Sport allein kann nicht selig machen

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Johannes von Dohnányi

Unermüdlich reist der Stellvertretende UN-Generalsekretär für Sport, Frieden und Entwicklung im Kampf um eine bessere Welt rund um den Globus. Kürzlich war er für zwei Tage im afrikanischen Elendsland Liberia. SIE+er wollte vom früheren Bundesrat wissen, welche Resultate er dabei erzielte.

Sie+Er: Herr Ogi, als Stellvertretender UN-Generalsekretär für Sport, Frieden und Entwicklung waren Sie letzte Woche für gerade mal 48 Stunden in Liberia. Machen jetzt auch Sie in Elendstourismus?
Adolf Ogi: Überhaupt nicht. Es war eine Arbeitsreise, die Freude, Hoffnung und eine Plattform der Begegnung und zur Versöhnung gebracht hat – etwas sehr Konkretes also.

Sie+Er: Verzeihen Sie, aber in meinen
Ohren tönt das nicht sehr konkret.

Ogi: Ich habe diverse Akteure für unser Programm mobilisieren können. Wir sind Partnerschaften eingegangen, zum Beispiel mit der UN-Friedensmission in Liberia, mit der Regierung, dem Internationalen und Nationalen Olympischen Komitee, den Sportverbänden und einigen Nichtregierungsorganisationen. Sie sehen: Wir haben gehandelt.

Sie+Er: Wollen wir kurz über dieses Programm reden? Sie schlagen Breitensport als Instrument zur Lösung von Konflikten vor. Ist das nicht eine naive Sicht der Welt?
Ogi: Natürlich kann Sport allein nicht selig machen. Er ist nur eines von vielen Mosaiksteinchen. Aber eine Tatsache ist doch unbestreitbar: Die Politiker, die Wirtschafts- und Religionsführer, die Wissenschaft und die Presse haben beim obersten Ziel versagt, eine friedlichere und bessere Welt zu schaffen. Also braucht es ein neues Instrument, das sich auf die Jugend konzentriert. Das ist keine hoch schwadronierte Theorie. Sport kann sehr Konkretes auslösen.

Sie+Er: Was kann der Sport, was andere Instrumente nicht können?
Ogi: Sport ist mehr als Freude. Sport ist auch Disziplin, die Beachtung von Regeln und Schiedsrichter-Entscheidungen. Sport schafft Solidarität, Integration und die Bereitschaft zu Fairplay. Begegnungen im Sport können auch zu Freundschaft und Versöhnung führen. Denken Sie nur an Südafrika.

Sie+Er: Sie beschreiben die Basis für eine funktionierende Zivilgesellschaft.
Ogi: Wenn der Ogi solche Sätze sagt, wird er oft belächelt. Aber vor dem Anstoss des von uns initiierten fünfwöchigen «Sport für Frieden»-Projekts im Stadion von Monrovia hat Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf genau das Gleiche gesagt. Als ich das hörte und die Stimmung im halbzerstörten Stadion erlebte, war ich glücklich.

Sie+Er: Pardon, ich will ja nicht abwertend klingen. Aber das sind typische Politikersätze.
Ogi: Nein, bitte! Erinnern Sie sich an das Mädchen, das auf dem Sandplatz im Slum von West Point das Siegestor geschossen hat? Mir hat es gesagt, dies sei der schönste Tag in seinem Leben. Oder denken Sie an die Behinderten und Blinden, die im Nationalstadion Fussball gespielt haben. Die glänzenden Augen, die Freude der Kinder und der Zuschauer – das war mein grösster Lohn. Es war mir der Beweis, dass es ausser dem Sport eigentlich nichts gibt, was ein traumatisiertes Kind so leicht aus seiner schwierigen Situation herausholen kann.

Sie+Er: Die SVP, Ihre Partei, nimmt zum Thema Entwicklungshilfe eine höchst kontroverse Position ein. Christoph Blocher hat Hilfe für Afrika sogar als sinnlose Geldverschwendung gegeisselt.
Ogi: Da bin ich gegenteiliger Meinung. Ich habe die Lage, und nicht nur in Liberia, mit eigenen Augen gesehen. Und seitdem weiss ich, dass auch die Schweiz Hilfe für Afrika leisten muss.

