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Von Carsten Stormer (Text)
und Sebastian Lasse / Zeitenspiegel (Fotos)
Eine Schweizerfahne baumelt von der Zeltwand, daneben klebt ein Plakat, das den Genfersee zeigt. Beat Aeberhard, 45, sitzt an seinem Klapptisch und raucht eine Zigarette. Acht Uhr früh. Minus fünfzehn Grad im Freien. Ein Heizschlauch bläst warme Luft in sein Zelt, das als Wohn- und Schlafzimmer dient. 15 Quadratmeter «Little Switzerland», so nennt er sein Quartier im Camp Warehouse. Hinter einer grünen Plane steht sein Feldbett. Aeberhard zieht seine Handschuhe an, tastet nach der kugelsicheren Weste, prüft das Magazin seiner Dienstpistole und verlässt das Zelt. Auf dem Weg zu den Panzern knirscht Eis unter seinen Füssen, der Frost malt rote Flecken auf sein gebräuntes Gesicht. Soldaten kommen ihm entgegen. Sie salutieren, Aeberhard grüsst auf Italienisch, Französisch, Deutsch und Englisch. Vor einem Dingo 2, einem grünen, minensicheren Panzer, wartet Robert Thiele, 30, Oberleutnant der deutschen Bundeswehr. «Schweizer Kontingent vollzählig angetreten», meldet Aeberhard und grinst.
Beat Aeberhard, Major der Schweizer Armee, in Kabul stationiert, arbeitet seit sieben Monaten in heikler Mission: Er ist Assistent des Kommandeurs der italienisch geführten Kabul Multinational Brigade (KMNB), die Teil der International Security and Assistance Force (ISAF) ist. Er ist einer von vier Schweizer Offizieren in Afghanistan, die Beiträge zur Friedensförderung im internationalen Rahmen leisten sollen, wie es im Militärjargon heisst. Aeberhard ist eine Art Militärdiplomat, der vor Ort Kontakte zu Offizieren der beteiligten Nationen knüpft – und damit auch das Terrain für ein grösseres Engagement der Schweiz am Hindukusch sondiert.
Heute wird Aeberhard einen Trupp der deutschen Bundeswehr durch Kabul begleiten. «Hast dich mal wieder vor der Büroarbeit gedrückt!», lästert Robert Thiele. Der Oberleutnant der Bundeswehr entfaltet eine Karte auf dem Heck des Dingos und erklärt seinen Männern die Route. «Wir fahren in den Raketengürtel rund um Bagrami, zum Königspalast und an das Kaisergrab. Haltet die Augen offen. Los gehts.» Beat Aeberhard schiebt das Magazin in seine Pistole und klettert in den Panzer. Der Konvoi aus vier Dingos fährt im Schneckentempo auf der Buckelpiste Richtung Kabul.
Die Strassen, auf denen sich sonst Taxifahrer, Lastwagen und Motorrikschas drängeln, sind an diesem Morgen wie leer gefegt. Afghanistan feiert das Opferfest des Islam. Kabul gleicht einer Geisterstadt. Die Geschäfte bleiben geschlossen; nur Bettler, Kriegskrüppel und Knirpse, die Telefonkarten verkaufen, warten im eisigen Wind auf Kundschaft.
Aeberhard gilt als «Botschafter» unter den vier Schweizern, zuständig für die Aussenkontakte. «Den Job habe ich bekommen, weil ich Italienisch spreche», sagt er. Die andern drei Offiziere sind übers Land verstreut: Der Arzt Gabriel Ayer versorgt in der Sanitätsstation in Feyzabad neben kranken und verletzten Soldaten auch Afghanen. Zwei Stabsoffiziere helfen in Kunduz dem deutschen Militär beim Aufbau zerstörter Infrastruktur. «Man braucht viel Selbstvertrauen, um sein Land mit so wenigen Leuten zu vertreten», gesteht er. «Ich schau, dass ich rauskomme, wann immer es geht. So kann ich mir ein besseres Bild von der Sicherheitslage machen. Den ganzen Papierkram, den ich schreibe, liest doch eh kein Mensch.» Aeberhard trifft sich mit Offizieren anderer Nationen, um Informationen auszutauschen, organisiert Konferenzen für Kommandeure, begleitet Patrouillen, kondoliert wenn ein Soldat getötet wird, besucht Verletzte im Lazarett, ist auf jeder Feier anzutreffen oder lädt zu Fondue und Weisswein ins «Little Switzerland» ein.
