Wild-West wegen fünf Franken Nachtzuschlag Wie hart sollen SBB-Kontrollen sein?

ZÜRICH - Die SBB-Kontrolleure haben vor allem nachts alle Hände voll zu tun. Zwei Passagiere erzählen Blick.ch, mit welcher Härte und Konsequenz sie dabei vorgehen.

  • Publiziert: 26.09.2012
  • Kathia Baltisberger

Der Nachtzuschlag im Kanton Zürich sorgt immer wieder für Aufregung. Zusätzlich zum normalen Billett oder dem GA müssen Nachtschwärmer einen Zuschlag von fünf Franken bezahlen. Viele wissen das nicht. Wer ohne erwischt wird, bezahlt 75 Franken. Die Kontrolleure sind unerbittlich. Wie unerbittlich zeigen folgende Beispiele:

Fall 1: GA-Kunden mit Anzeige gedroht

Micha Z. (34), Journalist aus Bern, ist in der Nacht auf den 9. September, um 01.32 mit der S-Bahn von Winterthur nach Zürich unterwegs. «Nach wenigen Minuten stürmt eine Kontrolleurin ins Abteil und verlangt die Tickets», erzählt Micha Z.

«Ich zeige mein GA. Darauf sagt sie ‹Sie sind ein Schwarzfahrer, weil Sie keinen Nachtzuschlag gelöst haben.› Gleich darauf stürmen zwei Bodyguards herbei.»

Micha Z. will sich erkundigen, was es mit diesem Nachtzuschlag auf sich hat. Aus Bern kennt er sowas nämlich nicht. Doch die SBB-Kontrolleurin schreit den Passagier an: «Name, Vorname!»

Der langjährige SBB-Kunde erwidert, er lasse nicht in diesem Gefängniswärterton mit sich umspringen und fragt nach ihrem Namen.

«Das geht Sie nichts an!», sagt die Kontrolleurin harsch. «Ich habe meinen Ausweis in die Luft gestreckt, als ich das Abteil betreten habe. Das reicht!»

Der Bahnpolizist neben ihr verschränkt seine muskulösen Arme und sagt: «Hey Mann, wieso willst du das wissen?»

Dem langjährigen SBB-Kunden ist das mittlerweile zuviel: «Gut, dann können Sie meinen Namen ja auch vom GA ablesen.»

Die Kontrolleurin schreit: «Aha, Sie verweigern also! Dann kriegen Sie noch eine Anzeige!»

Im Bahnhof Zürich angekommen, merkt Micha Z., dass er nicht das einzige Opfer der SBB-Attacke ist. Zwei Personen werden aus dem Zug geschleppt, einer schreit: «Ich werde misshandelt.»

Ein weiterer Mitarbeiter der SBB-Transportpolizei sagt später dazu: «Hier sind wir in Zürich, hier herrschen andere Sitten.»

Fall 2: Bilettkneifer aufs Feld verfolgt

Stephan K. (25) aus Winterthur machte Bekanntschaft mit einem besonders hartnäckigen – und fitten – Kontrolleur. «Ich realisierte erst im Zug, dass ich in Winterthur vergessen hatte, den Nachtzuschlag zu lösen.» Da er einer 75-Franken-Busse entgehen wollte, stieg er in Stettbach, kurz vor Zürich, aus.

«Der Kontrolleur und ein Sicherheitsmann verfolgten mich. Wir lieferten uns während fünf Kilometern eine wilde Verfolgungsjagd. Sie liessen nicht locker. Ich flüchtete auf ein Bauernfeld – und entkam.»

Stephan K. weiss, dass er sich nicht über eine saftige Busse hätte beklagen können. Aber er wunderte sich über den Einsatz und Eifer der Kontrolleure. «Und dies alles wegen einem Fünf-Franken-Ticket.»

Das sagt die SBB: Aussage gegen Aussage

Blick.ch hat SBB-Sprecher Christian Ginsig zu den beiden Vorfällen befragt.

SBB-Kommentar zu Fall 1: «Die Darstellung von Micha Z. widerspricht den Wahrnehmungen unseres Kontrollpersonals, welches diesen Vorfall ebenfalls schriftlich festgehalten hat.» Es steht also Aussage gegen Aussage.

SBB-Kommentar zu Fall 2: «Diesen Vorfall können wir aufgrund der Schilderung nicht nachvollziehen.»

