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Auch die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, ist manchmal machtlos, wenn der Berg sich regt. Dann verbiegt er Stahl und lässt Beton von der Tunnelwand platzen.
«Respekt vor dem Fels hab ich schon da unten. Ist ja gefährlich, was wir da machen», sagt der 31-jährige Wolfgang Albar – über ihm türmen sich 1500 Meter Fels, das ganze Gotthardmassiv. Er steht mit beiden Beinen fest in Staub und Schlamm am Grund des Neat-Basistunnels, unter Faido TI, dort wo vor 14 Tagen die Erde mit 2.4 Punkten auf der Richterskala bebte. Der Berg schrie, weil die Arbeiter mit Sprengladungen und schwerem Gerät im Herzen des Gotthards dem Urgestein zwei 57 Kilometer lange Röhren abtrotzen. Ab 2016 sollen die Züge in Nord-Süd-Richtung mit 250 km/h durchjagen.
«Ich bin Bohrist», sagt Albar, dem die Schweisstropfen unterm Helm herunterrinnen. Doch, doch, er sei jetzt schon müde. Hat zehn Tage untertag gebohrt, gebaggert. Ist mit seinem gelben Maschinen-Ungetüm, dem Bohrjumbo Rocket Boomer, dem Stein zu Leibe gerückt. Er wird in wenigen Minuten fünf Tage Freizeit und Sonnenlicht geniessen können – daheim, in der grünen Steiermark, in Österreich, dort hat er Frau und Kinder und ein Haus. Er wischt sich den Schweiss von der Stirn.
Hätte es ein Thermometer, würde es knapp 30 Grad zeigen. Die Atmosphäre ist dick, hat 80 % Luftfeuchtigkeit. Und von den Sprengdämpfen liegt mehr als ein Hauch Ammoniak in der Luft.
«Verdammt, warum hast du keine Schutzbrille auf?! Spinnsch eigentlich?!» So verschafft sich Franz Walker (63), einer der fünf örtlichen Bauleiter trotz ohrenbetäubender Arbeiten im Tunnel Gehör. Er kommt aus Flüelen, überwacht die Qualität der Arbeiten «und manchmal muss ich die Arbeiter vor sich selber schützen.»
Walker ist leidenschaftlicher Strahler. Deswegen ging er in den Fels arbeiten. Ob er Angst vor Bergschlägen habe? Er zuckt mit den Schultern. Sagt nichts. Zwei Sekunden später gellt der Sprengalarm durch den Tunnel. Zuerst kommt ein Knall, dann ein Grollen, schliesslich verschlägt einem der Luftdruck den Atem, durchbebt den ganzen Körper und beruhigt sich sekundenlang nicht. Eine Minute später kommt der Staub, der scharfe Geruch von frisch aufgebrochenem Stein. So riecht die Unterwelt. Dort, wo die Männer in ihren orangen Overalls keine Furcht zeigen dürfen. Sie sagen höchstens: «Einmal gehts besser, einmal gehts schlechter.»
Wenn es besser geht, dann singt Walker jeden Mittwochabend im Männerchor Harmonie in Altdorf. «Ach, so Männerlieder halt. Westside-Story, ungarische Tänze.» Manchmal hat er aber auch keine Lust. Das heisst dann: lieber legt er sich schlafen. Der Kampf mit dem Fels ermüdet jeden, fordert Tribut.
Die Mineure nehmen viel in Kauf: Trennung von der Familie, Temperaturen wie im Dschungel, härteste Anstrengungen gegen Stein und Fels. «Man muss stolz auf seine Arbeit sein und ein guter Kumpel», sagt Wolfgang Albar, kurz bevor er aus dem Tunnel geht und die nächste Schicht kommt. Dort unten ruht die Arbeit nie. Nicht tags, nicht nachts, nicht sonntags.
Auch der Berg schläft nicht. Das wissen die Männer. Sein Groll kann jeden treffen, plötzlich, unerwartet, hart. Daher gehts dort unten allen gleich: «Wenn ich wieder rauskomme … bin ich froh, dass ich noch gesund bin», sagt Walker. So einfach lautet die Formel für das Glück von Männern ohne Furcht.