BLICK-Kolumnist Pedro Lenz über das absehbare Ende im Eishockey-Playoff-Final.
Kolumne vom 19. April 2010
Beissen, bluten, boxen!
Eyjafjallajökull heisst der isländische Vulkan, der seit Tagen Feuer und Asche spuckt. Eyjafjallajökull ist ein kräftiger Name. Eyjafjallajökull tönt ein wenig wie Salmelainen. Apropos Salmelainen: Während wir an den speienden Vulkan im hohen Norden denken, fällt uns gleich ein anderes Gewaltereignis ein: Der Playoff-Final zwischen Servette und Bern. Auch dort kocht und raucht es, auch dort droht die angestaute Kraft zuweilen unkontrolliert auszubrechen, auch dort sieht man zwischendurch vor lauter Rauch das Feuer nicht mehr.
Doch während der Vulkan Eyjafjallajökull vielleicht noch Wochen oder gar Monate weiterraucht, ist im Schweizer Eishockey das Ende absehbar. Spätestens am Samstag ist der Meister gekürt und die Hitze gekühlt. Ob es bis dahin noch ein, zwei oder drei Spiele braucht, ist nicht so wichtig. Viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass der Meistertitel auf dem Eis in diesem Frühling erbissen,
erblutet und erboxt werden muss.Ausgerechnet jetzt,
wo in der Politik Nulltoleranz gegenüber gewaltbereiten Sportfans gepredigt wird, sind es die Sportler selbst, die lustvoll zuschlagen. Der Ausbruch des Eyjafjallajökull ist wissenschaftlich erklärbar, der Gewaltausbruch im Playoff-Final vermutlich auch.
Kolumne vom 12.04.2010
Juristische Cheerleader
Einzelrichter, Schnellrichter, Schiedsrichter, Linienrichter, nirgendwo gibt es so viele Richter wie beim Fussball. Und falls all die vielen Richter die Probleme nicht selbst richten können, gibt es noch die Vereinsvorstände. So wie in Sankt Gallen, wo die Vereinsspitze letzte Woche über den choreographischen Kulturbeitrag der Fans urteilte.
Die Choreos seien bloss ein Vorwand, um verbotene Gegenstände in die Stadien zu schmuggeln, vernahmen wir aus der Olma-Stadt. Deshalb dürfen in der AFG-Arena vorderhand keine Choreographien mehr einstudiert werden.
Früher hiess es, die bösen Mädchen und Buben brächten ihre Knallkörper an den Eingangskontrollen vorbei, indem sie die Ware in ihrer Unterwäsche versteckten. Wieso es also in hiesigen Fussballstadien nicht schon längst zu einem Unterhosentragverbot gekommen ist, bleibt rätselhaft. Wie dem auch sei, wir müssen uns wohl an Fussballspiele ohne farbenfrohe Showeinlagen gewöhnen.
Damit es doch nicht so weit kommt, könnten die vielen Richter in die Bresche springen. Vorgeschlagen seien fürs Erste bunte Cheerleader-Truppen, die aus tanzfreudigen Juristen bestehen. Als Vortänzer sähen wir Vorstandsmitglieder in Miniröcken, ausgerüstet mit Pompons in den jeweiligen Vereinsfarben.
Bei rüden Attacken auf dem Spielfeld müssten die tanzenden Einzelrichter mit den Stiefeln stampfen. Und falls es zu Ausschreitungen auf den Rängen käme, würden die Cheerleader laut «Pfui» schreien und mit dem Zeigefinger drohen.
Kolumne vom 29.03.2010
Zu gross für Sion
Der FC Sion ist kein Fussball-Klub wie alle andern. Stehen die Sittener im Cupfinal, gewinnen sie immer. Geht der Präsident des FC Sion vor Gericht, gewinnt er immer. Und wer darauf wettet, dass der FC Sion im Lauf einer Saison mindestens einen Skandal provoziert, gewinnt immer.
Sion tickt anders als der Rest der Fussballschweiz. Ihr Präsident erklärt, im Wallis denke man über die Bergpässe hinaus. Sion liege zwischen Thun und Mailand und für ihn sei es logisch, dass er sich fussballerisch lieber an Mailand, als an Thun orientiere.
Für solche Aussagen respektieren wir Christian Constantin. Er gibt sich nicht mit dem Minimum zufrieden. Er möchte aus dem Wallis eine Fussball-Hochburg machen, eine AC Milan des kleinen Mannes, ein Olympique des Alpes, einfach irgendetwas, das über den Durchschnitt hinausragt.