Bisher genehmigten Bundesrat und Parlament in Bern der internationalen ISAF nur den Einsatz dieser vier «zum Selbstschutz bewaffneten» Offiziere. Das könnte sich bald ändern. Denn im Dezember 2005 bat die Nato die Schweiz, weitere Soldaten nach Afghanistan zu entsenden. Zwei Jahre zuvor hatte die Schweiz auf ein ähnliches Ansinnen der Nato reserviert reagiert. Die Eidgenossen sollten die «Führungsnationen» Deutschland und die Niederlande unterstützen. Im Februar 2004 flogen die ersten Schweizer Freiwilligen nach Afghanistan.
Der Dingo rumpelt über Schlaglöcher und hält auf einem Hügel. Im Panzer gehen die Soldaten an den Maschinengewehren in Stellung und sichern das Terrain, das ist Vorschrift, obwohl die Anhöhe als relativ sicher gilt. Aeberhard springt aus dem Panzer und blinzelt in die dunstige Wintersonne. Vor ihm liegt ein Friedhof mit Gräbern von Russen und Mudschaheddin. Auf den Grabhügeln der Afghanen wehen die Flaggen des Landes. «Grün für den Islam. Rot für vergossenes Blut. Schwarz für verbrannte Erde», erklärt Oberleutnant Thiele. Die Grabsteine der Russen verwittern bereits. Unten im Tal liegt Kabul, am Horizont erheben sich die schneebedeckten Gipfel des Hindukusch. Thiele zeigt auf die Stadt. «Rechts liegt das ISAF Hauptquartier. Links das Regierungsviertel, dort schlagen immer wieder Raketen ein. Beat, ganz hinten im Dunst kannst du den Königspalast sehen.» Aeberhard zieht eine Digitalkamera aus der Uniformtasche und fotografiert. «Wär gut, wenn sich die Schweiz stärker in Afghanistan engagiert», sagt er. «Wir sollten mehr für den Frieden tun.» Das sei auch eine Chance, das Image der Schweiz zu verbessern. «Wir gelten doch in der EU als die, die sich die Rosinen rauspicken und sich sonst aus allem raushalten.» Viele Europäer wüssten gar nicht, dass die Schweiz eine Armee hat. «Das können wir mit solchen Einsätzen ändern.» Er sei in erster Linie Europäer, erst in zweiter Linie Schweizer. Dennoch wollen er und seine Mini-Truppe in Afghanistan ein gutes Bild abgeben. «Wenn ich einen Fehler begehe, heisst es nicht, der Aeberhard hat Mist gebaut, sondern die Schweiz.»
Thiele drängt zur Weiterfahrt. Der Konvoi rollt durch Kabul, vorbei an leeren Märkten, Minaretten und der US-Botschaft, die mit ihren hohen Mauern und Stahltoren wie eine Festung wirkt. «Ich kann gar nicht sagen, wie mich dieser Einsatz begeistert», sagt Aeberhard, schiebt sich mit der einen Hand die Sonnenbrille auf die Stirn, mit der anderen eine Zigarette in den Mundwinkel und schwärmt von Multikulti bei der ISAF. Den nächtlichen Gesprächen in seinem Zelt mit Iren, Rumänen, Finnen oder Mazedoniern bei Fondue oder Raclette. «Wenn ich bei einer Patrouille mitfahren darf, bedanke ich mich bei den Jungs immer mit ein paar Bier oder einer Flasche Wein.»
Zwölf Uhr. Der Konvoi rollt im militärischen Teil des Kabuler Flughafens ein. Mittagessen. Kampfhubschrauber und Düsenjäger stehen auf der Landebahn. Eine Transall donnert über das Rollfeld und Aeberhard bestellt eine Pizza Calzone. «Dieses Land war über Jahrzehnte Spielball der Russen und Amerikaner. Als die Taliban an die Macht kamen, hat sich keiner mehr für Afghanistan interessiert. Das darf nicht wieder passieren.»
