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ABB verliert den Chef. Der Industriekoloss mit 120000 Angestellten und 35 Milliarden Dollar Umsatz ist plötzlich führerlos. Das war im Februar 2009. CEO Fred Kindle (50) verliess nach einem Machtkampf mit Präsident Hubertus von Grünberg (66) abrupt das Unternehmen. Bis ein Nachfolger installiert war, verstrich ein halbes Jahr. Trotzdem kam es niemandem in den Sinn, von Grünberg Verantwortungslosigkeit vorzuwerfen.
Anders beim Mutterschaftsurlaub von Jasmin Staiblin (39). Die Chefin von ABB Schweiz verantwortet zwar nur gut ein Zehntel des Konzernumsatzes, doch ihre Auszeit lässt von rechts eine Welle der Empörung übers Land rollen.
Die SVP-nahe «Weltwoche» wirft Staiblin Fahnenflucht vor. «Kein Mann in vergleichbarer Stellung könnte es sich erlauben, in einer ähnlich heiklen wirtschaftlichen Situation seine Firma aus persönlichen Gründen zu verlassen», schreibt das Blatt. Wenn ein Unternehmen «während sechzehn Wochen auf den Chef verzichten kann, dann ist es der falsche Chef».
Die Rücktrittsforderung halten selbst Konservative «für einen Angriff unter der Gürtellinie». «Jasmin Staiblin hat wie jede andere Frau das Recht, schwanger zu werden», sagt Headhunter Björn Johansson (61). Auch der Konzern stärkt der gebürtigen Deutschen den Rücken: «Wir fördern die Verbindung von Führungsverantwortung und Elternschaft ausdrücklich», sagt Sprecher Wolfram Eberhardt. Ein Unternehmen müsse auf den Ausfall eines Topmanagers vorbereitet sein, sagt die Zürcher Headhunterin Doris Aebi (44). «Bei einem Schwangerschaftsurlaub hat man genug Zeit, die Stellvertretung minutiös zu planen.»
Ein Posten im Management bedeute «weitgehenden Verzicht auf ein geregeltes Familienleben», schreibt die «Weltwoche». «In diesen Sphären ordnet sich der Wunsch nach Selbstverwirklichung der Verantwortung für die Firma unter.»
Die Forderung, rund um die Uhr verfügbar zu sein, sei ein Mythos, hält CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz (57) entgegen: «Stadler Rail funktioniert auch, wenn Patron Peter Spuhler sein Mandat als Nationalrat ausübt.»
Anders als bei Frauen werden Absenzen bei Männern grosszügig hingenommen: Verwaltungsrats-mandate und Lehraufträge werden ihnen als besondere Leistungen angerechnet. Gerne lassen sich Manager auch als Golfer oder Marathonläufer ablichten, obwohl solche Hobbys viel Zeit verschlingen. «Wer beim Golf ein Handicap unter zehn hat, verbringt nicht viel Zeit im Büro», sagt Personalberater Heiner Thorborg (64). Auch bei Elternschaft gelten unterschiedliche Massstäbe: «Für Männer in Führungspositionen sind Kinder Beweis von Potenz», sagt Susanne Blank (37) von der Gewerkschaft Travail Suisse, «bei Frauen sind sie ein Makel.»
Was fünf prominente Frauen über Kinder und Karriere denken, haben sie am Mittwoch auf Einladung von SonntagsBlick diskutiert.