Schade, dass Christian Constantin von seinen Mitmenschen nicht verstanden wird. Zuweilen muss er gegen Schiedsrichter kämpfen, manchmal gegen Transferreglemente und zwischendurch sogar gegen eigene Spieler. Hin und wieder sieht es fast aus, als verliere er die Übersicht. Seine Feinde hoffen dann, dieser oder jener Kampf breche ihm das Genick. Aber egal wie verzwickt seine Gefechte sind, Christian Constantin übersteht jede Schlacht.
Vielleicht ist der FC Sion zu klein für so einen grossen Geist. Wäre der Posten für die nächsten Jahrzehnte nicht schon von einem andern Walliser besetzt, könnten wir uns Constantin ohne weiteres als Fifa-Präsident vorstellen.
Kolumne vom 22.03.2010
Das Stehaufmännchen? Als er nach Bern kam, hatte er dort ähnlich viele Freunde wie ein Streber auf dem Pausenhof, nämlich gar keine. Jede seiner Ballberührungen auf dem Kunstrasen des Stade de Suisse wurde von einem gellenden Pfeifkonzert musikalisch untermalt.
David Degen hatte hart zu beissen und manch ein Fussballfan fragte sich, wieso es ihn ausgerechnet zu den Young Boys gezogen hatte, wo doch jedes Kind in der Bundesstadt weiss, dass Gelb-Schwarz und Rot-Blau farblich ganz schlecht zusammenpassen.
Er liess sich von den Unmutsäusserungen der Stehrampe nicht beirren. Im Gegenteil, oft sah es aus, als mache ihn jeder Pfiff ein bisschen schneller. Und als die Pfiffe endlich leiser wurden und es danach aussah, als sei er nicht nur sportlich, sondern auch menschlich in Bern heimisch geworden, erkrankte er am Pfeifferschen Drüsenfieber.
Sofort waren die notorischen Schwarzmaler zur Stelle. Mit dieser Krankheit sei die Saison für Degen gelaufen, behaupteten die selbsternannten Hobbymediziner an den Stammtischen.
Doch am Samstag kehrte er zurück, als hätte er bloss einen Schnupfen gehabt. Zwischen YB und GC war eine Stunde gespielt, als der pfeilschnelle Degen die Plastikwiese betrat. Nur wenige Minuten später leitete er mit einem Energieanfall die Aktion ein, die zum dritten Treffer führte und kurz vor Schluss gab er noch den Pass zum 4:0.
David Degen pfeift auf das Pfeiffersche Drüsenfieber und das Pfeifen der Zuschauer verwandelt sich in euphorischen Jubelgesang.
«Degen ist zurückgekehrt, als hätte er nur Schnupfen gehabt.»
Kolumne vom 15. März
Es wurde an dieser Stelle schon angetönt: Carlo Janka ist ein fantastischer Skirennfahrer, doch neben der Piste ist er etwa so unterhaltsam wie das Pausenbild im Fernsehen. Selbst Didier Cuche, selber auch nicht unbedingt der ultimative Entertainer, hat seinen jungen Kollegen diesbezüglich ermahnt. Janka müsse den Leuten mehr Freude vermitteln, erklärte Cuche nach Jankas Triumph im Gesamtweltcup. Gut gebrüllt, Ovo-Blitz! Siege allein reichen nicht, das Publikum will mehr.
Er sei halt ein Sportler und kein Spassvogel, wird Carlo Janka uns entgegenhalten wollen. Das bezweifelt ja auch niemand. Aber es kann doch nicht so schwierig sein, ab und zu einen Spruch oder eine Showeinlage zum besten zu geben, irgendeine Kleinigkeit, an der wir Ski-Fans uns ein wenig erheitern können. Peter Müller zum Beispiel wurde seinerzeit zur Kultfigur, als er nach einem verpatzten Abfahrts-Rennen behauptete, eine Ölspur auf der Piste habe ihn gebremst.
Wie ausgelebte Freude aussieht, könnte Janka freilich auch von seinem Kollegen Daniel Albrecht lernen. Der Mann, der vor Jahresfrist noch wochenlang im Koma lag, strahlte am Freitag im Zielraum von Garmisch wie ein bekiffter Maikäfer. Vielleicht wird ja Albrecht im nächsten Winter wieder mit Janka auf Tour sein. Dann könnten beide voneinander profitieren. Albrecht kurventechnisch und Janka emotional, getreu dem Motto: «Des Weltcupsiegers vollster Glanz erstrahlt erst mit dem Freudentanz!»
