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Sieben Mal fährt das silbergraue Familienauto mit Thurgauer Kennzeichen auf dem Zürcher Sihlquai auf und ab. Dann hält es an, sofort eilen zwei kaum bekleidete Frauen ans rechte Türfenster. Kurze Verhandlung. Eine der Frauen steigt schliesslich ein. Hinter dem Thurgauer hat sich ein Stau gebildet. Blutjunge Prostituierte drängen sich an die stehenden Autos, werben mit aufdringlich zur Schau gestellten Reizen um Gunst und Aufmerksamkeit der Autofahrer – von denen bei weitem nicht alle Freier und auf der Suche nach einem schnellen Sexabenteuer sind.
Seit Osteuropäerinnen dank EU-Personenfreizügigkeit 90 Tage pro Jahr in der Schweiz anschaffen dürfen, wächst der grösste sichtbare Strassenstrich der Schweiz rasant. 800 Neueinsteigerinnen zählte die Polizei 2009, fast die Hälfte sind Ungarinnen.
Das Überangebot hat Konsequenzen: Die Frauen bieten Sex im Auto zu Dumpingpreisen an. Oralverkehr, auch ohne Gummi, ist für weit weniger als 50 Franken zu haben – Geschlechtsverkehr unter 100 Franken, wie Freier auf einschlägigen Sexforen, Sozialarbeiter der Stadt Zürich und Szenegänger übereinstimmend erzählen. Ältere Milieudamen und Drogenabhängige erzählen von noch tieferen Tarifen.
Zürich ist attraktiv
Dennoch bleibt Zürich für Prostituierte attraktiv. Im Vergleich mit dem Ausland seien die Preise noch hoch – und die Schweizer Freier «anständiger als anderswo», weiss Rolf Vieli, der hier das Sozial-Projekt «Rotlicht» leitet: «Wenn wir jetzt nicht handeln, läuft die Situation aus dem Ruder», befürchtet Vieli. Doch über eine kommunale Prostitutionsverordnung streiten sich Stadtverwaltung, Parteien und Frauenhilfsorganisationen seit Monaten.
Umstritten sind eine Bewilligungs- und Meldepflicht für Prostituierte sowie eine drastische Verkleinerung der Strichzonen, Strassenabschnitten von insgesamt mehr als zehn Kilometer Länge. Zudem sucht die Stadt Zürich nach Möglichkeiten, Steuern auch auf das Einkommen von nur kurzzeitig in der Stadt tätigen Prostituierten zu erheben.
Schandfleck der Schweiz
Zürichs Strassenstrich wird zum Schandfleck der Schweiz – wie es in den 90er-Jahren die offene Drogenszene war. Und weil er, an einer grossen Ausfallstrasse hinter dem Bahnhof gelegen, für alle sichtbar ist, wird er ein nationales Thema. «Das ist unseres Landes nicht mehr würdig, was hier abgeht,» sagt die Aargauer SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger. Sie will die Strassenprostitution einfach total verbieten. Nächste Woche reicht sie ihre Forderung an den Bundesrat als Postulat im Parlament ein.
Mitarbeit: Marcel Odermatt