Abrechnung mit Börse, SNB und WEF: Der Rundumschlag von Nick Hayek

Swatch unter Druck: Der Franken ist teuer, die Aktie taucht und Apple lanciert eine Uhr. Doch Firmenchef Nick Hayek kontert!

Stärke zeigen: Der Swatch-CEO denkt intensiver darüber nach, den Uhrenkonzern von der Börse zu nehmen. play

Stärke zeigen: Der Swatch-CEO denkt intensiver darüber nach, den Uhrenkonzern von der Börse zu nehmen.

Sabine Wunderlin

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Abgemacht war eine Stunde Interview. Am Ende wurden zwei daraus. Vielleicht, weil Nick Hayek (60) und die Swatch Group unter Druck stehen. In den letzten zwölf Monaten sank der Kurs der Swatch-Group-Aktie von 593 auf 361 Franken. Das Ende des Euro-Mindestkurses beschleunigte die Talfahrt. Zudem droht dem grössten Uhrenkonzern der Welt neue Konkurrenz. Apple hat eine Smartwatch angekündigt: Kaufen die Kunden noch teure Uhren, wenn man bald einen Minicomputer am Handgelenk tragen kann?

Wegen des Entscheids der Nationalbank (SNB) verlieren Sie viel Geld. Sind Sie sauer, weil die SNB den Mindestkurs aufgehoben hat?

Nick Hayek: Geld haben wir noch nicht verloren, aber etwas viel Wichtigeres, nämlich das Vertrauen in die Institution SNB.

Haben Sie seitdem mit SNB-Chef Thomas Jordan gesprochen?

Er hat mich angerufen. Ich habe ja mit Herrn Jordan als Person kein Problem. Wir kämpfen schon seit über zwanzig Jahren mit der Wechselkurssituation. Das hat uns nie daran gehindert, die Anzahl unserer Fabriken in der Schweiz oder jene unserer Mitarbeitenden zu erhöhen.

Hat der SNB-Entscheid etwas an Ihrer Strategie geändert?

Nein, an unserer langfristigen, erfolgreichen Strategie ändert sich überhaupt nichts, und sicherlich nichts in Bezug auf den Werkplatz Schweiz. Auch sonst bleiben wir, wie wir sind. Und ich gehe auch weiterhin nicht nach Davos ans WEF (lacht). 

Austeilen können Sie, das ist bekannt. Dennoch einmal konkret gefragt: Hat die SNB zu panisch reagiert?

Die Nationalbank hat die Prioritäten kurzfristig anders gesetzt. Es war ihr auf einmal wichtiger, die eigene Bilanz zu schützen, als sich in einem wirklichen Kampf für den Werkplatz Schweiz und den Tourismus einzusetzen.

Aber jammern hilft nichts.

Ich jammere doch nicht. Ich sage, was ich und viele andere auf der Welt empfinden.

Und zwar?

Ich glaube eher, dass die SNB sich im Jammertal gesehen hat. Für mein Empfinden geben wir in der Schweiz zu schnell Signale, dass die Risiken für uns zu gross sind; dann geben wir lieber sofort klein bei, als für unsere Überzeugung zu kämpfen. Schauen Sie nur, wie wir uns von den USA und teilweise von Europa wegen der Steuerpolitik für Unternehmen behandeln lassen. Jene, die uns so kritisieren, sollten zuerst ihre eigenen Hausaufgaben erledigen.

Im Nachgang zum SNB-Entscheid sprachen Sie von einem «Tsunami». Weltweit haben die Medien dieses Zitat aufgenommen. Sind Sie stolz auf diesen enormen Einfluss?

Nein, in einem Atemzug mit einem Tsunami genannt zu werden, ist nicht sehr positiv. Es war das Erste, was mir in den Sinn kam. Ein Damm ist gebrochen. Der Mindestkurs war ja ein Damm. Die Aufhebung hat weltweit Wellen geworfen. Man sah jetzt mal mit aller Deutlichkeit, welchen Einfluss die kleine Schweiz und ihre ach so kleine Nationalbank hat. Apropos Zitat: Ich habe darin ja erwähnt, dass Jordan auch ein Fluss sei, darum war es folgerichtig, von einem Tsunami zu sprechen. Aber ob ich zitiert werde oder nicht, ist mir egal. Wichtiger ist, dass es richtig wiedergegeben wird.

Sie kokettieren auch gerne. Tatsache ist: Die Swatch Group-Aktie stürzte nach dem Ende des Mindestkurses ab.

Ich nahm das zur Kenntnis. Aber nur, weil sich der Aktienkurs verändert, ändern wir doch nicht auch unsere operative Tätigkeit oder unsere Strategie. Und Swatch Group verkauft Uhren, keine Aktien. Die Preise an den Börsen haben sich von der richtigen Welt schon längst verabschiedet. Würden wir den Rat der Börse befolgen, würden wir keine Fabriken betreiben. Die kosten nur Geld. Und kein Lager mit Produkten haben. Und sowieso keine neuen Mitarbeitenden mehr einstellen. 