Kolumne vom 01. März 2010
Rauch und Feuer
Die Olympischen Winterspiele sind vorbei, aber nicht für alle. Wo Rauch ist, sei auch Feuer, sagt der Volksmund. Und tatsächlich: Das letzte Feuer in Vancouver war nicht das olympische Feuer, nein, das letzte Feuer brennt noch immer – und zwar im Dach des IOC. Die obersten Olympia-Funktionäre haben Sanktionen gegen die Eishockeyspielerinnen aus Kanada angedroht, weil diese ihren Olympiasieg mit Zigarren gefeiert haben.
Dass Frauen und Zigarren eine brisante Kombination ergeben, wissen wir spätestens seit der Affäre um Monica Lewinsky. Dass sich aber gleich die Spitze des Internationalen Olympischen Komitees mit Zigarren rauchenden Frauen befasst, hätten wir dennoch nicht gedacht. Wären die Zigarren von einer offiziellen Partnerfirma des IOC hergestellt worden, wäre vermutlich alles halb so schlimm. Aber offenbar handelt es sich bei den Raucherwaren, mit denen Marie-Philip Poulin und ihre Kolleginnen den Olympiasieg gefeiert haben, um nicht akkreditierte Produkte.
Wir Landeier, die wir seinerzeit auf der Eisbahn in die Kunst des Rauchens eingeführt wurden, haben Verständnis für die paffenden Kanadierinnen. Ihr Eishockey ist super anzusehen. Weswegen sollten sie nicht auch so feiern, wie es bei uns jeweils ein Reto von Arx oder ein Michel Riesen tun? Aber vielleicht ist ja dieses Jahr im Schweizer Eishockey alles anders. Nicht wegen dem Rauchverbot, sondern weil Zigarren nun als weiblich gelten. Und welcher Eishockey-Profi will schon eine Susi sein?
Kolumne vom 22. Februar
Das kann ein Schreiner nicht an einer Hand abzählen
Jetzt hat Simon Ammann so viele Olympia-Goldmedaillen, dass sie mancher Schreiner nicht einmal mehr an einer Hand abzählen kann. Trotzdem bleibt beim Ikarus aus dem Toggenburg eine wichtige Frage unbeantwortet.
Nein, es geht überhaupt nicht um die Bindung, den Skiwachs oder andere technische Finessen, es geht um den mysteriösen anderen. Der vierfach vergoldete Schanzenkönig brachte diesen anderen im Siegerinterview selbst ins Gespräch, als er sagte: «Schon als ich die Bilder von der kleinen Schanze sah, dachte ich, das ist ein anderer Mensch, der das gemacht hat!»
Wenn schon Ammann selbst daran zweifelt, dass wirklich er es war, der all diese Wunder-Flüge vollbrachte, wie sollen wir Fans da noch sicher sein? Wir wollen uns lieber gar nicht vorstellen, wie es herauskommt, wenn der österreichische Ski-Boss Toni Innauer auf Blick.ch das entsprechende Interview anklickt.
Eine Skibindung allein macht keinen Wunderflieger. So viel haben die Österreicher inzwischen akzeptieren müssen. Aber was, wenn nun auskommen sollte, dass es mehrere Simis gibt, die abwechselnd über die Schanze fliegen?
Das wäre dann wirklich die ganz hohe Schule taktischer Verwirrspielchen. Erst die Bindung ein wenig abändern, um die österreichischen Funktionäre abzulenken, und dann, Hokuspokus, einen anderen Simon Ammann aus dem Hut zaubern. Aber egal ob es am Samstag dieser oder der andere war, gejubelt haben wir so oder so! Liebe(r) Simi(s), wir gratulieren dir/euch von Herzen.
Kolumne vom 8. Februar
Fussball ist psycho
«Das ist so extrem psycho!», rief gestern Mittag ein junger YB-Fan auf dem Weg zum Schnellzug nach Basel. Leider war nicht herauszufinden, was er mit seinem Ausruf genau sagen wollte, aber wir dürfen vermuten, dass er auf die lange Woche vor dem Spitzenkampf im Basler St. Jakob-Park anspielte.
Früher mussten Fussballer in der Winterpause Kondition büffeln. In der heutigen Zeit reicht körperliche Fitness nicht aus. Moderne Fussballer kommen um eine psychologische Grundschulung nicht herum. Die Psychospielchen vor dem Spiel FCB – YB drehten sich bekanntlich um den YB-Regisseur Gilles Yapi. Dabei ging es weniger um Yapi selbst als um ein grundsätzliches Kräftemessen im mentalen Bereich.
