Selbstverständlich weiss Daniela Gut* (29), dass man sich nicht zu zweit aufs Velo setzen darf. Doch in jener Novembernacht 2009 war es so kalt, dass die Zürcherin nicht länger auf ein Taxi warten mochte. So schwang sich die Journalistin nach einem langen Arbeitstag um 3 Uhr auf den Gepäckträger ihrer Arbeitskollegin Gabi Marti* (24). Sie wollte so rasch wie möglich ins Bett.
Zu Hause war sie dann allerdings erst um 10 Uhr – mit einem verletzten Knie, Prellungen und Blutergüssen am Becken. Dabei ging es ihr im Vergleich noch gut: Ihre Arbeitskollegin Gabi lag mit gebrochenem Schlüsselbein, kaputtem Sprunggelenk und zwei gerissenen Fussbändern im Spital.
Die beiden jungen Frauen waren dem übermotivierten Stadtpolizisten Sino Sander* (30) in die Hände geraten. Er war mit sechs weiteren Beamten an jenem Abend im Rahmen der Null-Toleranz-Aktion «Respekt» der Zürcher Stadtpolizei auf der Langstrasse unterwegs.
Die Frauen waren keine 100 Meter gefahren, als Sander wie aus dem Nichts vor das Velo sprang und ihnen den Weg versperrte. Es knallte – «wir sind richtig vom Velo geflogen», sagt Daniela zu SonntagsBlick. Ihre Kollegin sei vor Schmerzen schreiend am Boden liegen geblieben. Statt zu helfen, habe ihnen der Polizist Vorwürfe gemacht: «Das habt ihr jetzt davon, sagte er. Büssen werde er uns jetzt nicht, wir seien ja genug bestraft», erzählt Daniela.
Während Gabi mit dem Streifenwagen ins Spital gefahren wurde, musste Daniela als Zeugin mit auf die Wache. Dort liessen sich die beteiligten Polizisten Zeit – wohl um sich abzusprechen, wie Daniela vermutet. «Die liessen mich drei Stunden warten und niemand wollte mir sagen, wie es weitergeht.»
Schliesslich sei sie von einem Stadtpolizisten befragt worden. «Der Mann versuchte mir einzureden, dass ich mit dem Fuss in die Speichen geraten sei und wir nur deshalb stürzten», sagt Daniela. «Ein Frechheit!» Erst um 7 Uhr sei sie zur Zeugenaussage zur Kantonspolizei gerufen worden, die den Fall untersuchen sollte.
Gabi reichte eine Klage gegen Polizist Sander ein. Der reagierte mit einer Gegenanzeige und klagte Gabi in vier Punkten an:
- Hinderung einer Amtshandlung
- Nichtbefolgen einer polizeilichen Anweisung
- Mitführen einer Person über sieben Jahren auf dem Velo
- Nichtbeherrschen des Fahrzeugs.
«Wir verstanden die Welt nicht mehr – plötzlich waren wir die Bösen», ärgert sich Daniela. Sie verzichtete auf eine Klage, die Opferhilfe hatte davon abgeraten. «Klagen gegen die
Polizei sind nur frustrierend, kosten viel
Geld und sind dazu so gut wie chancenlos», sagt ihr Präsident, der Anwalt Christoph Erdös (47). Inzwischen zogen beide Parteien im gegenseitigen Einvernehmen ihre Klagen zurück.
Trotzdem hat die Sache ein Nachspiel für den Polizisten Sander: Aufgrund der Untersuchung der Kantonspolizei läuft gegen ihn ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung. Trotzdem sagt Stadtpolizei-Sprecher Marco Cortesi (54): «Unser Mann hat korrekt gehandelt. Er hat der Velofahrerin laut und deutlich zugerufen: Halt, Polizei.» Daraufhin habe die Frau versucht, an ihm vorbei zu fahren. «Dass sich die Frau dabei verletzte, bedauern wir sehr.»
*Namen von der Redaktion geändert