Die Affäre um das Dollar-Geschäft der Hildebrands BLICK-Reporter trafen Whistleblower auf Hilton-Parkplatz

Die Dollar-Affäre von SNB-Präsident Philipp Hildebrand. Bereits Heiligabend trafen BLICK-Reporter den Whistleblower.

  • Publiziert: 02.01.2012, Aktualisiert: 24.01.2012

Wer steckt wirklich hinter den Enthüllungen über die angeblich dubiosen Devisengeschäfte von SNB-Präsident Hildebrand?

24. Dezember, Heiligabend. Gegen Mittag meldet sich ein Informant bei Marcel Odermatt, Polit-Korrespondent der BLICK-Gruppe. Er will über den Fall Hildebrand sprechen. Der BLICK hatte am selben Tag kritisch über die Medienmitteilung des Bankrates (kontrolliert die SNB) geschrieben: «Stolpert SNB-Chef Hildebrand über seine schöne Frau?»

Auf intensives Nachfragen stellt der Informant schliesslich ein Treffen mit einem Mann in Aussicht, der genaue Kenntnisse zum Fall Hildebrand hat. Ein Whistleblower also, ein Geheimnisverräter.

Wer der Whistleblower ist, will der Informant nicht sagen. Noch am selben Tag, am Heiligabend, soll es ein Treffen geben. Konspirativ, wie die Lösegeld-Übergabe in einem Krimi.

Das Treffen wird zunächst verschoben. Der Whistleblower sei wegen Benzinmangels auf der Autobahn stehen geblieben, sagt der Informant. Er holt ihn mit seinem Wagen ab.

Gegen 17.40 Uhr werden Marcel Odermatt und Daniel Meier, Wirtschaftschef der BLICK-Gruppe, in ein Taxi dirigiert. Erst im Wagen erfahren sie, wohin genau es geht: zum Parkplatz des Zürcher Hilton-Hotels am Balsberg.

Dort steigen die BLICK-Journalisten ins Auto (einen Van) des Informanten, der das Treffen arrangiert hat. Im Auto ausser ihm: der Whistleblower, ein Mann um die 40. Er sitzt hinten rechts, trägt eine dicke Winterjacke und eine Wollmütze, die bis über die Ohren runtergezogen ist. Er will nicht sagen, wie er heisst (die Reporter sprechen ihn mit «Herr X» an) und wo er arbeitet. Auch nicht, von welcher Bank die Unterlagen sind. Nur so viel: «Ich arbeite nicht direkt bei der Bank, habe aber mit ihr zu tun.»

Der Mann sagt, er habe die internen Bankbelege Hildebrands «mit eigenen Augen gesehen». Aber: «Da bin ich nicht der Einzige, und ich verfüge nicht über diese Belege.» Er kenne den Vorgang aber länger.

Ausweislich der Bankbelege hätten die Hildebrands, so erzählt «Herr X», Mitte August für 400 000 Franken Dollars gekauft – und zwei Monate später zurückgetauscht! Der Gewinn: 15 Prozent innert zweier Monate, also 60 000 Franken.

Der Whistleblower spricht ruhig, überlegt. Er macht nicht den Eindruck, als wolle er die BLICK-Journalisten davon überzeugen, die Story unbedingt zu drucken. Stärkeres Interesse an einer Veröffentlichung hat aber offenbar der Vermittler.

Nach etwa 20 Minuten ist das konspirative Heiligabend-Treffen beendet. Der Van rauscht vom Parkplatz.

Der SonntagsBlick berichtete am nächsten Tag nicht über «Herrn X» – in der Dollar-Affäre waren zu viele Fragen offen.

Was ist ein Whistleblower?

Als Whistleblower wird ein Hinweisgeber bezeichnet, der Missstände, unlautere Machenschaften oder illegales Handeln an die Öffentlichkeit bringt. Prominentes Beispiel in der Schweiz ist der Fall zweier Controllerinnen im Zürcher Sozialamt. Sie hatten der «Weltwoche» 2007 vertrauliche Akten krasser Sozialhilfe-Missbrauchsfälle zugespielt. Sie wurden entlassen und wegen Amtsgeheimnisverletzung verurteilt.

Die wichtigsten Fragen zur Dollar-Affäre. Und ein paar Antworten.

Was wirft Blocher SNB-Präsident Philipp Hildebrand vor?
Bankdokumente, die Blocher vorliegen, zeugen von heiklen Devisen-Deals der Familie Hil-debrand. Diese wurden drei Wochen vor der Festsetzung des Euro-Mindestkurses getätigt. Die Transaktionen lassen den Verdacht auf Insiderwissen aufkommen.

