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Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer. (Keystone)
Gerold Bührer und Pascal Gentinetta warnen davor, dass die Schweiz ihre Trümpfe verspielt. Im Jahrbuch zur Schweizer Wirtschaft skizzieren Präsident und Direktor von Economiesuisse, was das Land braucht, um fit zu bleiben. Und beichten zugleich ihre Schwächen in den Naturwissenschaften. Hier exklusiv erste Auszüge:
1. Starker Franken
Am 6. September jährt sich die Einführung der Euro-Untergrenze zum ersten Mal. «Ein Anlass zur Dankbarkeit» sei das, meint Gerold Bührer. «Seither ist für die Wirtschaft eine bessere Planbarkeit eingekehrt.» Nach wie vor müsse der Euro aber 1.30 Franken wert sein, gemessen an der Kaufkraft. «Wir haben mit 1.20 immer noch ein Handicap. Die Blessuren sind in verschiedenen Branchen sichtbar. Besonders in solchen mit einem hohen Wertschöpfungsanteil wie dem Tourismus, die nicht ausweichen können», sagt Pascal Gentinetta.
2. Bequeme Schweiz
Zwar hat die Schweiz die Rezession von 2009 und die Schuldenkrise relativ gut bewältigt. Das Beispiel Irland zeige aber, so der Economiesuisse-Präsident, dass Nationen quasi über Nacht in eine äusserst unbequeme Lage rutschen können. Bern sei sich darüber nicht genügend im Klaren. «Wer lange erfolgreich ist, läuft Gefahr, nachlässig und selbstgefällig zu werden.» Bührer erkennt darin «eine Bedrohung mentaler Art». «Politiker und Sozialpartner sollten erkennen, dass das Damoklesschwert Europa noch länger über uns hängen wird und es daher besonderer Anstrengungen bedarf.»
Politische Berechenbarkeit sei einer der Trümpfe unseres Landes, so Bührer. Auf diesem Gebiet aber habe er in den letzten Sessionen Aufweichungstendenzen beobachtet: «Ein Beispiel ist die Unternehmenssteuerreform II. Kaum ist sie in Kraft, gibt es Motionen, die sie durchlöchern wollen. Auch in der Ausgabenpolitik sehen wir mangelnde Disziplin einkehren.»
3. Zuwanderung
In der 8-Mio.-Schweiz habe man zwar manchmal das Gefühl, so Gentinetta, die Grenzen der Zersiedelung seien erreicht. Aber: «Wenn ich Holland anschaue, dann leben dort doppelt so viele Menschen als in der Schweiz auf etwa der Hälfte der Fläche. Und in Holland hat man nicht unbedingt das Gefühl, dass alles zubetoniert sei. Was machen wir bei uns falsch? Wir müssen uns verdichten und, wo sinnvoll, vermehrt in die Höhe entwickeln, dabei aber die begrenzte Natur schützen.»
4. Personenfreizügigkeit
Die Personenfreizügigkeit bleibe einer der wichtigen Pfeiler der Schweizer Wirtschaft, sagt Bührer. «Auch auf das Wachstum pro Kopf hat sich die Personenfreizügigkeit positiv ausgewirkt – es war nicht nur ein reines Mengenwachstum, wie Kritiker behaupten.» Gentinetta meint, dass es durch die Zuwanderung kaum einen Verdrängungseffekt auf dem Arbeitsmarkt gegeben habe.
5. Jobs
Schweizer Unternehmen sollen den inländischen Arbeitsmarkt stärker als bisher pflegen und nutzen, meint Gentinetta. «Die Wirtschaft ist voll dabei, die Fachkräfte im Inland noch besser zu erschliessen, zum Beispiel durch gut ausgebildete Frauen nach dem Mutterschaftsurlaub oder die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.» Und gerade gut ausgebildeten Akademikern sei es zumutbar, «deutlich länger zu arbeiten», so der Economiesuisse-Direktor.
6. Finanzplatz
«Wenn man so erfolgreich ist wie die Schweiz, wird man in Europa nicht nur geliebt», weiss Gerold Bührer. Die nächsten Jahre würden daher «kein Spaziergang». Umso fester müsse die Schweiz zu ihren zentralen Prinzipien und Werten stehen. «Für den Finanzplatz gilt: Ja, wir wollen eine Regularisierung der Altbestände. Wir sagen Ja zum Modell der Abgeltungssteuer.» Darüber hinaus soll es keine weiteren Zugeständnisse geben. «Der automatische Informationsaustausch ist für uns ein No-go», sekundiert Gentinetta. «Wir sind überzeugt, dass das Schweizervolk dies auch so sieht.» Befindet sich die Schweiz tatsächlich in einem Wirtschaftskrieg, wie UBS-Chef Sergio Ermotti meint? Gentinetta spricht lieber von einem Wettbewerb unter Finanzplätzen. «Hier versuchen gewisse Länder, mit Rahmenbedingungen ihre Position zu verbessern.»
7. Energie
Bührer und Gentinetta machen sich «grosse Sorgen», dass die Machbarkeit der Energiewende überschätzt wird. «Man sollte dem Volk über die Konsequenzen reinen Wein einschenken und auch den Mut haben darzulegen, wie vieles offenbleiben wird.» Ohne Folgen für das Klima sei ein Ausstieg aus der Atomenergie nicht möglich. Denn: Gaskraftwerke werden «eine Rolle spielen müssen». Und: Um mehr aus der Wasserkraft herauszuholen, müssten Bewilligungs- und Einspracheverfahren «deutlich beschleunigt» werden.
8. EU
Weder staatspolitisch noch ökonomisch sieht Gerold Bührer einen Grund, den bilateralen Weg aufzugeben. «Die Schweiz ist zum Föderalismus verdammt.» Von einer EU-Vollmitgliedschaft jedoch würde dieser erheblich tangiert. «Die wirtschafts-, finanz- und steuerpolitischen Resultate der EU sind zudem sehr ernüchternd. Die Schweiz tut gut daran, ihre Trümpfe zu behalten.» Gentinetta: «Wir sind der drittgrösste Exportmarkt der EU, wichtiger als Russland, Japan oder Indien. Wir sind für die EU ein Exportmotor.»
9. Forschung
Für Gerold Bührer ist klar: «Der Schweizer Forschungsstandort wird gefordert bleiben, weil China längst nicht mehr nur die Werkbank der Welt ist.» Deshalb müssten sich der Forschungsetat und die Förderagentur des Bundes in einem langfristig berechenbaren, ausreichenden Rahmen bewegen. «Zudem müssen wir die Jugend vermehrt schon ab Primarschule stärker für Naturwissenschaften sensibilisieren.»
... und eine Beichte:
Bührer und Gentinetta räumen allerdings ein, dass dies bei ihnen selbst wenig gebracht habe. «Ein Berufsberater hat gesagt, ich sei in Richtung Ökonomie begabt und ungeeignet für komplexe Mathematik», offenbart Bührer. «Diesem Rat bin ich gefolgt.» Und Gentinetta? «Ich muss gestehen, dass Chemie und Physik nicht meine Stärken waren», räumt er ein. Um dann noch anzumerken: «Immerhin habe ich von der klassischen Matura mit Griechisch und Latein zumindest den Sprung in die mathematisch geprägte Betriebs- und Volkswirtschaft geschafft.»
Der Text basiert auf einem Interview von Claudia Gnehm, Wirtschaftschefin ad interim der BLICK-Gruppe. In voller Länge erscheint es am 31. August im Jahrbuch zur Schweizer Wirtschaft.
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