Champagner, Lachs und Fondue chinoise: Die Schweiz feierte Weihnachten in Saus und Braus. Doch nach Silvester droht der grosse Kater. 2009 wird die Schweizer Wirtschaft erstmals seit sechs Jahren schrumpfen. Die Ökonomen des Bundes rechnen mit einem Rückgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) um 0,8 Prozent. Das wäre die schlimmste Rezession seit 1991. Drei von SonntagsBlick befragte Bankökonomen sehen die Zukunft nicht ganz so schwarz. Aber auch sie rechnen mit einer tiefen Wachstumsdelle.
Bitter dürfte vor allem das erste Halbjahr werden. Die Finanzbranche hat den Crash der Kapitalmärkte noch lange nicht verdaut, und die Exportindustrie leidet unter der weltweiten Nachfrageschwäche. Damit fallen die beiden wichtigsten Zugpferde der vergangenen Jahre aus. «Einzig der Konsum verhindert, dass wir in ein noch tieferes Loch fallen», sagt Martin Neff (48), Chefökonom bei der Credit Suisse.
Im internationalen Vergleich kommt die Schweiz allerdings noch glimpflich davon. Im Gegensatz zu den USA, aber auch europäischen Ländern wie Spanien bleiben wir von einer Immobilienkrise und einer Kreditklemme weitgehend verschont. «Wir jammern auf hohem Niveau», resümiert Neff.
Düster sieht es auch auf den Aktienmärkten aus. Mit einem Minus von 35,4 Prozent verzeichnete der Swiss Market Index (SMI) 2008 das drittschlechteste Resultat seiner Geschichte. Nur 1931 und 1974 waren noch schlechtere Aktienjahre. Immerhin: Bisher zog die Börse im Jahr nach dem Crash stets wieder an. Das lässt auch für 2009 Kursgewinne erwarten.
2009 – fünf Fragen an drei Banken-Profis
Würgt die Finanzkrise die Konjunktur in der Schweiz ab?
Janwillem Acket, Chefökonom Bank Julius Bär (50): «Die Schweiz kann sich der Krise nicht entziehen. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) dürfte um 0,5 Prozent schrumpfen. Die Wende kommt frühestens im Herbst. »
Jan Poser, Chefökonom Bank Sarasin (38): «Wir rechnen mit einem BIP-Rückgang von 0,6 Prozent in der Schweiz. Das entschiedene Vorgehen der Zentralbanken und Regierungen verhindert Schlimmeres.»
Willy Hautle, Chefökonom Zürcher Kantonalbank (55): «Wenn die Konjunkturprogramme greifen, geht es ab Mitte 2009 wieder aufwärts. Dennoch rechne ich mit einem BIP-Rückgang um 0,3 Prozent.»
Wie stark nimmt die Arbeitslosigkeit zu?
Janwillem Acket: «Die Arbeitslosenquote dürfte nächstes Jahr von 2,6 auf 3,4 Prozent ansteigen. Damit kommt die Schweiz im internationalen Vergleich glimpflich davon.»
Jan Poser: «Wir erwarten eine Arbeitslosenquote von 3,4 Prozent. In der zweiten Jahreshälfte dürfte die Konjunktur Tritt fassen. Das stärkt auch den Arbeitsmarkt.»
Willy Hautle: «Die Zahl der Arbeitslosen dürfte bis Ende 2009 auf 150 000 steigen, was einer Quote von 3,9 Prozent entspricht. Für 2010 rechnen wir mit 3,2 Prozent.»
Geraten die Löhne wieder unter Druck?
Janwillem Acket: «Die Zeiten starken Lohnwachstums sind vorbei. Nächstes Jahr werden die Löhne real um 1 Prozent steigen. Gleichzeitig sinkt jedoch die Inflation auf 0,5 Prozent.»
Jan Poser: «Die Löhne werden bestenfalls stagnieren, die gesamte Lohnsumme dürfte sinken. Die Inflation wird noch bei rund 0,6 Prozent liegen.»
Willy Hautle: «Dank der auf 0,4 bis 0,6 Prozent sinkenden Inflation und den meist guten Lohnabschlüssen werden die Reallöhne 2009 gegenüber 2008 real höher sein.»
Stürzen die Börsenkurse noch tiefer?
Janwillem Acket: «Die Börse wird den Aufschwung vorwegnehmen; eine Wende ist ab Frühling denkbar. Den Swiss Market Index (SMI) sehen wir Ende 2009 bei 6300 Punkten.»
Jan Poser: «Es besteht die Gefahr, dass der SMI noch 10 bis 15 Prozent verliert, bis Boden gefunden ist. Ende 2009 rechnen wir aber mit einer Erholung auf rund 7000 Punkte.»
Willy Hautle: «Weitere Rückschläge bis zu 10 Prozent beim SMI sind nicht auszuschliessen. Ende 2009 rechnen wir aber mit einem Indexstand von 6000 oder mehr.»
Wie soll ich mein Geld anlegen?
Janwillem Acket: «Selbstbewohnte Immobilien und Gold bieten einen guten Substanzschutz. Längerfristig bleiben aber qualitativ gute Aktien die beste Kapitalanlage.»
Jan Poser: «Für Aktienkäufe ist es jetzt noch zu früh. Wir empfehlen Anleihen von Firmen mit hoher Bonität. Die Renditen sind hier ausgesprochen attraktiv.»
Willy Hautle: «Auf mittlere Frist sind Aktien jetzt sehr günstig. Vor allem Energie, Grundstoffe, Telekom und Gesundheit bieten gute Chancen für An-leger.»
Selten so daneben
Die Analysten-Prognosen für 2008 waren grundfalsch. Die Branche ist zerknirscht.
Es waren Aussenseiter wie der Asienspezialist Marc Faber (62), die vor Jahresfrist vor einem Börsencrash warnten. Die Ökonomen und Analysten der Banken machten hingegen ungebrochen auf Optimismus – obwohl die Subprime-Krise längst in ihren Bilanzen wütete.
Am weitesten daneben lag die Credit Suisse: Ihr inzwischen pensionierter Chefökonom Alois Bischofberger (65) sagte vor einem Jahr im SonntagsBlick einen Anstieg des Swiss Market Index (SMI) auf 11000 Punkte vo-raus.
In Wirklichkeit sackte die Börse bis November auf 5034 Punkte ab. Andere Auguren waren nicht viel besser. Auch die Zürcher Kantonalbank (ZKB) und die Bank Julius Bär hatten für 2008 Rekordstände prophezeit.
Nun gibt sich die Branche selbstkritisch. «Wir sind nicht allwissend», sagt der neue Credit-
Suisse-Chefökonom Martin Neff (48). Ausmass und Tempo des Einbruchs seien historisch einzigartig und deshalb auch nicht vorhersehbar gewesen.
«Einen derartigen Vertrauensverlust», so auch Bär-Ökonom Janwillem Acket (50), «kann kein vernünftiges Modell einfangen.» Die verfügbaren Prognose-Werkzeuge reichten schlicht nicht aus, um einen Strukturbruch vorauszuahnen. Ackets Lehre daraus: «Wir haben allen Grund, uns in Demut zu üben.»