Ihr Aktienkurs hat sich innert eines Jahres fast halbiert. Was sagen Sie dazu?

So what? Das ändert am effektiven langfristigen Wert unseres Unternehmens nichts.

Was würden Sie denn an der Börse verändern?

Ich würde sie zwingen, nicht mehr Börse zu heissen, sondern Casino. In einem Casino tummeln sich viele Abzocker, und die wollen in möglichst kurzer Zeit möglichst viel verdienen – auf Teufel komm raus.

Würden Sie denn am liebsten die Swatch-Group von der Börse nehmen?

Das ist eine interessante Frage, die schon meinen Vater immer beschäftigt hat. Wir könnten alle sehr viel ruhiger und mit viel weniger Bürokratie arbeiten und uns auf den eigentlichen Zweck der Gruppe konzentrieren, nämlich erfolgreich in der Schweiz hergestellte Produkte weltweit verkaufen. Um die Swatch Group von der Börse zu nehmen, müssten wir uns als grosser Aktionär aber verschulden. Und das entspricht nicht unserer Kultur.

Wie sehen Sie das heute, wo der Wert der Swatch-Aktie so tief ist wie lange nicht mehr?

Ich muss zugeben, dass ich mir das bei dem aktuellen Kurs schon mehr als einmal überlegt habe.

Einige Exportfirmen denken jetzt laut über eine Verlagerung ihrer Produktion ins Ausland nach. Die Swatch Group könnte das niemals machen, weil die Marke «Swiss Made» verloren ginge. Und die ist für Sie zentral.

Sie haben recht. Swiss Made ist für uns sehr wertvoll. Die Welt vertraut diesem Prädikat. Gerade bei einem emotionalen Produkt wie der Uhr ist Glaubwürdigkeit wichtig. Aber es ist auch wichtig, Forschung und Entwicklung sowie Produktion nahe beieinander zu behalten. Damit gewinnen Sie Zeit für Innovation und das Risiko ist kleiner, das Know-how an Dritte zu verlieren.

Jean-Claude Biver, Uhrenchef Ihres Konkurrenten LVMH und einst bei der Swatch Group tätig, sagte diese Woche, dass eine Smartwatch nicht in der Schweiz produziert werden könne.

Er meinte sicher, LVMH könne das nicht. Unsere Unternehmen EM-Microelectronic-Marin, Asulab, Renata und Micro Crystal stellen seit Jahren in der Schweiz viele Produkte im Smartbereich her – und das nicht nur für eigene Marken wie Tissot und Swatch, welche die revolutionäre und berühmte Touch-Screen-Technologie für Uhren noch vor den Smartphones auf den Markt gebracht haben. Dazu kommt, dass wir ganze Module für die sehr erfolgreichen Fitnessbänder der amerikanischen Firma Garmin liefern. Und die Liste berühmter Anbieter von Smart- und Mobile-Produkten, die wir mit Komponenten beliefern, ist lang.

Jetzt macht Ihnen Apple aber harte Konkurrenz. Die Kalifornier sind berühmt für die Verbindung von Funktionalität und Design.

In aller Bescheidenheit: Wir haben auch einen guten Ruf für unsere Designs und Funktionalitäten in einer Uhr – und wir produzieren auch selber. Apple ist nicht die einzige Firma, die eine Smartwatch auf den Markt werfen wird. Dies ist kein Risiko, sondern eine riesige Chance für uns und die Schweizer Uhrenindustrie.

Mit Microsoft haben Sie es ja probiert – und sind gescheitert.

Als wir 2003 mit Bill Gates die Paparazzi-Uhr entwickelten, lernten wir viel. Es braucht regelmässige Software-Updates und man muss die Uhr einfach aufladen können. Ausserdem muss am Handgelenk das Display möglichst klein sein. Denn auch Frauen und Asiaten wollen Smartwatches tragen. Das Display und der Stromverbrauch bleiben ein grosses Problem.

Sie wollen also eine Smartwatch ohne Display lancieren?

Die Technologie haben wir ja schon 1995 in der Swatch Access verwendet! Davon verkauften wir übrigens mehr als fünf Millionen Stück. Sie hat einen Chip und eine Antenne, die beide keine Energie aus der Uhr verbrauchen. Hinzu kommt, dass sie mit allen möglichen Geräten kommunizieren kann.

Auch an der Kasse bezahlen?

Ja, dank dem neuen Standard NFC (Near Field Communication = Datenaustausch per Funk; Red.), wie er jetzt auch bei kontaktlosen Kreditkarten eingesetzt wird. NFC ist kompatibel mit iOS- und Android-Geräten. Software-Updates in der Uhr braucht es nicht mehr. Und: Es bleibt eine Uhr!

