Leck mich doch! Tod der Schweizer Briefmarke

Sie ist schön, sie ist praktisch – und sie ist am Aussterben. Die Schweizer Briefmarke feiert unser Land und unsere Helden. Inzwischen aber wird ein Grossteil der Post übers Internet verschickt. Ein Abgesang.

  • Publiziert: 11.02.2012
  • Von Axel Brüggemann
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50 Jahre Rega, Erstausgabe 5. März 2002

(Die Schweizerische Post)

Wir haben das Schweizerkreuz, die Königin von England und Roger Federer mit der Zunge beleckt. Wir haben Liebesbriefe, Mahnungen und Postkarten verschickt – und auf alles eine Briefmarke geklebt. Die Briefmarke war eine der revolutionärsten Erfindungen der Welt. Sie hat unsere Kommunikation grundlegend verändert. Doch im Zeitalter von E-Mail, Skype & Co. ist das viereckige Papier mit den gezahnten Rändern zur Quadratur des Kreises geworden. Alle lieben die Briefmarke. Aber keiner braucht sie mehr. Sie stirbt aus und schreit vergeblich: «Leck mich doch!»

Die Schweizer Post verzeichnet Minusrekorde, und selbst spektakuläre Rettungsmassnahmen greifen nicht. Um das Kleben attraktiv zu machen, hat die Schweizer Post Briefmarken erfunden, die nach Schokolade riechen, sie wurden auf Stoff gestickt und auf Holz gedruckt. Nichts half. Die neuen Wundermarken haben höchstens Sammler erfreut. Für eine neue Leckmode haben sie nicht gesorgt. Zwar werden in der Schweiz noch immer 2,4 Milliarden Briefe pro Jahr verschickt und 100 Millionen Pakete – aber die Tendenz ist rapide sinkend.

Zum Vergleich: Fast jeder zweite Schweizer schickt täglich mindestens eine Meldung per Facebook an seine Freunde, der Verkehr von E-Mails liegt in der Schweiz beim Vielfachen des Postverkehrs – ganz zu schweigen von SMS und MMS.

Wir weigern uns, den Stift zur Hand zu nehmen und einige Rappen und ein wenig Spucke zu investieren. Stattdessen tippen wir selbst romantische Liebeserklärungen oder das Ende einer Beziehung in unser Keyboard und versenden sie sekundenschnell.

Wir schwärmen zwar noch immer von Buchstaben mit Tintenherz, reden von der Entschleunigung der Welt und davon, wie schön das Warten auf Worte sein kann. Dennoch versenden wir unsere Urlaubsgrüsse lieber per Telefon oder einen schnellen Gruss per Mail. Die Briefmarke zwang uns einst, über das Selbstgeschriebene nachzudenken. Heute ist die Kommunikation weitgehend kostenlos – und zum grossen Teil auch wertloser geworden. Wo noch geklebt wird, beschränken sich die Postkunden inzwischen oft auf anonyme, selbsthaftende Postwertzeichen statt auf kunstvolle Sondermarken. Die Schnelligkeit unserer Welt tötet die Tradition.

Der bitter-süssliche Geschmack einer Briefmarke auf der Zunge ist so nostalgisch geworden wie Griesssuppe. Heute wird geklickt statt geleckt. Und damit verschwindet ­eines der wichtigsten Kulturgüter der Moderne aus unserer Alltagswelt.

Selten sah die Briefmarke so alt aus wie heute. Dabei war sie einst revolutionärer als Pay-Pal oder Visa. Die Briefmarke war die erste Prepaid-Erfindung der Welt. Das Prinzip war neu und einfach: Der Absender hat die Kosten vorgestreckt, und der Empfänger musste nichts bezahlen.

So konnten plötzlich auch arme Menschen Briefe empfangen, es wurde mehr Post versendet (besonders, als die Eisenbahn den Transport schnell und effizient machte)  – und die Masse sorgte dafür, dass sich schon bald jeder die Post leisten konnte.

