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Rico bellt nicht. Er ist ein junger Yorkshire-Terrier mit treuen Knopfaugen und gehört dem SVP-Vizepräsidenten von Wangen bei Olten, 4722 Einwohner. An dessen Haustür steht «Familie Kissling» und: «Achtung, bissiger Hund.» Das Herrchen heisst Roland Kissling, ist 51 Jahre alt: «Das Volk hat gesagt, wir wollen das nicht. Ich bin für Integration – aber die überborden.» Es klingt bestimmt und streng, wenn er das sagt. «Die», das sind die Türken, die Muslime. Währenddessen verbeisst sich Rico in sein Bällchen – er will jetzt spielen.
«Olten Türk Kültür Ocagi» (Türkischer Kulturverein Olten) sagt eine Leuchtreklame auf einem unscheinbaren, beinahe schäbigen Gebäude in der Gewerbezone vis-à-vis vom Bahnhof Wangen. Hier hat der Verein eine alte Farbenfabrik gekauft. 26000 Autos fahren täglich durch die Gemeinde im Kanton Solothurn. Statistisch betrachtet alle drei Sekunden eines.
«Als sichtbares Zeichen unserer Religion», sagt Ali Erdogan (37), Präsident des Vereins, wollen die Muslime ein symbolisches Minarett von 6 Metern Höhe auf dem Dach ihres Vereinshauses errichten. Normalerweise ist so ein Turm dutzende Meter hoch – und von dort oben kann dann der Muezzin die Gläubigen zum Gebet rufen. Am letzten Dienstag hat die Baukommission von Wangen den projektierten Dachaufbau einstimmig abgelehnt.
«Wir haben griffige Gründe», sagt Max Zülli (60), Bauverwalter der Gemeinde, und führt ein juristisches Argument nach dem anderen ins Feld: nicht zonenkonform, nicht genügend Parkplätze, nicht eingehaltene Massvorschriften für Dachaufbauten, störende Ästhetik, sechs legitimierte Einsprachen. Zülli hatte für den Tag des Entscheids vorsorglich Polizeischutz angefordert. Passiert ist aber dann nichts, Ausschreitungen gab es keine – «zum Glück».
Nur im türkischen Verein waren sie enttäuscht. Sehr enttäuscht. «Einige haben stark Stimmung gegen das Minarett gemacht», sagt Erdogan. SVP-Mann Roland Kissling war einer von denen. Er hat 381 Unterschriften gegen das Minarett gesammelt und seiner Baueinsprache beigelegt. Er will den Türken nicht glauben, wenn sie behaupten, vom Minarett würde nie ein Muezzin zum Gebet aufrufen. Obwohl es nur über das Hausdach erreicht werden kann und keinen Aufgang vom Inneren haben wird.
«Zum Islam und seiner Kultur haben wir keine Liebe», sagt Kissling, stellt aber klar: «Sehen Sie, wir haben nichts gegen Ausländer: meine Frau geht ins Tai-Chi.» Eben verabschiedet sich Rita Kissling (51) mit einem Küsschen vom Gatten. Rico springt an ihren Beinen rauf und läuft ihr mit seinem Ball nach.
Schriftliche Einsprachen gegen das Minarett gab es sechs; von den Nachbarn, der römisch-katholische Kirchgemeinde. Und von der reformierten auch.
Beim Coiffeur Onyx sind willkommen: «ladys, gents, kids» – aber vielleicht lieber keine Fragen zum Thema Minarett. Im Friseurladen von Anneliese Fürst (47), mitten im Dorf an der Kantonsstrasse, kann nachgefragt werden. Sie brauche keine Muslime als Kunden, will auch nicht darauf hören, wenn jemand Zurückhaltung bei diesem Thema anmahnt: «Wir leben in der Schweiz und nirgendwo anders. Deswegen will ich kein Minarett in Wangen.»
Die Druckerei von Norbert Schönenberger (53) steht im Schatten des mächtigen katholischen Gotteshauses St. Gallus. Schönenberger sagt deutlich: «Ich bin gegen das Minarett, weil es nichts Schweizerisches ist.» An der einzigen Signalanlage des Ortes befindet sich die Gemeindekanzlei und auf der anderen Strassenseite ein riesiges Wegkreuz aus Stein. Sehr idyllisch, sehr schweizerisch.
Vor dem Gemeindehaus schiebt eine junge Mutter ihren viermonatigen Sohn Niklas im Kinderwagen durch den Schneeregen. Sie überlegt erst und sagt dann ruhig: «Es spricht doch nichts gegen ein Minarett.» Sabrina Vogt (21) lächelt.
Eduard Keller (77) sitzt daheim im Warmen. Auch er macht sich so seine Gedanken: «Wir wissen nicht, wie viele für das Minarett sind. Es hat ja bislang keiner Unterschriften dafür gesammelt.» Keller ist gläubiger Katholik und nimmt seine Überzeugung ernst: «Die Menschen sollen einander respektieren. Sonst gehts nicht.» Hier im Kanton Solothurn finden Menschen Heimat und Wohnstatt. Auch solche, die am Rand stehen. Das Wohnheim für Drogen- und Alkoholsüchtige ist nach dem Ort benannt, wo die Eltern von Jesus nach einer Herberge suchten und nicht fanden: Bethlehem.
«Glauben und Religion sind für die Menschen etwas Wichtiges», findet die Floristin Nora Jordi (22). «Und wenn die Türken halt so an ihrer Religion hängen, dann sollen sie sie auch leben dürfen. Mich würde ein Minarett gar nicht stören.» In den nächsten Tagen wird der türkische Kulturverein gegen den Entscheid der Baukommission von Wangen beim Kanton Rekurs einlegen.
Gut möglich, dass vielleicht in einem Jahr ein goldener Sichelmond über dem Vereinshaus in der Sonne blinkt. Gut möglich, dass die Gegner weiter gegen das Symbol einer fremden Religion kämpfen. «Die Stimme der Vernunft ist leise», hat bereits Sigmund Freud festgestellt.
Leise wie der Spruch im Schaukasten der römisch-katholische Kirchgemeinde: «Der zwischenmenschliche Raum sollte mehr sein als eine Abstellkammer.» Kein schlechter Vorsatz.