Prozess um Vatermörder Stephan L. (21) «Überall lagen Porno-Hefte»

PFÄFFIKON ZH - Heute hat der Prozess gegen Stephan L. begonnen. Er erschoss seinen Vater Balts L. im Fernsehsessel. Zeugen beschreiben den Vater und ehemaligen «NZZ»-Redaktor völlig unterschiedlich.

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Es ist das tragische Ende eines zerrütteten Verhältnisses. Am Abend des 31. März 2015 tötet Stephan L. seinen eigenen Vater Balts L. (†67) mit einem Kopfschuss. Dann ruft er selbst die Polizei.

War es ein heimtückischer Mord oder handelte der Velomech Stephan L. (heute 21) aus purer Verzweiflung? Diese Fragen beschäftigt seit heute Morgen das Bezirksgericht Pfäffikon ZH.

Zu Beginn kamen vier Zeugen zu Wort. Drei davon beschrieben den ehemaligen «NZZ»-Kulturredaktor Balts L. als gebildet, verlässlich, engagiert und offen für andere.

«Balts L. gab wenig von sich preis»

Der PR-Profi Sacha Wigdorovits war der Chef von Balts L. und sagte: «Er hat Anteil genommen an seinem Gegenüber, von sich selber hat er aber nicht viel preisgegeben.» Auf seinen Sohn sei Balts L. sehr stolz gewesen, weil dieser einmal ein erfolgreicher Schwimmer war.

Nadja Schildknecht, die Gründerin des Zurich Film Festivals, bezeichnete L. als einen guten Freund. Von der Vater-Sohn-Beziehung habe sie allerdings wenig mitbekommen. Weder Wigdorovits, Schildknecht noch ein dritter Freund, der vorgeladen war, waren aber jemals bei Balts L. zu Hause.

Im Gegensatz zu Karin K. Sie war für Stephan L. eine Art Ersatzmutter, nachdem dessen leibliche Mutter 2008 verstorben war. Sie zeichnet ein ganz anderes Bild von Balts L.

Vater wollte keine Hilfe für Stephan suchen

«Ich habe ihm ein Jahr nach dem Tod der Mutter geraten, dass er für seinen Sohn Hilfe suchen sollte, weil er nicht über den Tod hinwegkommt. Darauf hat er mich hochkant rausgeschmissen», sagt Karin K. vor Gericht. Balts L. habe sich nicht um das Schicksal seines Sohnes gekümmert und zum Beispiel nie an Elternabenden teilgenommen.

Das zweite Mal in der Wohnung von Balts und Stephan L. war K. nach dem Drama, im September 2015. Im Auftrag von Stephan holte sie persönliche Gegenstände aus der Wohnung, um sie ihm ins Gefängnis zu bringen.

Wohnung völlig verwahrlost

Ihr bot sich ein Bild des Grauens. «Es war jahrelang nicht geputzt worden, der Backofen war verschimmelt, die Fenster waren so dreckig, dass man kaum mehr raus sah, das WC war total verschmutzt, überall lagen Pornohefte, überfüllte Aschenbecher und Kleider der Mutter, die vor sieben Jahren verstorben war», sagt K. und fügt an: «Das Einzige, was intakt war, waren die Krawatten von Balts, sie hingen feinsäuberlich im Schrank.»

Die verwahrloste Wohnung ist Ausdruck der schwierigen Beziehung zwischen Balts L. und seinem Sohn. Die Probleme begannen, als Stephans Mutter 2008 wegen ihrer Alkoholsucht stirbt. Der Junge ist 13 Jahre alt, macht seinen Vater für den Tod verantwortlich. Die Eltern waren zu dieser Zeit getrennt. Vater und Sohn ziehen zusammen.

Anklage fordert 14 Jahre Haft

Das Zusammenleben ist von Streit geprägt. «Ich musste jahrelang alles mitmachen, wurde gedemütigt, beleidigt, erniedrigt, behandelt, als ob ich ein Hund wäre», sagt Stephan L. nach der Tat. Am 31. März 2015 artet der Streit aus. Stephan L. geht nicht zur Arbeit. Weil ihn sein Vater ein Weichei nennt, greift er zur Pistole und erschiesst ihn von hinten in seinem Fernsehsessel.

Stephan L. wird am Nachmittag befragt. Im Gerichtssaal wirkt er angespannt. Die Anklage fordert eine Verurteilung wegen Mordes und eine Bestrafung mit 14 Jahren Freiheitsentzug. Die Verteidigung plädiert auf vorsätzliche Tötung und eine Freiheitsstrafe von 10 Jahren. (jvd/sas/mko)

Publiziert am 31.10.2016 | Aktualisiert am 09.11.2016
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6 Kommentare
  • Gabor  Posch 31.10.2016
    Für mich hört sich das so an, als könnte man je nach Fall mal einen Mord, und nichts anderes wars, legitimieren, ein andermal nicht. Wäre der TÄTER, und das ist er ja zweifellos, ein migrierter Algerier mit schlechten Sprachkenntnissen und mangelnder Ausbildung gewesen, hätte man ihm 40-mal Lebenslänglich an den Kragen gewünscht. Der Junge ist ein Mörder, und basta.
    • Silvio  Valentino aus Winterthur
      31.10.2016
      Ja, der Herr Posch. Was heisst denn da "und basta?". Ist mit Ihrer Stellungnahme die Diskussion beendet? Lesen Sie lieber mal nach, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit der Tatbestand des Mordes erfüllt ist, anstatt aus der Hüfte heraus Definitionen rauszulassen über Dinge, die Sie nicht kennen.
    •   , via Facebook 01.11.2016
      Silvio Valentino: ich gebe Ihnen völlig recht. Und Gabor Posch empfehle ich, beim StGB (Andreas Donatsch, Hrsg.) unter Artikel 113 mal zu lesen, was die Voraussetzungen sind, um eine solche Straftat wie die vorliegende nicht als Mord, sondern als Totschlag zu qualifizieren. Das StGB äußert sich zu solchen und ähnlichen Fällen klar genug (Art. 113).
      Wo das Gericht die Straftat des jungen Mannes einordnet (Totschlag, vorsätzliche
      Tötung oder gar Mord) ist allerdings nicht voraussehbar.
  • Michael  Rudolf 31.10.2016
    Der Zustand der Wohnung wird doch einfach festzustellen sein. Die Polizei hat doch sicher einen Eindruck gewonnen, wenn jahrelang nicht geputzt wurde und die Fenster nicht mehr durchsichtig waren.
  • sandro  b 31.10.2016
    3 "Freunde" die noch nie in seiner Wohnung waren ? Okay... schade musste es so weit kommen. Der Junge ist aber garantiert nicht alleine schuld, auch wenn es mit Sicherheit der falsche Weg war. Hoffe er bekommt nun die benötigte Hilfe, denn im Gegensatz zu anderen untherapierbaren Schwerverbrechen, bestehst hier sicher Hoffnung.
  • Marco  Hanhart aus Frauenfeld
    31.10.2016
    Hört sich an wie der klassische Fall, der das Opfer zum Täter macht. Einfach nur tragisch, hoffentlich fängt er sich im Bau und macht danach etwas aus seinem Leben.