Die psychologische Kampfzone weitet sich aus. Einst genügte es, den Gegner auf dem Platz mit etwas Trash-Talk zu verunsichern. Inzwischen muss ein kompletter Fussballer bereits Tage vor dem Spiel psychologische Kriegserklärungen absenden und verdauen können. Nur wer die Grundsätze der Seelenkunde verinnerlicht hat, ist zum Siegen bereit. Das ist die logische Entwicklung in einer psychologisierten Gesellschaft.
Einst genügte es im Fussballsport, nur das Äussere des Kopfes, also den Schädel, zu gebrauchen. Heute muss der talentierte Spieler mehr und mehr auch mit dem Inhalt seines Kopfes arbeiten. Wohin dieser Trend noch führt, kann niemand ahnen. Sicher ist nur, dass unter diesen Umständen selbst einer wie Sigmund Freud seine Freude am Fussball gehabt hätte.
Kolumne vom 1. Februar
Tröten und Trompeten
Fussball ist Ballett fürs Fussvolk. So viel ist klar. Seit seinen Anfängen war der Fussballsport immer ein Vergnügen für die Massen. So betrachtet ist das World Economic Forum in Davos ungefähr das Gegenteil von Fussball. Am Weltwirtschaftsgipfel debattieren die Leader der Gesellschaft, während die weniger Privilegierten von der kommenden Fussball WM in Südafrika träumen. Die Teilnehmer am WEF sitzen ganz oben, die Fussballfans stehen eher unten. Ungefähr so hatten wir uns die Weltordnung bisher vorgestellt.
Doch gestern entdeckten wir in Teilen der Sonntagspresse ein interessantes Farbfoto. Das Bild zeigt den WEF-Gründer Klaus Schwab flankiert von Leuten, die wir nicht kennen. Der Wirtschaftsmann, in Fussball-Leibchen und Fan-Schal gekleidet, tutet voller Inbrunst in eine Vuvuzela, während das offizielle Fifa-Maskottchen Zakumi in die Kamera winkt. Schwab «stösst ins Horn für die kommende Fussball-WM in Südafrika», entnehmen wir der Bildlegende.
Wir haben nichts gegen bedeutende Persönlichkeiten, die Freude am Fussball haben. Aber wer die Vuvuzela, diese Konzerttrompete des kleinen Mannes, einmal gehört hat, kann sich unmöglich an solche Bilder gewöhnen. Allein der Gedanke, dass sich Tausende südafrikanischer Fans kein WM-Ticket leisten können, während die Weltwirtschaftsleader lustig in die Tröten blasen, bringt unser Fussball-Herz durcheinander. Deshalb, sehr geehrte Weltleader, lassen Sie dem Fussvolk doch wenigstens die Plastiktröten.
Kolumne vom 25. Januar 2010
Gross immer grösser
Gut bis sehr gut zu sein ist manchmal ungut. Es gibt Firmen, die einen leitenden Angestellten haben, der jahrelang ausgezeichnete Arbeit abliefert. Aber gerade weil seine Arbeit konstant gut ist, wird sie nicht mehr richtig geschätzt. In unserem Fall heisst die Firma FC Basel. Christian Gross hat für den FCB Hervorragendes geleistet. Doch irgendwann begannen seine Vorgesetzten zu glauben, das sei normal.
Über Gross liesse sich alles Mögliche sagen, nur nicht, dass seine Arbeit normal ist. Mit Wil ist er zwei Mal aufgestiegen, mit GC hat er Titel um Titel geholt, Tottenham vor dem Abstieg gerettet, Basel zum Massstab der Fussball-Schweiz gemacht und jetzt reiht er in Stuttgart einen Sieg an den andern. Der Mann mit der Shampoo sparenden Frisur ist in seinem Job ganz gross. Und wird immer grösser.
Es gibt Trainer, die sagen, sie brauchten Zeit, um ein Team zu formen. Von anderen Trainern heisst es, sie seien nur für Feuerwehrübungen gut. Weiter gibt es auf der Trainerbank Softies und harte Hunde, Psychologen und Kumpel, Lehrer und Generäle. Christian Gross ist nichts von alldem. Er ist einfach er selbst. Und wenn er das nicht ändert, wächst er bald in den Himmel oder zumindest bis nach Madrid, Manchester oder München.