Interview mit Christine Bühler (53), Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes «Bäuerinnen haben wenig zu sagen»

Die Situation der Bäuerinnen ist schwierig, sagt Christine Bühler. Sie haben immer noch wenig bis gar nichts zu sagen.

  • Publiziert: 15.10.2012, Aktualisiert: 16.10.2012
  • Irène Harnischberg

Blick: Heute findet in Posieux im Kanton Freiburg die nationale Tagung «Frauen in der Landwirtschaft» statt. Wie gehts den Schweizer Bäuerinnen?Christine Bühler: Vergleicht man die Situation mit Bäuerinnen in Entwicklungsländern, geht es ihnen gut. Aber hier in der Schweiz ist ihre Situation schwierig.

Warum?
Die Landwirtschaft hat sich in den letzten zehn Jahren enorm verändert. Im Zuge der Verlagerung von Produktepreisen hin zu den Direktzahlungen sind die Einkommen kleiner geworden. Der Einkommensanteil der Frauen aber steigt. Doch ihre Einflussmöglichkeiten sind klein. Die Bäuerinnen haben nach wie vor wenig bis gar nichts zu sagen.

Was sind die Gründe dafür?
Die allerwenigsten Frauen sind Mitbesitzerinnen des Hofes. Nehmen Sie mich als Beispiel: Ich bin auf dem Hof meines Mannes als selbständige Mitbewirtschafterin registriert, aber mir gehört genau gesehen nichts.

Wo ist denn das Problem?
Das Hauptproblem liegt in der Anerkennung der Arbeit der Frau. Heute bezahlt kaum ein Bauernbetrieb die Sozialbeiträge für die Bäuerinnen auf dem Hof. Das ist bei mir aber nicht der Fall.

Was sind denn die Folgen?
Nach einer Scheidung fällt eine Bäuerin durch alle sozialen Netze. Sie erhält dann kein Arbeitslosengeld und meistens nur eine minimale Altersvorsorge. Hat eine Bäuerin einen Unfall und wird invalid, erhält sie nur eine Minimalrente, weil sie ja keine IV-Beiträge eingezahlt hat.

Was braucht es denn aus Ihrer Sicht?
Bauernbetriebe müssen alle Frauen voll versichern. Auch wenn das die meisten Männer gar nicht wollen.

Und wie soll Ihre Forderung umgesetzt werden?
Die landwirtschaftlichen Beratungsstellen haben eine wichtige Aufgabe, denn sie sind neutral. Bei Beratungen sollen sie die Höfe künftig offiziell darauf hinweisen, dass eine Abgeltung der Sozialversicherungen sehr wichtig ist. Oder anders gesagt: Der Status der Bäuerin muss geklärt sein. Ist sie Angestellte, dann hat sie beispielsweise auch Anrecht auf Mutterschaftsgeld.

Welchen Rat geben Sie einer jungen Bäuerin?
Überleg dir genau, was du willst, und sei nicht blauäugig. Nimm ein Blatt Papier und schreibe auf, was du willst, was du einbringst in die Ehe.

Ein anderes Thema. Der Nationalrat hat in der Herbstsession mit den Entscheiden zur Agrarpolitik 2014–2017 die Richtung der Landwirtschaft bestimmt. Sind Sie zufrieden damit?
Im Grundsatz sind wir Bäuerinnen zufrieden damit. Wir sind sehr froh darüber, dass der Zahlungsrahmen von 13,6 Milliarden Franken gutgeheissen wurde. Das ist ein positives Signal.

Sind Sie auch mit der Abschaffung der Tierbeiträge zufrieden?
Jein. Wir hoffen schon, dass der Ständerat noch ein paar Korrekturen anbringt. Im Gesetz heisst es beispielsweise, dass «auf Raufutter » basierte Milch produziert werden soll. Wir möchten dieses «Raufutter» ändern in «betriebseigene Futtermittel». Das würde einen gewissen unternehmerischen Spielraum belassen.