Wo bleibt bei solchem Engagement die vielbeschworene Schweizer Neutralität? «Ach, wissen Sie», sagt er und verdreht die Augen. «Wir sind doch schon lang nicht mehr neutral. Wir haben auch im Kosovo unsere Leute. Aber manche meiner Landsleute leben immer noch im Gestern und verschliessen die Augen vor der Wirklichkeit.»
Allerdings dürfte es schwierig sein, den Einsatz in Afghanistan politisch durchzusetzen. «Gewisse politische Kräfte hätten am liebsten gar keine internationalen Einsätze, da sie unsere politische Neutralität als Isolation verstehen.» Ausserdem stehen die Auslandseinsätze der Milizarmee in der Kritik. Das von der Armee gern benutzte Schlagwort «Sicherheit durch Kooperation», mit dem solche Engagements gerechtfertigt und ausgebaut werden, büsse – laut einem Artikel der «Schweizerzeit» – in der Öffentlichkeit an Glaubwürdigkeit ein. Das Armee-Leitbild der Schweiz basiere auf den politischen Vorstellungen der Neunzigerjahre und sei heute überholt.
Zudem mangelt es an ausgebildeten Soldaten. «Eine Kampftruppe macht nur in Kompaniestärke Sinn, so wie im Kosovo. Die Stärke unserer Armee ist die logistische Unterstützung der Truppen und die Stabsarbeit. Für Auslandseinsätze sind wir noch zu unerfahren, da wir kaum Kriegserfahrung haben.» Aeberhard ist überzeugt, dass viele Schweizer bereit wären nach Afghanistan zu gehen. «Die wollen schon. Aber nicht jeder ist dafür geeignet. Abenteurer sind fehl am Platz.»
Aeberhard, 1960 in Jegenstorf im Kanton Bern geboren, entschied sich erst spät für eine militärische Laufbahn. Nach einem Studium der Betriebswirtschaft jobbte er eine Weile als Kaufmann und überlegte, was er mit seinem Leben anstellen könnte. Mit achtundzwanzig meldete er sich wieder zur Miliz und wurde Kommandeur einer Einheit. «Es macht mehr Spass, Befehle zu erteilen, als welche entgegenzunehmen», sagt er und grinst.
Eigentlich wollte er die Welt sehen, träumte von Nepal und Palästina. Und Florida, wo er für ein Jahr hinzog, «um das Leben zu geniessen». Er besucht Disneyland, sieht sich den Start eines Spaceshuttles in Cape Canaveral und Baseballspiele an. Nach seinem Sabbatical kehrt er in die Schweiz zurück, heiratet 1999 eine Arztgehilfin, wird Immobilienverwalter. In einer Stellenanzeige liest er, dass Offiziere für den Kosovo gesucht werden und geht für sechs Monate als Aufklärungsoffizier in den Balkan. Kurz vor seiner Rückkehr kommt Sohn Jan zur Welt, Grund genug, bei seiner Familie zu bleiben. Er arbeitet als Bereichsleiter in der Abteilung für elektronische Kriegsführung. Doch als man ihn 2004 fragt, ob er nach Afghanistan gehen würde, sagt er ohne Zögern zu. «Meine Familie unterstützt mich; ausserdem wusste meine Frau, dass sie mich nicht aufhalten kann.»
Der Konvoi passiert die Stadtgrenze und fährt durch den Bagrami-Distrikt, zehn Kilometer südlich der Hauptstadt. Das Dröhnen der vier Panzer zerreisst die Stille. Sie rattern durch schlammige Gassen, vorbei an Lehmhäusern und Wellblechbuden, vor denen bärtige Männer Äpfel, Birnen und Orangen anbieten. Es duftet nach frisch gebackenem Fladenbrot. Barfüssige Kinder betteln um Dollars oder Bonbons. Doch die Ruhe trügt. Im November zündeten Extremisten eine Bombe, als eine Patrouille vorbeifuhr. Ein portugiesischer Soldat starb. «Voriges Jahr gab es deutlich mehr Sprengstoff- und Selbstmordattentate gegen die ISAF, vor allem im November», sagt Aeberhard, rüttelt an einem schwarzen Hebel und überprüft, ob die Minensicherung an den Türen eingerastet ist.
