Ärztin verhalf Patienten mit falschem Zeugnis zu IV-Rente Serbischer Tramführer spricht

Tramführer Rade G. (61) kassierte mit Hilfe seiner Ärztin IV-Rente. Herta K. (81) wurde verurteilt. Jetzt spricht der Serbe im BLICK.

  • Publiziert: 22.04.2010, Aktualisiert: 14.01.2012
  • Von Gabriela Battaglia
play Die FMH-Ärztin Herta K. (81) stammt aus Kroatien, praktiziert noch. 90 Prozent ihrer Patienten sind IV-Rentner. (Paulo Foschini)

Das Bezirksgericht Zürich verurteilte Ärztin Herta K.* (81) zu einer Busse von 5000 Franken. Die gebürtige Kroatin hatte Tramführer Rade G.* ein falsches ärztliches Zeugnis ausgestellt.

Erst schrieb sie ihn wegen Rückenschmerzen erwerbsunfähig. Mit Erfolg: Ab Mai 2004 erhielt ihr Patient eine 100-prozentige IV-Rente. Dem Strassenverkehrsamt schrieb die Ärztin das Gegenteil. So konnte ihr Patient als Chauffeur arbeiten (BLICK berichtete).

BLICK findet den Mann gestern vor seinem Wohnblock in Zürich. Als er die Reporter sieht, stützt er seinen stämmigen Körper mit schmerzverzerrtem Gesicht auf zwei Krücken ab. Der Mann ist sich keiner Schuld bewusst: «Alles stimmt nicht. Meine Ärztin hat nur den Sehtest gemacht. Damit ich weiter Auto fahren kann.» Er leugnet, dass die Ärztin ihm ein Attest für das Strassenverkehrsamt schrieb – obwohl es in den Gerichtsakten ist.

Ab 1991 war Rade G. Tramführer der Linie 13 in Zürich. «1997 stürzte ich in Serbien die Treppe runter. Ich hatte eine Hirnerschütterung», sagt er. «Dann fiel ich in meiner Wohnung in der Schweiz nochmal die Treppe runter.» Rade G. lehnt sich gegen eine Hauswand. «Heute kann ich nicht einmal mehr lesen. Ich bekomme davon wahnsinnige Kopfschmerzen.»

Nach dem zweiten angeblichen Treppen-Sturz chauffiert Rade G. noch einen Monat das Tram. «Dann ging es nicht mehr – die Schmerzen.»

Das war 1998. Rade G.: «Ich kriegte Geld von der Versicherung.» Dann wird Herta K. seine Hausärztin. «Sie ist Kroatin, spricht auch serbisch.» Herta K. hatte dem Gericht erklärt: «Ich habe 1000 Patienten pro Jahr, davon haben 90 Prozent eine IV-Rente.»

2008 fliegt der IV-Betrug auf. Rade G., der laut seiner Ärztin kaum stehen und nicht einmal leichte Lasten tragen kann, wird erwischt, als er mit einer Handkurbel einen Dieselmotor anwirft. Er sagt: «Das stimmt nicht. Ich wollte eine Teer-Walze für meinen Sohn in Serbien kaufen. Ich wollte den Zylinder zum Laufen bringen, aber ich habe keine Kraft dazu.»

Rade G. und die Ärztin werden verhaftet. «Ich war sechs Monate im Gefängnis. Eine Unverschämtheit», schimpft Rade G., «seither ist auch mein Knie kaputt. Ich musste meinen Führerausweis abgeben.»

2008 wird auch die IV-Rente von Rade G. gestrichen, die Untersuchung gegen Rade G. wegen Verdacht auf IV-Betrug läuft noch. Der Ex-Tramführer empört: «Auch Steuerbetrug wird mir vorgeworfen.»

Jetzt hat Rade G. «nur» noch Sozialhilfe. Unverschämt findet er das, schliesslich hat er den Schweizerpass. «Seit ein paar Jahren», wann genau er eingebürgert wurde, daran kann er sich nicht erinnern, sagt er.

* Namen bekannt.

play Rade G. (61) humpelt weiterhin an zwei Krücken durch die Gegend. (Sabine Wunderlin)