Kommentar von Hannes Britschgi, Chefredaktor SonntagsBlick Licht und Schatten

  • Publiziert: 06.03.2010, Aktualisiert: 02.01.2012

Es war eine rauschende Gala, als am Samstag, dem 9. Januar, der «Schweizer des Jahres» gekürt wurde. Die Wahl fiel auf den Herzchirurgen René Prêtre. Ich war im Fernsehstudio und applaudierte heftig, als Prêtres Tochter den Award für ihren Papa entgegennahm. Er war einmal mehr über Wochen in Afrika und operierte schwerkranke Kinder.

Zwei Tage später, am Montagmorgen, erreichte mich das E-Mail eines Elternpaares. Schon der erste Satz hatte es in sich: «René Prêtres Wahl zum Schweizer des Jahres ist uns persönlich sehr, sehr sauer aufgestossen.» Ihre Tochter war mit einem schweren Herzfehler zur Welt gekommen; Prêtre hatte versucht zu retten, was zu retten war. Doch für Samantha und ihre Eltern wurde die Krankengeschichte zu einer schrecklichen Leidensgeschichte.

Darf man am Lack eines Menschen kratzen, der gerade zum Schweizer des Jahres ernannt worden ist? Man darf. Ja, man muss. Viel zu oft werden Komplikationen und Kunstfehler vertuscht, verleugnet, heruntergespielt. Zwar wissen alle, dass auch die Halbgötter in Weiss und ihre Teams Fehler machen. Aber noch immer tun sich Mediziner und ihre Institutionen schwer damit, das zuzugeben.

Lieber machen Sie das Weiss noch weisser. So werden Herzpatienten, bei denen es postoperative Komplikationen gibt, von Privatkliniken gern an öffentliche Spitäler weitergereicht. Weil die Hausstatistiken über die Verweildauer nach Herzoperationen dann besser aussehen.

Mein Stellvertreter Philippe Pfister setzte sich also mit der betroffenen Familie in Verbindung und recherchierte. Dann konfrontierte er den Schweizer des Jahres und das Zürcher Kinderspital, an dem Prêtre tätig ist, mit seinen Erkenntnissen.

Wie nahe Licht und Schatten beieinanderliegen, zeigt auch die finanzielle Seite dieses Albtraums. Die Verantwortlichen äus-sern Verständnis dafür, dass Samanthas Eltern das Vertrauen in sie verloren haben. Trotzdem unternahmen sie zu wenig, damit sich eine Versicherung für den Fall zuständig gefühlt hätte.

Die Familie hatte Glück im Unglück: Sie fand einen Engel, einen grosszügigen Spender, der die Operationskosten in den USA übernahm. So sehr muss ihn die Geschichte der kleinen blonden Samantha bewegt haben.

play Ringier-Publizist Hannes Britschgi interviewt für Blick.ch Spitzenpolitiker. (Geri Born)