Andere Kritikpunkte?
Der Nationalrat hat sich im neuen Artikel 3d dafür ausgesprochen, dass auch landwirtschaftsnahe Tätigkeiten – zum Beispiel das Hoflädeli oder das Schlafen im Stroh – zur Landwirtschaft gehören. Im Artikel 89 hat er das quasi wieder aufgehoben, auf Druck des Gewerbeverbandes. Das ist mir unverständlich.

Am Ende der Debatte im Nationalrat wurde Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann gelobt. Sind Sie zufrieden mit ihm?
Er sollte noch etwas mehr Herzblut zeigen.

Am 21. November findet die Wahl des neuen Bauernpräsidenten statt. Es gibt vier Kandidaten für die Nachfolge von Hansjörg Walter, darunter SVP-Nationalrat Andreas Aebi aus Bern und den St. Galler CVP-Nationalrat Markus Ritter. Wen wählen die Bäuerinnen?
Für uns sind alle vier Kandidaten fähig, deshalb geben wir keine Wahlempfehlung ab. Ein Kriterium für die Wahl wäre die Parteizugehörigkeit. Es gibt ja das ungeschriebene Gesetz, dass zwischen den Parteien rotiert wird. Mit Walter ist ein SVPler am Ruder.

Was heisst das konkret?
Die Bauern sind doch in der Regel sehr traditionell, also könnten sie es auch in diesem Fall sein.

Wann steht die erste Frau an der Spitze des Bauernverbandes?
Ich bin jetzt 53. Es wäre schön, wenn ich das noch erleben könnte.

 

Wie Bäuerinnen wirklich denken

Posieux FR – Die Tagung «Frauen in der Schweizer Landwirtschaft» findet heute im Landwirtschaftlichen Institut Grangeneuve in Posieux statt. Thematisiert wird eine bei über 1000 Bäuerinnen durchgeführte Umfrage. Ebenfalls präsentiert werden Ergebnisse der Studie «Geschlecht, Generationen und Gleichstellung in der Landwirtschaft».

Unter den 200 Teilnehmern ist neben Christine Bühler, der Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes, auch Jacques Bourgeois, Direktor des Bauernverbandes. Ebenfalls dabei sind Maya Graf, Vize-Nationalratspräsidentin (Grüne/BL) und Mitbewirtschafterin eines Bio-Bauernbetriebes.

Keine Zeit gefunden hat Bundesrat Johann Schneider-Ammann.

Gehts den Bäuerinnen schlechter als anderen Frauen?»

Beliebteste Kommentare

  • Emil  Thommen , Zug
    Die haben viel mehr zu sagen als wir wissen,
    die Frauen auf dem Land sind doch nicht dumm

Alle Kommentare (3)

  • Klara  Baggenstos , via Facebook
    Ich bin selber Bäuerin und es schmerzt mich wen ich lese was sich da der Blick als Umfragefragen ausgedacht hat. Ihr alle die finden das wir das jammern von unseren Männern gelernt hätten. Keine Ahnung habt ihr. Zum Schutze und zur Erhaltung der Landwirtschaftsbetriebe werden vor allen die Rechte der Frauen ausgehebelt. Aber es liegt auch ein Stück weit an uns Frauen uns für unsere Rechte einzusetzen. Den leider hat Frau Bühler recht. Auch ich musste dafür kämpfen das ich mir als Bäuerin einen Lohn bezahlen kann und mein Mann einen Ehevertrag mitunterschrieben hat der mich nicht ganz so rechtlos bleiben liese falls meinem Manne etwas zustossen sollte. Herr Thommen, klar haben wir viel zu sagen, aber was ist wen der Bauer stirbt und die Bäuerin alles verliert, und sie verliert alles sogar ihr eingebrachtes Geld, wen sie nicht klug vorgesorgt hat. Es ist so.
  • Emil  Thommen , Zug
    Die haben viel mehr zu sagen als wir wissen,
    die Frauen auf dem Land sind doch nicht dumm
  • Susanne  Sam
    Wo ist das Problem Frau Bühler? Scheinbar haben Sie zu wenig Arbeit auf dem Hof oder Sie leiden unter Penisneid!

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