Pfadi-Drama von Adlikon «Mein Sohn denkt an Selbstmord»

  • Publiziert: 29.11.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Romina Lenzlinger und Benno Kälin

Nur dank grossen Glücks überlebt Roman die Explosion. Jetzt plagen den Teenager schreckliche Schuldgefühle.

Im besinnlichen Schein der Laternen nahmen gestern 80 Pfadfinder am Lagerfeuer auf dem Andelfingerhügel Abschied von ihrem Kollegen Marc Z.*. Der 16-Jährige ist vergangene Woche bei einer Pfadiübung ums Leben gekommen, als ein selbst gebastelter Böller frühzeitig explodierte(siehe Box).

Zur selben Zeit als die Jugendlichen von den beiden Ortspfarrern ihren Trost empfangen, liegt Roman F.* im Spitalbett des Zürcher Unispitals, das Gesicht entstellt – von Verbrennungen und Narben. Beide Augen sind stark entzündet von dem Schwarzpulver, das ihm bei der Explosion ins Gesicht geflogen ist. Ob er je wieder sehen kann, weiss heute keiner.

Doch die Narben im Gesicht sind nur Teil des Leids, mit dem Roman F. fortan leben muss. Viel schlimmer für den Försterlehrling ist der Tod seines besten Freundes. «Roman gibt sich die Schuld am Tod von Marc und sagt immer wieder, dass es ihm hundertmal lieber gewesen wäre, wenn er und nicht Marc mit dem Leben bezahlt hätte», sagt Romans Mutter zu SonntagsBlick.

Ihr Sohn realisiere nur langsam, was vergangenen Samstag vor der Pfadihütte in Adlikon passiert sei, spreche sehr wenig und liege praktisch nur apathisch im Bett. Das Schlimmste seien aber die schrecklichen Gedanken, die Roman seit ein paar Tagen wälzt. «Mein Sohn denkt an Selbstmord und wird psychologisch betreut – wir wissen nicht, ob er das alles je richtig verarbeiten kann.»

Am Freitag durfte Roman das Krankenhaus kurz verlassen, um an der Beerdigung seines Freundes teilzunehmen. Von der Mutter gestützt und mit einer grossen Sonnenbrille im Gesicht mischte er sich unter die Trauergäste. «Es war sein sehnlichster Wunsch von ihm Abschied nehmen zu können», sagt die Mutter.

Schuldgefühle plagen auch den Pfadileiter Julian Z.*, der die beiden Jugendlichen gebeten hatte, mit einem Böller die Nachtübung zu eröffnen. Er wird ebenfalls psychologisch betreut. «Ihm geht es so schlecht, dass er nicht einmal arbeiten kann», sagt sein Kollege Fabian R*.

Vor dem Lagerfeuer auf dem Andelfingerhügel fand gestern aber auch er inmitten seiner Pfadikollegen ein wenig Trost. 

*Namen der Redaktion bekannt

Pfadi diskutiert über Massnahmen

Der Unfall hat in Pfadfinderkreisen Bestürzung ausgelöst. «Nächste Woche kommen wir zusammen und diskutieren über allfällige Massnahmen. Auch ein Pyroverbot ist möglich», sagt Andrea Adam, Sprecherin der Pfadibewegung Schweiz.

Eliane Tobler, Sprecherin der Pfadi Züri, sagt zu den geltenden Richtlinien, dass die Pfadi es verbiete, Sprengkörper selber herzustellen. Erlaubt sei bloss die Verwendung von gewöhnlichen Feuerwerkskörpern, die im Laden erhältlich seien. «Wir sind immer noch schockiert», sagt sie zu SonntagsBlick.

Der Fall

In Adlikon ZH verunglückt ein 16-Jähriger tödlich. Ein 18-jähriger Kollege wurde schwer verletzt. Die Jugendlichen bastelten mit Schwarzpulver einen Knallkörper. Mit diesem wollten sie anlässlich einer Nachtübung der Pfadi Andelfingen einen lauten Knall verursachen. Ein Teil des Schwarzpulvers rieselte aus dem Rohr und blieb an diesem haften. Darum explodierte der Sprengkörper zu früh.

In Adlikon ZH verunglückt ein 16-Jähriger tödlich. Ein 18-jähriger Kollege wurde schwer verletzt. Die Jugendlichen bastelten mit Schwarzpulver einen Knallkörper. Mit diesem wollten sie anlässlich einer Nachtübung der Pfadi Andelfingen einen lauten Knall verursachen. Ein Teil des Schwarzpulvers rieselte aus dem Rohr und blieb an diesem haften. Darum explodierte der Sprengkörper zu früh.

play Pfadfinder Marc Z.* verlor im November 2008 sein Leben. (Sabine Wunderlin)