtet ganze Unternehmen und Existenzen»

  • Publiziert: 28.12.2009, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Daniel Meier

Endlich sinken auch bei uns die Preise. Doch nun wird den Konsumenten die Freude vermiest.

Lange hat Herbert Bolliger (56) den Einfluss von Aldi und Lidl heruntergespielt. Doch jetzt macht der Migros-Chef genau das Gegenteil: Er malt den Teufel an die Wand!

Bolliger fährt den beiden deutschen Discountern voll an den Karren. Sein Vorwurf: «Extreme Preisdrückerei!»

«Die Besitzer von Aldi und Lidl werden immer reicher», schimpft er in der Zeitung «Sonntag». Er warnt vor einem «enormen volkswirtschaftlichen Schaden», denn: «Der brutale Preiskampf vernichtet ganze Unternehmen und Existenzen.»

Konkret prangert er das Verhalten in Deutschland an, wo die Discounter laut dem Migros-Chef «bei den Milchbauern noch den letzten Cent rauswürgen» oder auch begonnen haben, feste Angestellte «rauszuwerfen und Leiharbeiter für 7 Euro pro Stunde einzustellen». Das sei eine gefährliche Spirale: «Am Schluss zahlen alle Steuerzahler die Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger.»

Bald droht das offenbar auch bei uns. Bolliger: «Die Preisdrückerei in Deutschland schwappt auf die Schweiz über.»

Tatsächlich: Die beiden deutschen Riesen sind hierzulande angekommen. Erst vor neun Monaten begann Lidl mit 13 Filialen. Vor zwei Wochen wurde in Buchs SG bereits die 29. Filiale eröffnet. Bei Aldi sind es heute – gut vier Jahre nach dem Start – 130 Läden.

Die Hard-Discounter liessen in diesem Jahr erstmals ihre Muskeln spielen. Allein Lidl hat schon drei Preisrunden lanciert. Aldi verbilligte gerade letzte Woche nochmals 30 Artikel.

Der Druck zeigt Wirkung. Bolliger: «Was haben wir für eine andere Wahl, als die Preise ebenfalls zu senken?»

Der Preiskampf hinterlässt beim Marktführer Spuren. Anfang Jahr hatte der Chef noch angekündigt, der Migros-Umsatz wachse 2009 um 2 Prozent. Später korrigierte er auf 1 Prozent. Und wie tönt es jetzt? «Unser Umsatz wird etwa auf Vorjahresniveau sein.» Verkauft hat man zwar mehr, also grössere Mengen, aber eben: «Die Preise sind im Schnitt viel günstiger als letztes Jahr.»

Zur Frage, ob der Preiskampf 2010 noch härter werde, sagt Bolliger: «Leider ja.» Gönnt er den Konsumenten die Tiefpreise nicht? Für die ist der Preiskrieg doch schön? «Aber nur kurzfristig», warnt der Manager.

Verkehrte Welt. Sonst wird die Migros selbst kritisiert. Weil sie Lieferanten und Bauern unter Druck setzt. Oder von den Gewerkschaften wegen der Personalpolitik.

Nun dreht Bolliger den Spiess um und schwärzt Aldi und Lidl an. Obwohl sich diese bisher anders benehmen als daheim in Deutschland und sich an die Schweizer Regeln halten.

Seine ungewöhnlich scharfe Attacke zeigt vor allem eines: Im Schweizer Detailhandel hat der Wettbewerb definitiv begonnen. Und er wird härter.

play «Die Besitzer von Aldi und Lidl werden immer reicher und drücken auf Kosten der Mitarbeiter und Produzenten permanent die Preise.» Herbert Bolliger (Keystone)

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