Werden Sie konkret!

Geduld! Vieles, das jetzt gross angekündigt wird, ist nicht zu hundert Prozent durchdacht. Dazu eine Geschichte: Als die vielen Vertreter von Tech-Firmen bei mir zu Besuch waren, stellten sie fest, dass man für die Benützung einer Smartuhr beide Arme blockiert. Und eigentlich brauchen Sie ja gar kein Display auf der Uhr, da wir ja schon umzingelt sind von Displays – auf Smartphones, iPads, Autos, bald Brillen und wahrscheinlich sogar auf interaktiven Bierdeckeln.

Sie wollen sagen, dass die Smartwatch mit Display nur ein Hype ist?

Nein, es ist eine Riesen-Chance für die gesamte Uhrenindustrie, weil sie die Uhr nicht ersetzt, sondern uns neue Märkte eröffnen wird. Genauso wie Smartphones mit ihrer Zeitanzeige die Uhren nicht ersetzt haben. Im Gegenteil: Smartphones machten es möglich, dass man ausserhalb des Büros arbeiten kann. Jetzt sind die Leute mehr unterwegs, zum Beispiel in Shoppingcentern, wo sie auf die Idee kommen, eine neue Uhr zu kaufen.

Jetzt aber kommt Apple aufs Handgelenk. Was machen Sie?

Schauen Sie: Mit der Apple Watch haben die Kalifornier zum ersten Mal ein Produkt vorgestellt, das nicht eine Woche später in den Verkauf kommt. Bis heute konnte kein unabhängiger Journalist die Uhr ausprobieren und analysieren. Warum ist das so? Die Investoren setzen Apple unter Druck. Sie wollen ein neues Produkt sehen.

Apple-Chefdesigner Jonathan Ive behauptete letzten Herbst, die Schweizer Uhrenindustrie werde untergehen. Das muss sie doch geschockt haben!

Das kann nur einer sagen, der sehr nervös ist. Apple hat sich sonst nie zur Konkurrenz geäussert. Aber uns hilft das ja. Ich erhielt viele Reaktionen aus den USA. Die Leute dort hatten die Marke Swatch schon fast vergessen. Jetzt sind wir wieder in aller Munde. Swatch wird mit Apple verglichen. Sensationell!

Und wie sieht denn jetzt die Smartwatch von Swatch aus, die bald kommen soll?

Swatch Smartwatches gibt es schon lange auf dem Markt. Die Smartwatch, die kommen soll? Sie wird in zwei Ländern lanciert – in einem ganz kleinen und in einem ganz grossen ...

Mit oder ohne Bildschirm?

Mit und ohne Bildschirm.

Publiziert am 25.01.2015 | Aktualisiert am 25.01.2015
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21 Kommentare
  • Annalise  Niederhauser aus Albligen
    26.01.2015
    Alle Achtung Hr. Hayek zu Ihrem positiven Denken. dass Sie Sich mehr für Ihre Arbeitnehmer interessieren als für Ihre Aktionäre. die Börse hat sich vom realen wirklich abgekoppelt und man soll nicht danach spuren. Werde aus Solidarität und Loyalität in Zukunft nur noch Swatch kaufen.
  • Manfred  Schnyder aus Wanzwil
    26.01.2015
    Nick Hayek ist sicher ein guter Patron, aber es gibt im Unternehmen auch Querschläger, diese kosten auch Geld und nützen dem Unternehmen nichts.
  • Alexandra  Weber aus Rickenbach
    25.01.2015
    Ich bewundere diesen Mann Nick Hayek einfach durch und durch.
    Er verdient meine grösste Hochachtung. Diesen Mut - der hat eigentlich nur noch CH Blocher als Schweizer.
    Alexandra weber
  • Oskar  Habegger 25.01.2015
    Ein Wunder, dass Herr Hayek für einmal keine Zigarre in den Händen hält.
  • anton  lienhard 25.01.2015
    Ziemlich grosse Töne, die Herr Hayek da spuckt. Die Nationalbank hat sehr wohl überlegt und richtig gehandelt, dass der stärkere Franken Herrn Hayek nicht passt, ist doch nicht der Fehler der Nationalbank. Zudem hat Herr Hayek jun. bis jetzt noch nicht grosse unternehmerische Sprünge gemacht, er ist einfach ins Nest gehockt, das sein Vater gebastelt hat.
    • Francesco  Compratore 25.01.2015
      Richtig Herr lienhard, er konnte sich in ein Nest stzen. Nur, er hat dieses Nest noch weiter ausgebaut und nicht verscherbelt wie zb. die Burkards von Sika. Er hätte sich vom Erlös dieses Nestes ein gemütliches Leben leisten können. Vermutlich hätte er auf der ganzen Welt Investoren gefunden udn die Marke Swatch würde nicht mehr existieren.
      Hut ab vor diesem Mann Nick Hayek.