Sie liess ihr Kind im Auto und feierte «Diese Mutter sieht nur sich selbst»

SCHAFFHAUSEN - Eine Mutter in Schaffhausen liess ihr zweijähriges Kind im Auto zurück und ging feiern. Wie kann so etwas passieren? Zwei Experten suchen Antworten.

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Ein Bub war im Auto eingesperrt. Polizei SH

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Die Nachricht sorgt landesweit für Entsetzen. Eine 25 Jahre alte Mutter in Schaffhausen lässt ihr zwei Jahre altes Kind mitten in der Nacht allein im parkierten Auto zurück – und geht mit Kollegen feiern. Passanten bemerken die verängstigten Schreie des Jungen und rufen die Polizei (BLICK berichtete).

Viele Menschen sind schockiert, fragen sich: Wie kann eine Mutter ihr Kind so behandeln?

Psychologe Thomas Spielmann sagt zu BLICK: «Diese Frau sieht nur sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse.» 

Psychologe Thomas Spielmann findet: «Nacktheit gilt heute wieder als Provokation.» play
Der Psychologe Thomas Spielmann zvg

Er glaubt, dass die Mutter als Kind ähnliche Erfahrung gemacht haben könnte und Mechanismen wie Empathie oder Schuld nie kennengelernt hat. «Das Bewusstsein ist: Ich kann es mir nicht leisten, Schuldgefühle zu haben, sonst wird mir die Lebensgrundlage entzogen», so Spielmann.

«Können nicht urteilen»

Sibylle Neidhart, Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie FSP, will keine Ferndiagnose stellen. Ihrer Einschätzung nach könnte das Verhalten der Mutter aus Schaffhausen ganz unterschiedliche Gründe haben.

Dass sie nicht weiss, wie sehr ihr Kind sie braucht, weil die Beziehung nicht stark genug ist, zum Beispiel. Dass sie sich nicht fähig fühlt, sich um das Kind zu kümmern. «Oder sie war einsam zuhause», sagt Neidhart zu BLICK. Weil alle anderen ihres Alters ausgehen und nur sie daheim bleiben muss.

Das sei keine Rechtfertigung für ihr Handeln. «Ein Kind, das Schutz braucht, wurde alleingelassen», sagt Neidhart. «Aber wir können nicht über diese Frau urteilen.»

Sibylle Neidhart, Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie FSP play
Sibylle Neidhart, Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie FSP zvg
Passant drosch auf Auto ein

In den sozialen Netzwerken wurde schnell geurteilt. «Ein kleines 2 jähriges Kind (sic) ...sprachlos wie egoistisch und fahrlässig die Mutter gehandelt hat», kommentierte eine Nutzerin den Artikel auf der BLICK-Facebookseite. Und auch in der Nacht selbst sorgte die Szene für Empörung. Ein Passant drosch vor Wut gar auf das Auto ein.

Grund für diese emotionalen Reaktionen sei ein natürlicher «Schutzreflex» gesunder Erwachsener gegenüber Kindern, wie Psychologe Spielmann es formuliert. Dieser Reflex werde in unserer Kultur vor allem von Müttern erwartet. 

«Jede Mutter, ob bei Menschen oder im Tierreich, ist dafür da, ihren Jungen Schutz zu gewähren», sagt Spielmann. «Das ist eine Urregel des Lebens.» Hätte der Vater den kleinen Jungen im Auto zurückgelassen, hätte auch das für viel Kritik gesorgt. Allerdings nicht im gleichen Ausmass, glaubt Spielmann.

Die Folgen für das Kind

In vielen Familien liegt die Erziehung immer noch in erster Linie bei der Mutter. Läuft etwas schief, ist häufig sie es, die sich rechtfertigen muss. «Das Problem dabei ist, dass wir nicht wissen, ob da irgendwo ein Vater ist, der sich der Verantwortung entzieht», sagt Sibylle Neidhart. «Man sollte auch fragen: Was könnte man für die Mutter tun?»

Die Mutter aus Schaffhausen muss sich nun wegen Vernachlässigung ihrer Fürsorgepflicht vor der Staatsanwaltschaft verantworten. Kurz nachdem die Polizei angerückt war, tauchte sie wieder auf.

Laut Thomas Spielmann könne das Erlebnis ernste Folgen für die persönliche Entwicklung des Kindes haben: Ihm werde vermittelt, dass sein Leben «eine Zumutung für andere» ist, so der Psychologe. Sibylle Neidhart dagegen glaubt nicht daran, dass der kleine Junge aufgrund dieses Vorfalls ein Trauma davontragen wird.

Publiziert am 20.09.2016 | Aktualisiert am 06.01.2017
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24 Kommentare
  • Peter  Muster aus Koppigen
    20.09.2016
    23 ist etwas jung für eine mutter. Wenn ich zurück denke wie ich damals noch kein interesse an nachwuchs hatte und lieber meine Unabhängigkei genoss mitten im bms und danach fh stress hätte ich auch noch kein großes Interesse an nachwuchs. Aber wenn man sich dafür entscheidet muss man ganz klar die Verantwortung tragen und sich einschrenken und nicht einfach in den ausgang wenn kein Babysitter zur stelle ist. Ich will nicht alle über einen kamm scheren, es gibt sicher auch gute eltern in dem alt
  • Jsa  Sigron aus Schangnau
    20.09.2016
    Sorry, die gehört einfach ins Gefängnis. So was tut man nicht- sondern wenn dann, bringt man das Kind zu einer guten Freundin, oder falls vorhanden Oma und Opa für die Nacht! Aber sicher niemals einfach im Auto!!!!!
  • Ueli  Sommaruga aus Cebu City
    20.09.2016
    Um zusammen mit Ihren Freunden, in der Disco, das alte Testament zu studieren sind Kinder in jedemfall laestig...
  • Daniel  Metzener , via Facebook 20.09.2016
    Fakt ist, dass eine richtige Mutter ihr 2-jähriges Kind möglichst nie aus den Augen verlieren möchte, denn dieser Hang zur Fürsorge sollte für eine Frau eigentlich selbstverständlich sein. Nur eine unfähige Mutter stellt Partymachen vor das Wohl ihres Kleinkindes. Leider gibt es immer mehr Mütter, welche anscheinend den Mutterinstinkt verloren haben und dies auf Kosten der Kinder.
  • Peter  Schenk Peter 20.09.2016
    Das was hier in der Nacht geschehen ist, dürfte ja nicht ein isolierter erstmaliger Einzelfall sein, nur eine Schneeflocke von der Spitze des Eisberges. Ein Kind gebären, macht übrigens noch lange keine Mutter.