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Herr Botschafter, Ihr Verteidigungsminister Ehud Barak will im Gazastreifen «bis zum bitteren Ende» kämpfen. Was wäre das «bittere Ende»?
Ilan Elgar: Hat er das wirklich gesagt? «Bitteres Ende» kommt mir etwas übertrieben vor. Wenn er das gesagt hat, dann meinte er das bittere Ende der Hamas. Mit der Operation wollen wir die Lage im Süden Israels ändern. Seit acht Jahren treffen uns Bomben, Raketen und Mörserbomben, die aus Gaza abgefeuert werden.
Am 19. Dezember erklärte die Hamas den Waffenstillstand für beendet.
Das war nichts anderes als eine Kriegserklärung. Die Hamas hat Israel den Krieg erklärt.
Israel hat mit der Offensive «Gegossenes Blei» reagiert. Die Luftangriffe kosteten bisher 430 Palästinenser das Leben, weit über 2000 sind zum Teil lebensgefährlich verletzt: Hamas-Kämpfer, aber auch Zivilisten. Wie kann Israel diese schrecklichen Fakten rechtfertigen?
Das ist furchtbar, aber im Krieg passiert so etwas eben. Wir wollen keine Unschuldigen treffen. Im Gegenteil: Wir unternehmen grosse Anstrengungen, damit sie nicht leiden. Israel hat über 100000 Palästinenser in Gaza telefonisch vor den Angriffen gewarnt. Bevor ein bestimmtes Haus bombardiert wird, rufen wir an. Wir kennen alle Nummern. Die Armee sagt den Leuten: In zehn Minuten wird dieses Haus verschwinden. Geht raus!
Warum hat Israel dann mit den Luftangriffen ausgerechnet nach Schulschluss begonnen, als alle Kinder auf der Strasse waren?
Wir sind darüber sehr unglücklich. Wann immer wir es vermeiden können, lassen wir es. In jedem Krieg gibt es leider unschuldige Opfer. Gaza ist sehr dicht bevölkert. Und die Armeeangehörigen der Hamas leben bewusst unter der Bevölkerung. Dort sind auch ihre Waffen versteckt – in Moscheen, Spitälern und Privathäusern.
Die Palästinenser hier, die Hamas dort: Kann man das so auseinanderdividieren? Immerhin war die Hamas 2006 Wahlsieger.
Zyniker würden sagen, die Leute in Gaza wollten die Hamas als Regierung, dann müssen sie halt den Preis dafür bezahlen. Ich sehe das anders. Zwar hat die Hamas die Wahlen gewonnen, aber sie putschte sich ein Jahr später mit Gewalt an die Macht. Das war alles andere als demokratisch. Vergessen Sie nicht: Vor dreieinhalb Jahren sind wir aus Gaza abgezogen und die Palästinenser hatten das erste Mal in der Geschichte ein Stück Land für sich. Sie konnten alles damit machen!
Wie kommt Israel jetzt weiter? Die letzte militärische Operation in Gaza war im März, die vorletzte 2006. Das ist offensichtlich keine Erfolgsgeschichte!
Ich kann nur sagen: Vielleicht waren diese Aktionen nicht scharf genug. Vielleicht muss man mal etwas ein für alle Mal tun. Etwas viel Härteres.
Das wäre dann «das bittere Ende» der Hamas. Aber kann man sie überhaupt endgültig besiegen?
Ich glaube nicht. Die Hamas ist ein Teil der palästinensischen Gesellschaft.
Verteidigungsminister Barak aber redet von der völligen Ausschaltung der Hamas.
Wenn sie die Raketen stoppen, stoppen wir die Offensive. Wir wollen diesen Krieg nicht. Wir wollen einen palästinensischen Staat neben uns im Westjordanland und in Gaza. Aber einen, mit dem man leben kann.
Warum befriedet Israel den Gaza nicht mit andern Strategien als mit Gewalt? Etwa mit Öffnung, Kooperation?
Schauen wir uns den Unterschied zwischen Gaza und dem Westjordanland an, der übrigens immer grösser wird. Im Westjordanland verbessert sich die Lage ständig. Es gibt Hoffnung mit einem Partner wie Mahmud Abbas.
Israel hat trotzdem eine grosse Mauer gebaut!
Und warum? Niemand ist glücklich über diese Mauer, aber wir hatten eine furchtbare Terrorkampagne.
Die Internationale Gemeinschaft fordert zumindest eine «humanitäre» Waffenruhe. Was sagen Sie dazu?
Es gibt keine humanitäre Katastrophe in Gaza. Nächste Woche erwarten wir den Besuch dieser verschiedenen Herrschaften. Sarkozy wird morgen Montag in Jerusalem sein.
Die medizinische Versorgung soll eine Katastrophe sein!
Palästinensische Schwerverletzte kommen auch nach Israel. Nach dem ersten schweren Luftangriff hat Ägypten sofort viele Ambulanzen an die Grenze von Gaza geschickt, die Hamas liess die Verletzten allerdings nicht ausreisen.
Kann man eigentlich gegen einen überbevölkerten Landstrich Krieg führen, ohne das humanitäre Völkerrecht zu verletzen?
Deswegen sind wir ja so vorsichtig und greifen sehr gezielt an. Die grosse Mehrheit der bisherigen Opfer sind Hamas- oder noch extremere Kämpfer.
Ein Viertel, ein Drittel sind zivile Opfer.
Nein, nein. Wir versuchen, alle Namen zu überprüfen. Die allermeisten sind Kämpfer. Wir töten nicht gern – auch nicht Hamas-Kämpfer.
Ihr Vorgehen wird international als «unverhältnismässig» kritisiert.
Sollten wir auch ungenaue Kassam-Raketen abfeuern?
Die Schweizer Bevölkerung war einmal sehr, sehr Israel-freundlich. Heute ist sie es viel weniger. Wie erklären Sie sich das?
Die arabische Welt hat es geschafft, das Bild von David und Goliath umzukehren. Früher war es das kleine Israel, der kleine Floh, gegen die grosse arabische Welt mit 22 Staaten und vielen Millionen Menschen. Jetzt ist es der israelische Goliath und der kleine palästinensische David.
Gestern Abend ist die Bodenoffensive ausgelöst worden. Aller Voraussicht nach wird es aber in Gaza noch schrecklicher werden.
Solange in Gaza eine Hassideologie zelebriert wird und eine Kultur des Todes, ist das nicht akzeptabel. Ich bin sehr unglücklich über die Kämpfe. Wie fast alle Israelis, war auch ich einmal Soldat. Als junger Mann, im Sechstagekrieg.
Sie haben Menschen getötet?
Ich habe niemanden getötet. Ich hoffe es jedenfalls. Wir kämpften damals im Norden, in den Golan-Höhen. Töten ist etwas Furchtbares. Unsere Geschichte ist eine Geschichte von Leid und Tod. Die ältere Generation hat den Holocaust erlebt. Wenn mein Vater in den 30er-Jahren nicht nach Palästina ausgewandert wäre, wäre ich heute nicht hier. Wir kämpfen, weil wir müssen. Und wir kämpfen gut – denn wir sind noch hier.
Das ganze Interview mit Ilan Elgar finden Sie im SonntagsBlick.