Doch wer hat jetzt Recht? Werden die Kontrolleure immer aggressiver oder liegt es am rüpelhaften Verhalten der Passagiere?

«Ein verändertes Kundenverhalten können wir generell nicht feststellen», sagt SBB-Sprecher Ginsig. Den Nachtzuschlag brauche es aber, auch wenn es immer wieder Ärger gebe.  «Das Bezahlen des Nachtzuschlags stellt sicher, dass die Passagiere das Nacht-Angebot nutzen können.»

Wer sich unfair oder zu hart behandelt fühlt, der kann sich jedoch bei der SBB melden. Ginsing:

Der Kunde kann im Zweifelsfall die Personalnummer verlangen. Über diese Personendaten kann zur Abklärung eines Vorfalls jederzeit das Kontrollpersonal eruiert werden.»

Haben Sie ähnliche Erfahrungen? Schildern Sie uns ihre Begegnungen mit dem SBB-Kontrollpersonal oder rüpelhaften Passagieren im Kommentar!

SBB verärgert Nachtschwärmer nicht zum ersten Mal

Im vergangenen November führte die SBB am HB in Zürich eine grossangelegte Billettkontrolle durch, wodurch viele Passagiere ihren Nachtzug nach Hause verpassten (Blick.ch berichtete). Grund: Die Kontrolle fand nicht in den Zügen statt, sondern bereits in der Halle.
 

«Einige Rolltreppen hinunter auf die S-Bahn-Gleise waren abgesperrt. Man musste an den Kontrolleuren vorbei, um aufs Perron zu kommen», nervt sich eine Blick.ch-Leserin.
 

«Es gab einen solchen Stau, dass ich meinen Zug verpasst habe, obwohl ich ein gültiges Billett gehabt hätte. Das kann doch nicht sein!» Eine Stunde musste die junge Frau auf den nächsten Nachtzug warten. «Und auch dann, um 3 Uhr morgens, war die Kontrolle immer noch im Gang.»

Gehen die SBB-Kontrolleure in den Nachtzügen zu weit?»

Beliebteste Kommentare

  • Thaddeus  Appenzeller , Gais
    Das ist nichts neues, Die Bahnpolizei ist ein Haufen möchtegern Rambos mit tiefem IQ, schlimmer als Türsteher bei einem Club.
  • Ilker  Alan , Havana , via Facebook
    Abschaffen mit Nachtzuschlag! Ich finde total daneben, weil in Romandie muss man keine Nachtzuschlag zahlen! Ich finde total daneben da SBB schweizweit gleich sind, also muss es auch in der ganzen Schweiz gleich sein.

Alle Kommentare (211)

  • patrick  gysi , zug
    Jedes Kind lernt, dass man ohne Ticket nicht in einen Zug steigt.. Wenn ich sehe wieviel Müell und Dreck vorallem Abends in den Zügen liegt sind die fünf Franken gerechtfertigt.. Das mit den Verspätungen ist ein anderes Thema..
  • Ahrun  Be Kascho , Aarau
    Das ist eine Frechheit mit dem Nachtzuschlag! Die verdienen sowieso zuviel. Sie sollten lieber dafür schauen, dass jeder einen Sitzplatz hat, wenn er zur arbeit pendelt und ausserdem dem chef nicht immer sagen zu müssen: "Sorry Zug hatte verspätung"
    • 27.09.2012
    • 7
    • 12
  • Thomas  Engler
    Mit den GA noch einen Zuschlag zahlen geht ja wohl gar nicht...
    • 27.09.2012
    • 24
    • 7
  •   jemand unwichtiges , Luzern
    Ich finde es krass. Ich bin 19, und bin nich NIE schwarz gefahren. Falls ich einmal das Ticket vergessen würde, würde ich hart dran kommen. Fair?!
    • 27.09.2012
    • 7
    • 6
  • Christoph  Schaer
    1. Nachtzuschlag ist wohl jeder Benutzerinn und jedem Benutzer bekannt, auch mir der es nicht benutzt..;
    2. Kontrollen sind wertvoll auch wegen der Sicherheit und helfen Vandalismus vorbeugen.
    3. Was mich aegert, ist das Gestapo Verhalten der Kontrolleure und der Sicherheitsleute, sowie das fehlende Menschengespuer/Kundenfreundlichkeit.
    • 27.09.2012
    • 18
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