Drama um Samantha (7) Schwere Vorwürfe gegen René Prêtre

Was stiess Samantha am Zürcher Kinderspital zu? Grobe Fehler, sagen die Eltern. Ihre Vorwürfe richten sich auch gegen den Herzchirurgen René Prêtre, amtierender Schweizer des Jahres.

  • Aktualisiert am 13.01.2012
  • Von Philippe Pfister
Quirliger Blondschopf Samantha beim Spielen mit ihren Eltern Chris und Esther Lawrence: Richtig sprechen wird das Mädchen nie können.- Sabine Wunderlin

Erst siebeneinhalb Jahre alt ist Samantha, doch ihre Krankenakte füllt schon Bundesordner: 17 Vollnarkosen hat sie hinter sich, 5 Herzoperationen, 7 Herzkatheter-Eingriffe und 2 Zahnsanierungen musste sie über sich ergehen lassen. «Vieles hätte man ihr ersparen können», sagen ihre Eltern, Esther (39) und Chris Lawrence (44). Sie sind über zeugt: Bei zwei Operationen sind dem Team um René Prêtre (52) am Zürcher Kinderspital grobe Fehler unterlaufen. Dann kam es auf der Intensivstation zu einem Zwischenfall, der bleibende Hirnschäden hinterliess.

Doch der Reihe nach. Drei Tage alt war Samantha, als Prêtre sie am 9. Juni 2002 zum ersten Mal am Herzen operierte. Es war der erste von drei geplanten Eingriffen, um ihr das Überleben mit einem schweren Herzfehler zu ermöglichen. Bei diesem ersten Operationsschritt ging alles gut.

Die Komplikationen begannen fünf Monate später, unmittelbar nach der zweiten Operation. Täglich ging es dem Mädchen schlechter. Es erlitt schwere bakterielle Infekte: Nieren, Lunge und Blase entzündeten sich, es kam zu einer Blutvergiftung, die Lunge kollabierte. Eine riskante Notoperation am Herzen wurde nötig.

Den Eingriff überstand Samantha, das Leben gekostet hätte sie beinahe ein Zwischenfall auf der Intensivstation danach. Eine Fehlmanipulation einer Pflegerin am Beatmungsröhrchen soll zu einem akuten Sauerstoffmangel geführt haben. Das Protokoll hält fest: «Kind verfärbt sich plötzlich; rechter Arm weiss gefleckt, Kopf und rechter Arm blau-schwarz, Lippen dunkel verfärbt» (siehe Ausriss).

Seit diesem Zwischenfall ist der Blondschopf geistig behindert. Samanthas Entwicklung verläuft verzögert, sie hat Wahrnehmungs-, Schluck- und Koordinationsstörungen, sprechen kann sie gar nicht.

«Im Spital wurde versucht, diese Vorfälle unter den Teppich zu kehren», sagt die Mutter. «Man meinte, wir sollen uns freuen, dass das Kind noch lebt.»

Das Verhältnis zwischen den Eltern und dem Zürcher Kinderspital war fortan belastet – dies vor dem letzten, entscheidenden Operationsschritt. Die Eltern fühlten sich hingehalten: «Die Ärzte schlugen uns vor, vorerst nichts zu unternehmen.» Erst wenn es Samantha schlechter gehe, solle sie sich der letzten Operation unterziehen.

Darauf holten die verzweifelten Eltern auf eigene Faust vier Zweitmeinungen bei Spezialisten in den USA und Deutschland ein. «Alle rieten uns zu einer baldigen Operation. Wir entschlossen uns, diese in den USA durchführen zu lassen.» Weil keine Versicherung zahlen wollte, mussten sie die Finanzierung selbst organisieren.

Am 31. März 2005 wurde Samantha von Dr. Edward L. Bove in Ann Arbor (US-Bundesstaat Michigan) operiert. Als der US-Topchirurg ihren Brustkorb öffnete, fand er nicht vor, was er aufgrund der Akten erwartet hatte. Von Samanthas linker Lungenarterie – von den Zürcher Ärzten als «stark unterentwickelt» beschrieben – fehlte mehr oder weniger jede Spur. Diese musste Bove erst in einer aufwändigen Operation mit Gewebe eines Organspenders rekonstruieren. Zudem stiess Bove auf Reste von chirurgischem Klebeband, welches das Team um René Prêtre zurückgelassen hatte.

«Bove musste die Arbeit der Zürcher Ärzte erst einmal massiv korrigieren», sagt Esther Lawrence. Erst nach diesem Korrektureingriff konnte Bove ein Jahr später den ursprünglich geplanten dritten Operationsschritt durchführen. Der verlief bilderbuchmässig, nach einer Woche wurde Samantha entlassen. Dr. Boves Operationsbericht schickte die Mutter später an das Zürcher Kinderspital. Der Brief blieb unbeantwortet. Für Esther und Chris Lawrence ist klar: René Prêtre hat im Brustkorb ihrer Tochter ein «Flickwerk» hinterlassen. Seine Wahl zum Schweizer des Jahres hinterlässt bei ihnen einen bitteren Nachgeschmack: Medienrummel mache zwar «einen Chirurgen zum Star, aber noch längst nicht zu einem Spitzenmediziner».

Dass die Eltern nach dem Zwischenfall auf der Intensivstation das Vertrauen ins Kinderspital verloren hätten, könne er «gut verstehen», sagt René Prêtre. Fehler seien ihm aber keine unterlaufen. «Klar war, dass eine weitere Operation nötig gewesen ist», sagt er. Mit dieser habe man aber zuwarten wollen. Das Klebeband habe man nicht vergessen: «Dessen Verwendung ist eine anerkannte, inzwischen auch publizierte Technik. Das hätten wir bei der nächsten geplanten Operation wieder entfernt.» Bove habe zwar «hervorragende Arbeit» geleistet, in Zürich «wären wir am Ende zum gleichen Resultat gekommen», sagt er.

Spitaldirektor Markus Malagoli beantwortet konkrete Fragen zum Zwischenfall auf der Intensivstation nicht. Das Wohl Samanthas sei immer im Vordergrund gestanden, sagt er. «Deshalb haben wir alle benötigten Unterlagen für die weiterbehandelnden Ärzte in den USA übersetzen lassen.» Das Personal des Kinderspitals habe bei den Operationen und der Nachbetreuung «korrekt gehandelt». Hinweise auf «grobe Fehler» oder eine «fahrlässige Manipulation» gebe es nicht.

Tatsächlich? Laut den Eltern haben sich die Zürcher Ärzte gegen Boves Vorschläge gewehrt und sich auch nicht kooperativ gezeigt. «Dass alle benötigten Unterlagen ins Englische übersetzt wurden, stimmt schlicht nicht», sagen sie.

Über dieser und anderen Fragen brütet nun ein unabhängiger deutscher Experte. Samanthas Krankenakte ist ein Haftpflichtfall.

Esther Lawrence: «Wir sind gespannt, ob sich unsere Vorwürfe, die wir belegen können, einfach in Luft auflösen.

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