Gier regiert Banker zeigen keine Demut

  • Publiziert: 21.07.2009, Aktualisiert: 13.01.2012
  • Von Simon Hehli

ZÜRICH – Millionen-Boni, lusche Geschäfte, Steuertricks: Die Geldgier der Banker stand am Pranger. Hat die Krise sie bescheiden gemacht? Blick.ch hat bei einem Experten nachgefragt.

Barack Obama spricht Klartext: Man habe nicht den Eindruck, dass sich die Kultur der Gier an der Wall Street nach dem Crash der Finanzwelt geändert habe, kritisiert der US-Präsident. Und wie sieht es aus mit den edel gewandeten Herren von der Zürcher Bahnhofstrasse? Ist bei ihnen eine neue Demut zu spüren? Wirtschaftspsychologe Christian Fichter gibt im Interview mit Blick.ch Antworten.

Gilt Obamas Kritik auch für Schweizer Banker?
Christian Fichter: Ich habe mit einigen Bankern Gespräche geführt. Egal, ob sie mir persönlich sympathisch waren oder nicht: Viele sind schon enorm aufs Geld fixiert. Leistung wird nur an den Finanzen gemessen. Das ist für uns Aussenstehende stossend. Die Wirtschaftskrise hat zwar in der Gesamtgesellschaft einen Wertewandel angestossen – doch dieser ist noch lange nicht überall in der Gemeinschaft der Banker angelangt.

Wieso dauert dieser Wertewandel so lange?
Es ist ähnlich wie beim Rauchen und beim Rasen: Die Öffentlichkeit und die Medien haben beides in den letzten Jahren immer stärker geächtet – und dennoch gibt es immer noch Menschen, die rauchen und die rasen. Joe Ackermann und Co. haben immer gepredigt: Rendite, Rendite, Rendite! Ein solches Denken lässt sich nicht von heute auf morgen ändern.

Irgendwann ist die Krise vorbei und der Rubel rollt wieder. Werden die selbsternannten «Masters of the Universe» dann nicht einfach zu ihrer alten Arroganz zurückkehren?
Der Schock der jetzigen Krise und des kollektiven Versagens der Finanzwelt sitzt zwar tief. Dennoch bin ich tatsächlich pessimistisch, ob dies ausreicht, um die Einstellung der Banker zu ändern. Es ist ja typisch Mensch: Sobald er nicht mehr krank ist, vergisst er alle Vorsicht. Nicht aus jedem Fehler der Vergangenheit lernen wir. Eigentlich hätten uns die früheren Krisen ja eine Warnung sein sollen, keine Wirtschaftsblasen mehr aufzupumpen, bis sie platzen.

Was kann die Politik dagegen tun, dass sich solche Krisen wiederholen?
Barack Obama spricht nun von einer grösseren Risikokontrolle – und er hat völlig Recht. Ein Teil der Finanzindustrie glich in den letzten Jahren einem Schenkkreis, wie jenem von Grenchen, der wegen einem Mord Schlagzeilen machte. Bei beiden Systemen gibt es Anleger, die an eine völlig überrissene Rendite glauben. Dabei wäre es offensichtlich, dass diese Versprechungen einer rationalen Prüfung nicht standhalten – Beispiel Madoff. Der Staat muss solchen Pokerspielen unbedingt einen Riegel schieben. Denn es wird immer Leute geben, die sich selber zu bereichern versuchen.

Wie soll das in der Schweiz geschehen?
Ein Expertengremium, das von allen Parteien und Wirtschaftskreisen unabhängig ist, könnte Empfehlungen für den Bundesrat und das Parlament ausarbeiten. Und die Kompetenzen von Konsumentenschutz und des Preisüberwachers sollten ausgedehnt werden. So bekämen wir einen Ombudsmann für die Finanzwirtschaft, der den Bankern auf die Finger schauen könnte. Nur ist das vorerst utopisch, weil die Finanzlobby dagegen ankämpfen wird.

Zur Person

Christian Fichter ist Wirtschaftspsychologe und Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der privaten Kalaidos-Fachhochschule.
play Von neuer Bescheidenheit ist an der Bahnhofstrasse noch nicht viel zu spüren. (Reuters)

Top 3

1 156-Mio-Busse! Weil BMW die Schweizer Kunden benachteiligtebullet
2 Grösser, besser, billiger? Rabatt-Schlacht im TV-Geschäftbullet
3 Wegelin-Fall US-Richter nimmt Raiffeisen ins Visierbullet

Wirtschaft