Bundesrat Leuenberger zieht Zürcher Radio den Stecker raus Kostet frecher Spruch Energy die Konzession?

Mit seinem geölten Mundwerk verkörpert Roman Kilchsperger Radio Energy. Moritz Leuenberger aber ist er ein Dorn im Auge.

  • Publiziert: 01.11.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Lukas Rüttimann und Georges Wüthrich
play Roman Kilchsperger: «Wer ist der schwulste Hetero-Promi? — Da kommt mir spontan Moritz Leuenberger in den Sinn.»<br></br> (Keystone)

Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen könnte!» – mit gewohnt markigen Worten bringt Energy-Morgenstimme Roman Kilchsperger (38) live auf dem Äther auf den Punkt, was viele der 220 000 Hörerinnen und Hörer des Zürcher Privatradios fühlen.

Eben erst hat Medienminister Moritz Leuenberger (62) seinen mit Spannung erwarteten Konzessionsentscheid für den Grossraum Zürich verkündet: Radio 1, der neue Sender von Roger Schawinski (63) erhält eine Frequenz. Ebenso Radio 24, dazu zwei Kanäle von 105-Macher Giuseppe Scaglione (38).

Dem beliebten Energy aber zieht er den Stecker raus (s. Box)!

Die Begründung an der Pressekonferenz ist wenig erhellend. Licht in die Motivation des Medienministers bringt dagegen die schriftliche Verfügung. Dort heisst es: «Energy spricht nur über Themen, die aktuell, Zürich-bezogen, authentisch, boulevard und jung sind.»

Was wie ein Kompliment klingt, ist für den Medienminister ein Tadel: Denn Leuenberger ist erklärter Gegner des Boulevards. Möglich, dass sich der sensible Bildungsmensch so für knackige Schlagzeilen, freche Sprüche und Jokes rächt. Etwa jenen, als Kilchsperger ihn im Gay-Magazin «akut» als «schwulsten Hetero-Promi» bezeichnet (im BLICK).

«Ich hoffe sehr, sein Entscheid war kein Entscheid gegen mich», sagt Kilchsperger. Er traue dem Medienminister zu, dass er weiter denken könne. Ausserdem sei die Sache längst gegessen, «ich habe mich schriftlich bei ihm entschuldigt».

Auch Leuenberger wehrt ab: «Bitte nicht so», sagt er gegenüber BLICK. Selbst wenn man mit dem Boulevard nicht immer einverstanden sei, könne man dafür doch nicht Radio Energy prügeln.

Tatsächlich wird ein frecher Spruch allein nicht Grund für den umstrittenen Entscheid gewesen sein. Doch die Aversion des bekennenden Arte-Fans Leuenberger gegen das junge, urbane Radio Energy äussert sich auch in einem gewissen Desinteresse an der delikaten Ausgangslage: So sprach der Medienminister an der Pressekonferenz konsequent von «Radio One» – obwohl sich der Sender ganz klar als «Radio eins» deklariert.

«Der hatte doch keine Ahnung, von was er spricht. Ich wette, er hat die Sender kaum je selbst gehört. Das ist nicht seriös», wettert Kilchsperger. Am Ende habe sich Leuenberger wohl einfach gedacht: «Energy ist dieser Sender mit Kilchsperger, das kann ja nur Mist sein.»

Offiziell sagt Leuenberger, das Konzessionsgesuch von Energy habe qualitativ am wenigsten befriedigt: «Man könnte es als lieblos bezeichnen.» Für Energy-Programmleiter Dani Büchi (30) ein Hohn: «Es war bunt, es war selbstbewusst – aber es war garantiert nicht lieblos!»

Der Frust sitzt tief. Bei Kilchsperger («Ich bin betroffen») wie bei Büchi («Wir gehen zusammen essen, um die Stimmung etwas aufzufangen»). Nicht zuletzt, weil Leuenbergers Willkür auch privatwirtschaftliche Mechanismen ausser Kraft setzt. Das sagt der ehemalige DRS3-Chef Bendicht Luginbühl (53) gegenüber dem Internet-Portal Newsnetz.ch: «Leuenberger straft Verlagshäuser dafür ab, dass sie erfolgreiche Medien produzieren. Energy Zürich gehört zu den wenigen kommerziell erfolgreichen Sendern – ausgerechnet dem wird nun der Stecker gezogen».

play Der Medienminister erklärt seinen Entscheid. (Keystone)