Was hat Blochergegen Hildebrand?
Blocher fordert schon seit Anfang 2011 den Rücktritt von Philipp Hildebrand. Wieso, sagte er auf Tele Blocher Mitte August: «Eine grosse, unverzeihliche Dummheit machte die Nationalbank Anfang 2010, als sie für 130 Milliarden Franken Euro beim Kurs von 1.40 und 1.50 kaufte. Das ging auf so einem hohen Niveau nicht. Deshalb hat sie riesige Verluste eingefahren.» Und noch etwas stört Blocher: Nach der Finanzkrise will Nationalbankpräsident Hildebrand die Grossbanken an die kurze Leine nehmen – viel zu kurz, findet Blocher.

Weshalb ging Blocher mit den Bankdokumenten ausgerechnet zu Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey?
Mit den Dokumenten könnte Blocher an drei verschiedene Stellen gelangen: zum SNB-Bankrat, zum Bundesrat oder an die Medien. Blocher wählt den Weg über den Bundesrat, weil er daraus am meisten politisches Kapital schlagen kann. Mit solch brisanten Informationen setzt Blocher den Bundesrat unter Druck. Der Bundesrat, der den SNB-Präsidenten wählt, ist gezwungen zu handeln. Reagiert der Bundesrat nicht, könnte dies Blocher politisch ausschlachten.

Waren die Devisen-Deals der Hildebrands wirklich rechtens?
Ja, finden die Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse Coopers sowie Kurt Grüter und Michel Huissoud von der Eidgenössischen Finanzkontrolle. Bloss – nicht alles, was juristisch rechtens ist, ist auch richtig.

Hildebrand schweigt zu den Details. Wieso setzt Philipp Hildebrand den Spekulationen in der Öffentlichkeit nicht ein Ende und legt alle Karten auf den Tisch?
Das weiss nur Philipp Hildebrand. Doch solange er nicht reinen Tisch macht, bleiben Fragen. Rechtlich scheint alles ordnungsgemäss abgelaufen zu sein. Und rechtlich heisst im Fall der Nationalbank, dass das «interne Reglement über Eigengeschäfte» der SNB-Direktionsmitglieder eingehalten wurde. Doch dieses Reglement ist nicht öffentlich. Möglicherweise sind Devisen-Deals für die Hildebrands gar nicht verboten.

Wofür wurden die 512 000 Dollars verwendet?
Das wissen nur Philipp Hildebrand und seine Frau.

Warum wurden auch Dollars für die Tochter gekauft?
Auch das wissen nur Philipp Hildebrand und seine Frau.

Wie viel verdienten die Hildebrands mit dem Dollar-Deal?
Nach Angaben des BLICK-Whistleblowers rund 60 000 Franken. Das deckt sich mit den Schätzungen der «NZZ am Sonntag»: ein mittlerer fünfstelliger Betrag. Zum Vergleich: Als SNB-Präsident bezog Philipp Hildebrand 2010 einen Jahreslohn von 995 000 Franken.

Wieso handelt die Kunsthändlerin Kashya Hildebrand über das Konto ihres Mannes?
Das weiss nur das Ehepaar Hildebrand.

Wusste Philipp Hildebrand Bescheid über die Transaktion seiner Frau?
Nein, offenbar erst im Nachhinein. Denn unmittelbar nach Erhalt der Bankbestätigung meldete er einem SNB-internen Rechtsexperten die Geschäfte. Dieser sah aber keinen «Handlungsbedarf». Dieser Ablauf lässt vermuten, dass Philipp Hildebrand von seiner Frau erst nach dem Deal informiert wurde.

War sich auch Kashya Hildebrand der Brisanz ihres Deals bewusst?
Offenbar nicht. Sonst hätte die frühere Devisenhändlerin die Finger davon gelassen.

Warum wurden in der Medienmitteilung vom 23. Dezember der Hausverkauf und der Ersatzkauf einer Wohnung durch die Hildebrands erwähnt?
Dies ist bis heute ein Rätsel. Vielleicht versucht die Nationalbank, damit Transparenz vorzuspielen, um davon abzulenken, was sie verschweigt.

Wurden die 500 000 Dollar wieder verkauft?
Dies behauptet zumindest der BLICK-Whistleblower.

Verschweigt uns die SNB den Dollar-Verkauf vom 12. Oktober?
Möglichweise, weil sie mit dieser Information eingestehen müsste, dass es sich beim Dollar-Deal um eine reine Währungsspekulation handelte. Dies lässt den Schluss zu, dass selbst nächsten Familienangehörigen des SNB-Direktoriums und möglicherweise den Direktoren selbst das Handeln mit Devisen erlaubt ist.
play So berichtete der SonntagsBlick am 25. Dezember 2011. (BLICK-Ausriss)

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