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Bastien Girod: «Schweizer Hirnschmalz anstatt lybisches Erdöl»

ZÜRICH – Die Öko-Wirtschaft hat grosses Potenzial, auch bei Arbeitsplätzen. Doch die Schweizer Politik verschläft das, kritisiert der grüne Nationalrat Bastien Girod. Er fordert im Blick.ch-Interview rasches Handeln.

Von Michael Scharenberg | Aktualisiert um 16:17 | 14.04.2009
Grosses Potenzial der Schweizer Öko-Wirtschaft: Bastien Girod, grüner Nationalrat. (Bastien Girod)
Grosses Potenzial der Schweizer Öko-Wirtschaft: Bastien Girod, grüner Nationalrat. (Bastien Girod)
Blick.ch: Herr Girod, hat nachhaltiges Wirtschaften das Potenzial, der Wirtschaft in der gegenwärtigen Rezession wieder auf die Beine zu helfen: ja oder nein?
Bastien Girod: Ja! Denn nachhaltiges Wirtschaften heisst Schweizer Hirnschmalz anstatt zum Beispiel lybisches Erdöl zu verwenden. So nutzen wir unsere Stärken besser und reduzieren die Auslandabhängigkeit. Die dabei entwickelten Effizienz- und Umwelttechnologien machen uns wiederum wettbewerbsfähig. Und zuletzt sorgen wir damit vor, dass die künftigen wirtschaftlichen Schäden der Klimaerwärmung weniger teuer ausfallen.

Sie bewegen sich auch im Internet, um Unterstützung für Ihre grünen Anliegen zu organisieren. Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrer Facebook-Gruppe zu Ihrem Öko-Wirtschaftsprogramm «Green New Deal» gemacht?
Ich nutze alle Möglichkeiten, um den «Green New Deal» voranzubringen. Die Facebook-Gruppe ist schon ein rechter Erfolg. Da haben wir schon über 1000 Teilnehmer, und alle politischen Richtungen und gesellschaftlichen Gruppen sind vertreten. Es muss ein Ruck durch die Schweiz gehen, sonst begreift die Politik nicht, dass sie das Ruder in die Hand nehmen und endlich mit den Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Wirtschaft ernst machen muss.

Wie viele Arbeitsplätze könnten in der Schweiz geschaffen werden durch den Einsatz von erneuerbaren Energien und durch Techniken zur Verbesserung der Energie-Effizienz?
Es gäbe mehr Arbeit zu tun, als wir Arbeiter haben: energetische Sanierung unserer Gebäude, erneuerbare Energieproduktion, eine wettbewerbsfähige Schienengüter-Logistik, Null-Emissions-Autos etc. Hier gibt es einen sehr grossen Investitionsbedarf, der eigentlich nur durch die Kurzsichtigkeit der heutigen politischen Mehrheiten begrenzt wird. Später können die entwickelten Innovationen exportiert werden, womit Arbeitsplätze bei uns auch langfristig gesichert werden.

Mit der Einspeisevergütung bekommen private Solarstrom-Produzenten Überschüsse, die sie ins Netz einspeisen, vom Bund zu Marktpreisen vergütet. Viele Hausbesitzer haben begeistert mitgemacht, aber jetzt sind die Mittel bereits erschöpft. Hunderte Anträge werden gar nicht bearbeitet. Denn hier liegt ein Potenzial von 5000 Arbeitsplätzen brach, wie der Fachverband Swissolar errechnet hat.
Das zeigt, wie blind eine Mehrheit in Bundesrat und Parlament gegenüber den Chancen der «Green Economy» noch immer ist. Da wurden Wirtschaft und Hauseigentümer zum Investieren in erneuerbare Stromproduktion aufgerufen und kaum machen sie mit, werden sie wieder zurückgebunden. Wenn diese Blockierung nicht bald aufgehoben wird, so wird eine breit abgestützte nationale Volksinitiative der Politik die Augen öffnen müssen.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Wirtschaftspolitik des Bundesrats?
Der Bundesrat ist wie ein orientierungsloser Kapitän. Völlig passiv versucht er, bloss den grössten Gefahren aus dem Weg zu gehen, ohne eine klare Vision für die Schweiz zu entwickeln. Der Bundesrat sollte Mut haben und einen «Green New Deal» verlangen, der Klimakrise und Wirtschaftskrise zusammen angeht. So würde sich die Schweiz wieder Respekt in der Welt verschaffen und gleichzeitig mit der «Green Economy» auf ein starkes wirtschaftliches Pferd setzen.

Als erster Kanton hat soeben Neuenburg beschlossen, dass Neubauten nur noch mit Solaranlagen erstellt werden dürfen. Sollte das nicht für die ganze Schweiz verbindlich werden?
Ja, in der Tat. Ich habe bereits meine Freunde in anderen Kantonen aufgerufen, Vorstösse in diese Richtung zu machen. Es ist auch wirtschaftlich einleuchtend, dass wir die Dachflächen möglichst optimal nutzen sollten, anstatt sie brach liegen zu lassen. In Zürich planen die Jungen Grünen deshalb eine kantonale Initiative, die bei Sanierung und Neubau für Flachdächer Solarenergie, Terrassennutzung oder eine ökologisch wertvolle Begrünung vorschreibt. Gleichzeitig sollte der Bund mit so genannten Umweltkrediten – also zinslosen oder zinsgünstigen Dahrlehen – solche Investitionen fördern.

Bastien Girod (28)

Seit 2007 Nationalrat der Grünen
Umwelt-Naturwissenschaftler an der ETH Zürich
Setzt sich für eine «Grüne Wirtschaft» ein. Sein Programm hat den Namen «Green New Deal».
Hat sich als Mit-Initiant der Offroader-Initiative (Verbot von Autos mit hohen CO2-Emissionen) Prominenz und Feinde verschafft.

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