Elektro-Autos stehen vor dem Durchbruch Brauchen wir jetzt ein neues AKW?

  • Publiziert: 01.03.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Daniel Meier
play Statt Öl brauchen viele Öko-Innovationen Strom. Brauchts bald mehr AKWs für den gesteigerten Bedarf?

ETH-Professor Lino Guzzella hat ausgerechnet, was passiert, wenn alle mit Strom fahren.

Am Donnerstag beginnt der Autosalon in Genf.Und auch dort stehen die Elektroautos im Mittelpunkt. Vor allem, weil jetzt die grossen Autokonzerne Ernst machen und die ersten serienmässigen Stromflitzer an den Start schicken.

Zum Beispiel Mitsubishi den iMiEV, der in der Schweiz ab Ende Jahr verkauft werden soll.

Aber was, wenn nun tatsächlich der Durchbruch kommt?

Lino Guzzella, Professor an der ETH Zürich, hat einmal ausgerechnet, wie viel Strom man brauchen würde. Er schränkt ein: «Es ist eine grobe Schätzung, weil eine genaue Berechnung von vielen Unbekannten abhängt.»

Aber das verblüffende Resultat von Professor Guzzella lautet: «Wenn alle Autos in der Schweiz statt mit Benzin und Diesel die gleichen Fahrstrecken wie heute rein elektrisch fahren würden, bräuchten wir den Strom von zusätzlichen ein bis zwei Kernkraftwerken der Grösse von Leibstadt.»

Unglaublich! Mit über 9 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr ist das AKW Leibstadt das grösste der Schweiz. Und wenn wir alle Verbrennungsmotoren ersetzen wollten, bräuchten wir allenfalls bis zwei neue davon!

Schlechte Nachrichten für Autofahrer, die die Umwelt schonen und deshalb auf ein Elektroauto umsteigen wollen.

Allerdings: Selbst wenn jetzt der grosse Boom einsetzt – der Wechsel auf die E-Mobile passiert nicht von heute auf morgen.

Die Experten sind sich uneinig. Die einen behaupten: 2020 werden nur gerade 3 von 100 Autos elektrisch fahren. Andere sind viel optimistischer: Bis in 10 Jahren hat jeder zweite Neuwagen einen Elektromotor (darunter auch Hybrid), sagte letzte Woche die Unternehmensberatung Bain & Company in einer Studie voraus.

Schon 50 000 Elektro-Velos


Fest steht: Bis – wie in Guzzellas Berechnung – wirklich alle Autos elektrisch fahren, dauert es Jahrzehnte. Beim Stromkonzern Axpo heisst es deshalb: «Die zunehmende Elektromobilität wird den Stromverbrauch ansteigen lassen, aber gemäss heutigen Berechnungen nicht dramatisch.»

Man verweist zudem darauf, dass man E-Mobile meistens nachts auflädt, wenn der sonstige Strombedarf tief ist.

Trotzdem: Viele Öko-Innovationen, die den Ölverbrauch senken, brauchen dafür mehr Strom.

Das gilt für Elektroautos, aber zum Beispiel auch für Gebäudeheizungen mit Wärmepumpen. Und übrigens auch für Elektrovelos. Bereits fahren rund 50 000 davon in der Schweiz herum. Grob geschätzt brauchen sie etwa so viel Strom wie 125 Haushalte.

Viel ist das nicht. Aber es ist zusätzlicher Strom.

Mit Autos Strom speichern

In der EU trägt Windenergie bereits rund 5 Prozent zum Strombedarf bei – Tendenz stark steigend. In Deutschland sollen bis in 10 Jahren 40 Prozent des Stroms aus regenerativen Quellen stammen. Die Herausforderung: Strom von Sonne und Wind fällt nicht unbedingt dann an, wenn die Nachfrage am grössten ist.

Deshalb suchen besonders deutsche Forscher nach innovativen Lösungen des Speicherproblems. Ein vom Fraunhofer-Institut in Freiburg erarbeitetes Modell sieht vor, dass Elektroautos zu einem virtuellen Grossspeicher vernetzt werden. Bei Stromüberschuss würden die Batterien geladen, bei Nachfrage ein Teil des Stroms wieder ins Netz abgegeben. Damit wäre man auch bei Spitzenbelastungen unabhängig von fossilen Brennstoffen und Atomkraft.

Modell-Rechnungen zeigen, dass bereits 100 000 Elektroautos dieselbe Leistung bieten wie die Wasserturbinen des grössten deutschen Pumpspeicherwerks Goldisthal. Eine halbe Million Elektroautos könnten gleich viel Strom speichern wie Goldisthal.

Clemens Studer
play Brauchen Strom statt Benzin: Elektro-Autos.

Top 3

1 156-Mio-Busse! Weil BMW die Schweizer Kunden benachteiligtebullet
2 Grösser, besser, billiger? Rabatt-Schlacht im TV-Geschäftbullet
3 Wegelin-Fall US-Richter nimmt Raiffeisen ins Visierbullet

Wirtschaft