Amtlich bewilligte Tiefstlöhne: «Der Kanton Zürich legalisiert das Lohndumping»

Der Kanton Zürich will Lohndumping im Detailhandel und im Maschinenbau einen Riegel schieben. Die vorgesehenen Mindestlöhne sind allerdings extrem tief.

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Die grösste Baugrube der Schweiz Hier baut der Flughafen eine neue Stadt
2 Diesen Typen am Flughafen kennen Sie bestimmt Aber diese Orte haben...
3 Müssen Serien-Junkies zittern? Grösster Tauschbörsen-Pirat verhaftet

Wirtschaft

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
122 shares
104 Kommentare
Fehler
Melden

Die Schweiz hat ein Lohndumping-Problem. Jetzt geht mit Zürich der wirtschaftlich wichtigste Kanton voran. Im Detailhandel und im Maschinenbau, zwei Risikobranchen, könnte der Regierungsrat schon bald Normalarbeitsverträge mit zwingenden Mindestlöhnen erlassen.

Die Vertragsentwürfe liegen BLICK vor. Erstellt wurden sie im kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) von FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh (58). Die Verträge werden derzeit von der Tripartiten Kommission diskutiert. Ihr gehören Vertreter der Arbeitgeber, der Arbeitnehmer und des Kantons an.

Rund 3000 Franken netto am Ende des Monats

Für Kontroversen sorgt dabei vor allem eine Tatsache: Die in den Verträgen definierten Mindestlöhne sind extrem tief. «Statt dass der Kanton das Problem löst, geht er hin und legalisiert das Lohndumping», heisst es bei der Gewerkschaft Unia. 

Gemäss Vertragsentwurf soll im Detailhandel künftig ein Mindestlohn von 3415 Franken pro Monat gelten. Und zwar unabhängig von Alter, Ausbildung und Berufserfahrung. Sprich: Selbst Personen, die eine Lehre abgeschlossen haben und für eine Familie sorgen müssen, könnten am Ende des Monats mit netto rund 3000 Franken dastehen. 

Bessere Löhne in Genf und Bern

Dieser Wert mutet in zweifacher Hinsicht tief an. Einerseits im kantonalen Vergleich: Detailhandelsangestellte in Genf haben einen bis zu 350 Franken höheren Mindestlohn. Im Kanton Bern liegt der Mindestlohn für über 25-jährige Verkäufer sogar bei bis zu 3955 Franken. Allerdings sind hier Ausnahmen möglich.

... und Frauen-Chefin Carmen Walker Späh. play
Zuständig für Tiefstlöhne: Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP). Siggi Bucher

Andererseits schneidet der kantonale Mindestlohn auch im brancheninternen Vergleich schlecht ab. Bei Migros und Coop erhalten ungelernte Mitarbeiter mindestens 3900, solche mit einer Lehre sogar mindestens 4100 Franken. Aldi, Denner und Lidl zahlen noch besser.

Auch in der zweiten Problembranche, dem Maschinenbau, soll ein tiefer Mindestlohn eingeführt werden. Gemäss Vertragsentwurf: 3850 Franken pro Monat, unabhängig von Alter, Ausbildung und Berufserfahrung.

Unia: «Das ist nicht akzeptabel»

Unia-Sprecher Lorenz Keller kritisiert die amtlich bewilligten Tiefstlöhne heftig. «3415 Franken im Detailhandel sind ein Skandal. Das ist nicht akzeptabel.» Normalarbeitsverträge sollten sich an bestehenden Gesamtarbeitsverträgen orientieren. 

Nebst der Höhe der Mindestlöhne ruft auch die Tatsache, dass Alter, Ausbildung und Berufserfahrung nicht berücksichtigt werden, Kritik der Gewerkschafter hervor. «Wenn es sich nicht mehr lohnt, eine Lehre zu absolvieren, dann wird die Berufsbildungsstrategie von Bund und Kanton Zürich unterlaufen.»

Bruno Sauter, Chef des Amts für Wirtschaft und Arbeit, will sich «aus Gründen des Amtsgeheimnisses» nicht zur Höhe der Mindestlöhne äussern. Auch Regierungsrätin Walker Späh hält sich bedeckt. «Die Regierung kommt erst dann ins Spiel, wenn sich die tripartite Kommission entscheidet, bei der Regierung den Erlass eines Normalarbeitsvertrags zu beantragen», teilt eine Sprecherin der Volkswirtschaftsdirektion mit.

Publiziert am 20.03.2016 | Aktualisiert am 29.03.2016
teilen
teilen
122 shares
104 Kommentare
Fehler
Melden

104 Kommentare
  • Thomas  Binder , via Facebook 21.03.2016
    Das Volch und das Volk lehnen die Mindestlohninitiative ab, wählen mehrheitlich SVP, FDP und Teile der CVP, Adepten des asozialen (neo)feudalen globalen Neoliberalismus, und reiben sich dann verwundert die Augen, wenn sie von den gierigen Raubtierkapitalisten zum Lunch verspeist werden. Nur die allerdümmsten Kälber...
  • Marion   Jost aus Schönenwerd
    21.03.2016
    Alle die jetzt am wäffele sind, sollten sich überlegen was sie damals abgestimmt haben bei der Mindestlohninitiative!!! Denn genau sowas wie hier kommt dabei heraus wenn man der wirtschaftsfreundlichen Millionärspartei alles abkauft statt selber zu denken!!! Mit Unwahrheiten haben die ihre eigenen Mitglieder und deren Firmen geschützt, dafür müssen die Leute EL beantragen weil sie die KK nicht zahlen können!!! Bedankt Euch bei den Bürgerlichen!
    • Thomas  Hager aus Luzern
      21.03.2016
      Meine Rede, wenn die Dummheit dieser Wähler etwas wert wäre, wären sie Millionäre.
    • Severin  Mueller , via Facebook 21.03.2016
      Es ist leider so, dass die SPD verteufelt wird, weil die SVP alle Probleme in diesem Land den Linken in die Schuhe schiebt. Dabei ist es die SP die - abgesehen von den Europhilen - noch am ehesten dafür kämpfen, dass solche Misstände behoben werden.
  • Marco  Simone , via Facebook 21.03.2016
    In der Reinigungsbranche sind die Mindestlöhne etwa gleich tief. Abgesegnet mit einem grossartigen GAV und knauserigen Kunden.
  • William  Quispe aus Bellinzona
    21.03.2016
    Detailhandel braucht nun wirklich niemand. Heutzutage muss ja der Kunde alles selbst machen, sogar das Einscannen der Produkte und bezahlen mit der Karte. Für Regale auffüllen sind 3000 mehr als genug. Wenn man diese Angestellten was fragt, heisst es meist: ist nicht mein Rayon, fragen Sie meinen Kollegen. Soviel zu den Fachkenntnissen dieser Fachkräfte.
    • Peter  Meier 21.03.2016
      Spricht nicht gerade für Sie, wenn Sie immer im falschen Rayon nachfragen. Im Detailhandel werden tausende Artikel verkauft. Wie soll man sich bei allem auskennen?
  • Horwald  Blattmann 21.03.2016
    Das Arbeitgeber solche Löhne zahlen dürfen, hat das Stimmvolk so gewollt mit Ihrem "Nein" zu Mindestlöhnen...