Religion Was uns<br></br>heilig ist

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Christian Dorer, Beat Jost und Johannes von Dohnányi

Die Schweizerinnen und Schweizer stellen die Meinungsfreiheit über alles. Sie wollen nicht kuschen aus Angst vor Terror und Extremisten. Das zeigt eine repräsentative Umfrage von SonntagsBlick.

Ein Hauch von Mekka wehte gestern Nachmittag über den Berner Bundesplatz. Knapp tausend Muslime demonstrierten gegen die Verspottung ihres Propheten Mohammed durch Karikaturen: ernst, feierlich – und friedlich.

Die Demonstranten zeigten ihre Wut mit Transparenten. «Entschuldigt euch», hiess es etwa. «Ihr habt die Grenze überschritten.» «Religion kommt vor Medienfreiheit.» Oder versöhnlicher: «Ja zum Dialog, Nein zum Kampf der Kulturen.»

Die freie Meinungsäusserung, wie sie die Muslime gestern in Anspruch nahmen, wird vom Schweizer Volk hoch gehalten. Das zeigt die repräsentative Umfrage im Auftrag von SonntagsBlick. Demnach finden zwei von drei Befragten, dass die Meinungsfreiheit auf keinen Fall eingeschränkt werden soll – selbst was Karikaturen, selbst was Religion betrifft. «Das ist ein sehr klares Verdikt», sagt Umfrageleiter Matthias Kappeler (34) vom Institut Isopublic.
Interessant, wie differenziert das Urteil des Volkes ausfällt: Eine fast ebenso grosse Mehrheit findet nämlich, dass die dänische Zeitung «Jyllands-Posten» die Skandal-Karikaturen nicht hätte drucken sollen.

Die Meinungsfreiheit in der Schweiz wird von Artikel 16 in der Verfassung garantiert. Bereits Philosoph Voltaire (1694-1778) sagte: «Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.» Und nach der französischen Revolution 1789 galt die Meinungsfreiheit als «eines der vornehmsten Menschenrechte».

Bundesräte ohne Mut

Ein ähnlich klares Bekenntnis wünscht sich FDP-Präsident Fulvio Pelli (55) auch von der Schweizer Regierung. «Es geht nicht an, liberale Grundwerte wie die Meinungsfreiheit aus Angst vor Folgen zu unterminieren», schrieb der Tessiner im «Bund».

Genau das machen allerdings Bundespräsident Moritz Leuenberger (59) und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey (60). Ihnen fehle Mut, so Fulvio Pelli, sie versteckten sich hinter der Neutralität und täten so, «als würde uns die Auseinandersetzung nichts angehen». Sein Fazit: Die beiden haben aussenpolitisch versagt.

Zurückhaltend reagieren aber auch die meisten westlichen Staatschefs. US-Präsident George W. Bush (59) brauchte eine Woche, bis er die Dänen moralisch unterstützte. Und selbst Dänemarks Premier Anders Rasmussen (53) hat nach langem Zögern eine Art Entschuldigung geäussert.

Die Wut der Muslime wird immer grösser: Gestern kam es zu Grossdemonstrationen in London, Berlin, Düsseldorf, Damaskus und Pakistan; Dänemark musste seine Botschafter aus Indonesien, Syrien und dem Iran abziehen. Sogar das Schweizer Aussenministerium (EDA) hat die Sicherheitsvorkehrungen in den Botschaften verstärkt, die von den Muslim-Protesten bedroht sein könnten. Das bestätigte ein Sprecher des EDA gestern Samstag gegenüber SonntagsBlick.

Profit über alles, heisst es bei Nestlé und Carrefour

Die Wut trifft auch Dänemarks Wirtschaft. Sie verliert in der islamischen Welt gegenwärtig geschätzte 75 Millionen Franken – und das jeden Tag! Der Lebensmittelkonzern Arla musste in der saudischen Hauptstadt Riad eine Grossmolkerei schliessen, Insulinhersteller Novo wird von islamischen Spitälern und Apothekern boykottiert.

Konzerne aus dem übrigen Europa versuchen derweil, ihre Profite zu retten. Die französische Warenhaus-Kette Carrefour nimmt in Ägypten alle dänischen Produkte aus den Regalen. Nestlé schaltete in Saudiarabien Inserate mit dem Hinweis, dass bei der Herstellung von Nestlé-Produkten keine dänische Milch verwendet werde. Ein Vorgehen, das Uhrenkönig Nicolas G. Hayek (77) ärgert. Im Interview (siehe Seite 6) sagt er: «Einen solchen Kniefall würde ich nie machen.»

Die holländische Parlamentsabgerodnete Ayaan Hirsi Ali (36) hat keine Lust mehr auf Nestlé-Schoggi. «Eine Schande für die Schweiz», nennt sie den Konzern. Sie findet, die Wirtschaft müsse den Spiess umdrehen und klarmachen: «Ihr kauft nichts Dänisches mehr? Dann verkaufen wir euch insgesamt überhaupt nichts mehr!»

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