Vor Gericht in St. Gallen sagt sie: «Ich wollte kein Kind!» Serviertochter stopft Baby ins Gefrierfach

  • Publiziert: 13.04.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Corinne Landolt

Niemand weiss, dass Jacqueline ein Kind gebar. Bis ihr Vermieter das Neugeborene tot im Tiefkühlfach ihrer Stadtwohnung entdeckt

Jacqueline S.* bringt ihr Mädchen am 1. Mai 2008 auf der Toilette in ihrer St. Galler 1½-Zimmerwohnung zur Welt. Ganz alleine. Von der Schwangerschaft wusste niemand. Nicht mal ihr Freund.

Das Neugeborene hat die Nabelschnur um den Hals, sein Köpfchen ist ganz blau. Statt ihrem Kind zu helfen, zieht die Mutter ihr T-Shirt aus und wickelt das Baby vollständig drin ein. Es erstickt qualvoll.

Jacqueline S. wickelt den toten Säugling zusätzlich in Klarsichtfolie, packt die Leiche in eine schwarze Tasche und deponiert sie im Tiefkühlfach.

Warum sie das Baby ins T-Shirt eingewickelt habe, fragt der Richter. «Damit es nicht kalt hat.» In der ersten Befragung sagte sie noch: «Damit ich es nicht mehr sehen musste.»

Die 32-jährige Serviertochter muss sich vor dem St. Galler Kreisgericht wegen Kindstötung verantworten. Sie wirkt ratlos. Schneuzt sich, schluchzt immer wieder. Auf jede zweite Frage sagt sie: «Ich weiss es nicht.» So auch, als der Richter wissen will, warum sie ihr Kind nicht im Spital zur Welt gebracht habe. So, wie ihren Sohn, den sie 2004 gebar und zur Adoption freigab.

«Ich hatte Angst, konnte nicht überlegen. Ich weiss nicht, warum ich das getan habe. Das belastet mich sehr», so die Angeklagte. Sie schluchzt erneut. «Früher war ich ein aufgestellter, offener Mensch.»

Am Tag nach der Geburt steht sie wieder im Kleiderladen, in dem sie damals teilzeit arbeitete – so als wäre nichts geschehen. «Ich wurde erst wieder damit konfrontiert, als ich verhaftet wurde», sagt Jacqueline S.

Den grausigen Fund macht ihr Vermieter zehn Monate nach der Geburt. Er räumt die Wohnung, weil Jacqueline S., die eine zweite Wohnung im Solothurnischen hat, seit Monaten keine Miete mehr bezahlt hat. Im Tiefkühlfach findet er die schwarze Tasche mit Totenkopf drauf. Er stellt sie in die Garage, zu ihren anderen Waren. Am nächsten Tag entdeckt er, dass aus der Tasche Blut fliesst. Durch die Hülle hindurch ertastet er den Babykopf. Er ruft die Polizei.

«Haben Sie je daran gedacht, Ihr Kind zu töten?», fragt der Richter. «Nein, diesen Gedanken hatte ich nie.» Die Angeklagte gibt aber auch zu: «Ich wollte kein Kind!»

Mit ihrem damaligen Freund ist die Angeklagte immer noch zusammen. Er weiss bis heute nichts vom toten Säugling.

Die Staatsanwältin fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von 14 Monaten, der Verteidiger einen Freispruch. Er bestreitet, dass das Baby gestorben ist, weil Jacqueline S. sein Gesichtchen verdeckte.

*Name der Redaktion bekannt

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