Erfunden hat die Briefmarke Sir Rowland Hill. 1840 wurde die «One Penny Black» mit dem Gesicht von Königin Victoria in England gedruckt – die erste Briefmarke der Welt. Sie verbreitete sich in der ganzen Welt. In der Schweiz blieb die Post zunächst Kantonsangelegenheit. 1850 vereinte die Briefmarke dann unser Land: Die Bundespost wurde gegründet. Und ab sofort haben wir mit der Zunge den Nationalstolz geleckt: den in Bern etwas verdruckten Siegeskranz der Helvetia, den sogenannten Struwwelpeter, die Helvetia selbst, Wilhelm Tell – oder eben Roger Federer, der es als erster lebender Schweizer auf eine Marke brachte.

Heute ist die Briefmarke hauptsächlich bei Sammlern beliebt. Die teuerste Schweizer Marke ist die «Rayon I» von 1850 – mit ihr konnten für fünf Rappen Briefe über zwei Wegstunden oder bis zu 9,6 Kilometer innerhalb einer Gemeinde transportiert werden. Inzwischen ist das Fetzchen Papier 438000 Franken wert.

Die normale Schweizer Marke dagegen verliert ihr Ansehen. Dabei schmückt sie nicht nur den Brief, sondern auch die alte Kultur der geschriebenen Wahrhaftigkeit. Warum nicht zum Füller greifen statt den PC anwerfen? Schreiben Sie mal wieder ­einen Liebesbrief! Das wird die Post vielleicht nicht retten. Aber ­sicherlich Ihre Liebe.

Ach übrigens: Am 1. April stellt Dänemark die Briefmarkenproduktion ein. Ersatz: ein Zahlencode. Schweden folgt.

Sollen die Briefmarken auch in der Schweiz abgeschafft werden?»

Kommentare (7)

  • Daniel  Bühler , Maur
    Leute schreibt zum Valentinstag doch wieder mal etwas Persönliches und das mit der Post. Ist doch schöner einen Liebesbrief in der Hand zu haben als ein SMS mit dem Handy.
    • 12.02.2012
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  • Arco  Iris
    Ein weiterer Schritt zur Vereinsamung. Leider wird immer weniger miteinander geredet und schon gar nicht mehr von Hand geschrieben. Lernen muss man Grammatik ja auch nicht mehr in der Schule, es gibt ja die Rechtschreibeprüfung ...... Wenigstens teilt dann noch die Mathe die Spreu vom Weizen .....
    • 12.02.2012
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  • Frank  Bussmann , Solothurn
    Das waren noch Zeiten, als ich noch regelmässig den Süssholzraspler gab. Stundenlang habe ich an meinen Liebesbriefen gefeilt. Bis ich endlich bemerkte, dass es eine Männerfantasie sein muss, dass Frauen ebenso romantisch veranlagt seien wie verliebte Jungs. Und dass MANN sich damit eher lächerlich macht. Seit ich KEINE Liebesbriefe mehr schreibe, und mich nicht mehr als Bittsteller, sondern als selbstbewusster Mann gebe, fliegen mir die Herzen der Frauen zu. MANN soll FRAU niemals das Gefühl geben, er könnte ohne sie nicht leben. Damit macht man sich nicht interessanter. - Das gilt übrigens ebenso für Vorstellungsgespräche: Geh hin mit der Einstellung: Wäre nett, die Stelle zu kriegen, aber es muss ja nicht zwingend diese sein. Und du kriegst die Stelle. Leider meistens ebenso die damit verbundene Arbeit, hehehe! ;-
    • 12.02.2012
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  • Pascal  Biri , Rothrist
    Die Zustellgeschwindigkeit der Post kann halt nicht mit einer EMail etc. mithalten. Dazu muss der Absender nicht an Ort X zum Briefkasten. Und man muss auch keine Tickets lösen um Briefmarken kaufen zu können. Man kommt sich nicht vor wie Schlachtvieh. Der Mensch ist heute frei und nicht abhängig von einer Poststelle/Briefkasten. In diesem Sinne Bye bye Briefmarke.
    • 12.02.2012
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  • Niki  Martini
    Klar hilft das Internet. Dagegen wären Facebook und Twitter nie über Briefe/Postkarten gelaufen.
    • 12.02.2012
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