Christian Camenzind, Oppenheim «Bank-Geheimnis ist kein Auslauf-Modell»

  • Publiziert: 17.12.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Michael Scharenberg

ZÜRICH – Das Bank-Geheimnis bleibt, Solar-Aktien sind attraktiv, seine Bank bekam auch dieses Jahr neue Kundengelder: Das sagt Christian A. Camenzind, CEO der Privatbank Sal. Oppenheim, im Interview mit Blick.ch.

Blick.ch: Herr Dr. Camenzind, Riesenverluste bei der UBS und bei der CS: Schlägt jetzt die Stunde der Privatbanken?
Christian A. Camenzind: Unabhängige und solide Privatbanken haben im gegenwärtigen Umfeld sicherlich gute Chancen, auch das Vertrauen von neuen Kunden zu gewinnen. Sal. Oppenheim ist seit 1789 jetzt in siebter Generation in Familienbesitz und mit über 4000 Mitarbeitern und rund 150 Milliarden Euro (240 Mrd. Franken) verwalteten Vermögens eine der grössten unabhängigen Privatbanken Europas. Bei unserer selbständigen Schweizer Bank ist der Netto-Neugeldzufluss von Privatkunden in diesem Jahr sehr erfreulich.

Der Absturz der einst stolzen UBS hat dem Image der Schweizer Banken immens geschadet. Wie erleben Sie das, wenn Sie Ihren Kunden den Puls fühlen?
In einer Zeit extremer Verluste an den Kapitalmärkten, wie wir sie derzeit erleben, suchen Privatanleger nach Produkten, die ihnen vor allem Werterhaltung bieten. Das Bedürfnis nach Sicherheit ist gross.

Noch im Sommer wäre jeder ausgelacht worden, der gesagt hätte, die UBS müsse demnächst vom Staat mit 68 Milliarden Franken gerettet werden. Wie sehen Sie diesen historischen Eingriff?
Die Banken leiden unter einer gegenseitigen Vertrauenskrise. Dies hat zunächst den Geldmarkt und nachfolgend auch die Kredit- und Kapitalmärkte nahezu zum Erliegen gebracht. Dass sich die grösste Schweizer Bank diesem globalen Trend nicht entziehen konnte, ist eine traurige Tatsache. Der Vorteil besteht nun darin, dass die faulen Kredite ausgegliedert sind und die UBS wieder nach vorne schauen kann. Das ist gut für den ganzen Finanzplatz Schweiz.

In den letzten zwei Monaten hat die Nationalbank die Zinsen vier Mal gesenkt: Wie schlimm steht es wirklich um unsere Wirtschaft?
Die Realwirtschaft erleidet wegen der Finanzkrise gegenwärtig einen massiven Einbruch, insbesondere im Automobil-, Investitionsgüter- und Immobiliensektor.

Wie ist der Ausblick Ihrer Bank Sal. Oppenheim für 2009? Wann gehts wieder aufwärts mit der Konjunktur?
Wir erwarten fürs Jahr 2009 global eine scharfe Rezession. Ausgehend von den USA erlebt die Weltkonjunktur wegen der Finanz- und Immobilienkrise aktuell den schärfsten Einbruch der internationalen Finanzmärkte und der Weltwirtschaft seit Jahrzehnten. Durch die sehr aggressive Geld- und Steuerpolitik der Regierungen dürfte sich ab Sommer 2009 aber eine gewisse Konjunkturstabilisierung einstellen.

Trotz Finanzkrise ist ja nicht alles Geld futsch. Welche Anklagetipps können Sie derzeit geben?
Die stark gefallenen Aktienkurse eröffnen jetzt Chancen. Zu den Favoriten zählt Sal. Oppenheim am Schweizer Markt ABB, Roche, Syngenta, UBS und Zurich FS. Bei den Nebenwerten erscheinen uns Geberit, Lonza, PSP und Sonova attraktiv.

Und wie stehts mit einer Anlage in erneuerbare Energien, zum Beispiel Solar-Energie?
Die US-Regierung will die Konjunktur mit rund 700 Milliarden Dollar ankurbeln. Daher sehen wir Chancen bei den Infrastruktur- und Solarenergie-Aktien. Die Finanzkrise hat Befürchtungen geschürt, dass Solarprojekte Finanzierungsprobleme haben könnten. Zudem ist die Konkurrenz schärfer geworden. Das hat zu einem starken Kursrückgang bei den Solarenergie-Aktien geführt. Auf diesem tiefen Niveau favorisieren wir innerhalb der Branche Q-Cells, R&R und Solarworld.

Zum Bankgeheimnis: Nicht nur der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück rüttelt daran, auch die USA machen Druck. Liechtenstein will mit amerikanischen Steuerfahndern zusammenarbeiten. Ist das Bankgeheimnis also ein Auslaufmodell?
Bestimmt nicht. Wenn der deutsche Finanzminister als Kritiker des Schweizer Bankkundengeheimnisses auftritt, stimmt dies nachdenklich, zumal die Schweiz mit der EU ein breit abgestütztes Zinsabkommen ausgehandelt hat. Mit dem Bankkundengeheimnis schützt die Schweiz schon seit 1934 die Privatsphäre ihrer Bankkunden. Der Schutz der Privatsphäre ist in der Schweiz ein hohes Rechtsgut, welches auch von der Bevölkerung getragen wird.

Was müssen Schweizer Banken unternehmen, damit das Bankgeheimnis gewahrt bleibt?
Bescheiden bleiben und weiterhin seriös und professionell arbeiten. Da möchte ich mir die Bemerkung erlauben, dass die Schweiz über eines der strengsten Geldwäscherei-Gesetze der Welt verfügt. Dieses dient zur Abwehr nicht willkommener Gelder.

Zur Person

Dr. Christian A. Camenzind (48) war nach dem Abschluss des Studiums der Rechtswissenschaften in Zürich während zehn Jahren in verschiedenen Managementfunktionen bei der Credit Suisse Group tätig, unter anderem in London und Luxembourg. Zuletzt war er bei der Bank Leu als Mitglied der Geschäftsleitung für das internationale Private Banking Geschäft verantwortlich. Seit seinem Eintritt am 1. Januar 2000 ist Camenzind Vorsitzender der Geschäftsleitung der Bank Sal. Oppenheim jr. & Cie. (Schweiz) AG. Daneben ist er Vorstandsmitglied im Verband der Auslandsbanken in der Schweiz und Mitglied der Zulassungsstelle SWX Swiss Exchange.

Zur Bank

Die Bank Sal. Oppenheim jr. & Cie. (Schweiz) AG ist eine Privat- und Investmentbank. Sie ist eine Tochtergesellschaft der Sal. Oppenheim jr. & Cie. S.C.A., Luxemburg, die in ganz Europa zu Hause ist. Sal. Oppenheim ist seit mehr als 200 Jahren in Familienbesitz und eine der führenden europäischen Privatbankengruppen. Gegründet wurde die Bank 1789 von Salomon Oppenheim in Bonn.
play Christian A.Camenzind, CEO Bank Sal. Oppenheim jr. & Cie. (Schweiz) AG (ZVG)

Top 3

1 156-Mio-Busse! Weil BMW die Schweizer Kunden benachteiligtebullet
2 Grösser, besser, billiger? Rabatt-Schlacht im TV-Geschäftbullet
3 Wegelin-Fall US-Richter nimmt Raiffeisen ins Visierbullet

Wirtschaft