Sie+Er: Aber der Vorwurf aus Ihrer Partei war doch, dass all diese Hilfsgelder nichts bewirken. Ballspielende Kinder mögen ein anrührendes Bild sein. Aber noch einmal: Wo bleiben die konkreten Ergebnisse?
Ogi: Lesen Sie den Bericht zum Internationalen Jahr des Sports und der Sporterziehung, dann haben Sie die Antwort. Der Leistungsausweis ist, dass wir Millionen von Menschen bewegt und Tausende von Projekten in der Armenwelt lanciert haben. Und das alles ohne ein wirkliches Budget.

Sie+Er: Viele Sportereignisse sind noch kein Beweis für Ihre These, dass Sport auch ein Teil der Konfliktlösung sein kann.
Ogi: Im Konflikt zwischen Indien und Pakistan hat Cricket wesentlich zur Entschärfung beigetragen. Das ist eine Tatsache. Die Welt ist seit den Anschlägen vom 11. September 2001 sicher nicht besser geworden. Aber eben auch nicht schlechter, mit Ausnahme vielleicht des Irak-Kriegs. Dort, wo ich war, hatte ich den Eindruck, dass wir etwas bewirkt haben.

Sie+Er: Was denn?
Ogi: Wir animieren und motivieren Regierungen, Nichtregierungs- und andere Organisationen. Und hinterher höre ich dann von den Leuten: «Gut, Ogi, dass du uns einen Ausweg aus unserem schlechten Gewissen bietest.»

Sie+Er: Wieso schlechtes Gewissen?
Ogi: Was empfinden Sie denn angesichts der Lebensumstände dieser Menschen? Was wir in Liberia gesehen haben, hat mich schlicht ohnmächtig gemacht. Und manchmal habe ich mich gefragt, ob es die Mühe wert ist, wenigstens einen Tropfen auf den heissen Stein fallen zu lassen.

Sie+Er: Wo bleibt Ihr sprichwörtlicher Optimismus?
Ogi: Was in Ländern wie Liberia geschieht, ist ein Skandal. Wir hätten die Ressourcen, das Wissen und die Technologien für eine gerechtere Welt. Aber wir nutzen sie nicht. Meine Arbeit ist daher auch ein moralischer Ruf: Leute, es geht vielen so schlecht, dass jeder von uns an einer Besserung mitarbeiten muss.

Sie+Er: Sehen Sie sich als einsamen Rufer in der Wüste?
Ogi: Ich bilde mir ein, dass ich etwas ausgelöst habe. Ich weiss zum Beispiel von zwei Grosskonzernen, die – und zwar aus ganz eigenen Geschäftsinteressen – in eine bessere Welt investieren wollen. Der eine ist der Sportartikelhersteller Nike, über den anderen möchte ich
noch nicht reden. Und auch die Uno kann ein neues Instrument wie den Breitensport zur Schärfung des eigenen Profils brauchen.

Sie+Er: 48 Ogi-Stunden in Monrovia – ein voller Erfolg also?
Ogi: Wir sind nicht gelandet und haben wie ein Helikopter kurz Staub aufgewirbelt. In allen 15 Provinzen Liberias werden in den nächsten fünf Wochen Sportturniere ausgetragen. Wenn dieses Feuer auch nach dieser Zeit weiter brennt, dann haben wir zusammen mit unseren Partnern viel bewegt.

Sie+Er: Und wie geht es weiter mit Adolf Ogi, dem Stellvertretenden UN-Generalsekretär für Sport, Frieden und Entwicklung?
Ogi: Mein Mandat ist Ende 2006 ausgelaufen. Das Generalsekretariat der UN hat gewünscht, dass ich weitermache. Wie lange das noch geht, wird von dem Gespräch abhängen, das ich demnächst mit UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon führen werde.

Sie+Er: Wäre für Sie auch eine Rückkehr in die Schweizer Politik denkbar?
Ogi: Nein. Wenn man in der Schweiz einmal zurückgetreten ist, dann ist das endgültig. Das ist die Regel. Das ist gut so. Und daran halte ich mich.

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