Hat er Angst? «Nein, aber Respekt. Den sollte man nie verlieren. Angst ist ein Zustand der Handlungsunfähigkeit.»
Langsam schiebt sich der Konvoi durch die Gassen. Minutenlang herrscht angespanntes Schweigen, jeder starrt aus den Fenstern, sucht nach etwas Verdächtigem. «Wir sind nicht im Ferienlager. Aber es bringt auch nichts, wenn man in jedem Taxifahrer einen Selbstmordattentäter sieht», sagt er.
Es ist die Unberechenbarkeit von Attentaten, die ihm Sorge bereitet. «Jeden kann es treffen, überall.» Im November starb ein deutscher Soldat bei einem Selbstmordanschlag der Taliban auf eine ISAF-Patrouille. Ein mit Sprengstoff beladenes Auto rammte einen ISAF-Geländewagen. Der Deutsche war sofort tot. «Das geht einem sehr nahe, wenn jemand, den man kannte, umkommt. Das wird mich mein Leben lang begleiten.» Berührt hat ihn die Solidarität und das militärische Ritual, als der Sarg durch das Lager getragen wurde und hunderte Soldaten der verschiedenen Nationen salutierten. «Den Einsatz stellt keiner in Frage. Jeder weiss, worauf er sich einlässt.» Erschreckt hat ihn die Erkenntnis, dass er gelernt hat eine Waffe zu bedienen, um im Ernstfall zu töten. «Hier wird einem das bewusst.» Mehr will er darüber nicht sagen. Dann lieber wieder einen lockeren Aeberhard-Spruch. «Die meisten Leute sterben im Bett, also ist es dort am gefährlichsten.»
Die Kolonne rollt aus Bagrami ins offene Gelände. Die Gesichter entspannen sich. Ein Gefreiter schliesst seinen MP3-Spieler an einen Lautsprecher und Major Beat Aeberhard wippt im Panzer zu den Beats von Technomusik. Die Wagen kriechen über weisse Berghänge. Steine mit roten Farbtupfern, die wie Fliegenpilze aus dem Schnee ragen, warnen vor Landminen. «Von hier aus wurden die meisten Raketen auf Kabul abgefeuert», erklärt Oberleutnant Thiele und zeigt auf einige verfallene Holzkonstruktionen; improvisierte Abschussrampen. Die Kolonne holpert weiter und Aeberhard zieht ein Foto seines Sohnes aus der Brusttasche. Ein blonder, sechsjähriger Junge mit Schlapphut lächelt ihm entgegen. Auf seinem T-Shirt steht: «Mein Vater ist ein Peacekeeper.» «Er ist das Beste, was ich zustande gebracht habe», sagt er stolz. Die Schweiz vermisse er nicht. «Ich fühle mich überall wohl. Aber die Nähe zu meiner Familie, der Körperkontakt zu meiner Frau und meine Freunde fehlen mir sehr.»
Die Sonne ist längst untergegangen, als der Konvoi im Lager ankommt. Aeberhard verabschiedet sich von Oberleutnant Thiele und geht zu seinem Zelt. Er campiert vis-à-vis von den Iren, neben ihm die Rumänen, dahinter die Dänen. Er setzt sich an den Tisch und legt die neue Rolling Stones in den CD-Spieler. «Sweet Neo Con» dröhnt aus dem Lautsprecher. «Ich steh auf Rockmusik. Auf die Stones sowieso», sagt Aeberhard und trommelt mit den Fingern auf den Tisch, wo sich CDs von Bon Jovi, Mana oder Whitesnake stapeln.
Es pocht an der Tür, Gabriel Ayer, 62, tritt ein. «Ah, weitere fünfundzwanzig Prozent der Schweizer Armee. Grüezi Gabriel», ruft Aeberhard. Ayer ist als Chirurg in Feyzabad tätig und auf dem Weg in den Heimaturlaub. «Beat, wie viele Afghanen musstest du denn bezahlen, damit sie dein Zelt putzen?», frotzelt Ayer. «Kann ich mir deine Penntüte ausleihen? Mein Zelt ist nicht beheizt.» Aeberhard lacht, wirft Ayer den Schlafsack zu und entschuldigt sich. «Ich muss für die Deutschen Bier kaufen, um mich bei ihnen für die Patrouille zu bedanken.»