In der Badi am Greifensee: Tod unterm Sprungturm

  • Publiziert: , Aktualisiert:

USTER - ZH - 19-Jähriger springt dem Bub auf den Kopf und haut ab. Die Mutter des Opfers: «Es ist wie ein Alptraum, aus dem man nie erwacht»

Das Strandbad Niederuster ZH Dienstagnachmittag um 16 Uhr. Die Sonne scheint, die Stimmung der Badegäste ist ausgelassen, und die jungen Wilden drängen sich die Stiegen des Sprungturms hinauf. Einer nach dem anderen springen sie in den Greifensee.

So auch 1.-Sek-Schüler Marius P.* (14) aus Uster. Er steigt bis zuoberst auf den 5-Meter-Turm und springt. Sekunden später nimmt ein 19-jähriger Ustermer Anlauf und knallt dem auftauchenden Marius auf den Kopf.

Niemand merkt etwas...

Marius wird ohnmächtig, er geht unter. Niemand merkt es. «Der Typ hat zwar gesagt, er glaube, er wäre auf einen blonden Jungen gesprungen. Seine Kollegen haben aber gesagt, sie hätten nichts gesehen. Dann sind sie einfach abgehauen», sagen Augenzeugen zu BLICK.

Und einer fügt hinzu: «Sie haben das Millimeterspiel gespielt. Dabei springt man nacheinander so schnell wie möglich auf dieselbe Stelle seines Vorspringers.»

... auch der Bademeister nicht

Minuten vergehen, bis Kollegen auffällt, dass Marius fehlt. Der Bademeister – sein Stuhl steht wenige Meter vom Sprungturm entfernt – merkt nichts vom Drama, das sich ja vor seinen Augen abgespielt haben muss. Er verständigt die Seerettung erst, als Marius’ Kollegen ihn alarmieren.

Ein Taucher findet den leblosen Körper des Sek-Schülers in sieben Meter Tiefe unter dem Turm. Zu spät! Sanitäter reanimieren Marius zwar vor Ort – doch nach wenigen Stunden stirbt der 14-Jährige im Spital.

Marius’ Eltern ahnten nichts. Erst als ein Kollege ihres Sohnes um 17.30 Uhr bei ihnen anruft, erfahren sie alles. «Wir sind sofort ins Unispital nach Zürich gefahren. Dort mussten wir drei Stunden warten, bis die Ärzte uns etwas gesagt haben», erzählt die Mutter Sibylle P.* (44) unter Tränen.

«Das Warten war gar nicht das Schlimmste. Denn solange ich gewartet habe, konnte ich noch hoffen. Ich hatte nur Angst vor dem Moment, in dem die Ärzte herauskommen und eine Entscheidung gefällt haben.»

Der Moment kommt. Marius’ Herz schlägt noch, aber sein Hirn ist tot. «Mein Sohn war 15 Minuten unter Wasser. Ich glaube, er starb schon im See», sagt die zweifache Mutter mit bebender Stimme. «Es ist wie ein Alptraum, aus dem man nie erwacht.»

Die 44-jährige Telefonistin erinnert sich. «Wir haben am Dienstag zusammen zu Mittag gegessen. Dann ist Marius in die Badi gegangen. Er ist eine Wasserratte, bei jedem Wetter hat es ihn zum See gezogen. Ich habe ihm immer gesagt, dass er vorsichtig sein soll.»

«Extrem gefährliche Spiele»

Prisca Wolfensberger, Sprecherin der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft (SLRG), erklärt: «In der Badi sieht man viele knappe Situationen. Hinterherspringen oder gemeinsames Springen sind extrem gefährliche ‹Spiele›.»

Im Krämeracker, wo Marius in die Sek ging, müssen jetzt viele Schüler betreut werden – das sagt Schulpflegepräsident Thomas Pedrazzoli (44). «Die Schüler haben für Marius Kerzen, Blumen und Abschiedsbriefe zu einem Altar aufgebaut.»

Der 19-jährige Turmspringer hat sich erst gestern der Polizei gestellt. Die Mutter des toten Marius ist ihm nicht böse. «In dem Alter ist es ganz normal, dass man seine Kräfte auslotet. Es hätte auch Marius passieren können, dass er auf jemandem draufspringt.»

Aber Sibylle P. «kann und will es nicht begreifen», dass ihr Sohn tot ist.

* Name bekannt

Ustermer Sport-Leiter Daniel Brunner

Marius (†14) ist in einer von Bademeistern überwachten Badi ertrunken. Daniel Brunner (38, Bild), Leiter Geschäftsfeld Sport in Uster ZH, versucht zu erklären.

Herr Brunner, wie kann so etwas passieren?
Daniel Brunner: Eine 100-prozentige Sicherheit kann man in einer Badi nie garantieren. Wir müssen auch für die Eigenverantwortung der Gäste plädieren.

Wie viele Bademeister haben Sie im Strandbad Niederuster im Einsatz?
Wir haben grundsätzlich drei Bademeister im Einsatz. Einen am Becken, den anderen am See und einer patrouilliert durchs Gelände. So auch am Dienstag.

Trotzdem hat der Bademeister am See den Unfall nicht mitbekommen. Die Freunde des Verunfallten mussten ihn erst darauf aufmerksam machen. Wie kann das sein?
Eine lückenlose Überwachung jedes Badegastes ist nicht möglich.

Werden Sie nach diesem Unfall die Sicherheitsmassnahmen verschärfen?
Wir werden sie sicherlich überprüfen und dann entscheiden, ob eine Änderung notwendig und umsetzbar ist.

Wäre es nicht sinnvoll, direkt auf dem Turm einen Bademeister zu postieren, der die Kinder instruiert?
Dies prüfen wir natürlich. Bis anhin haben wir gute Erfahrungen mit unserer Arbeitseinteilung gemacht.

Der 19-Jährige hat angegeben, nichts vom Aufprall gemerkt zu haben. Können Sie sich das vorstellen?
Gefühlsmässig sollte man es schon merken. Aber ich möchte mir hier kein Urteil erlauben.

Interview: Antonia Sell

Beliebteste Kommentare

  •  
    Der 19-jährige ist einfach feige und dazu noch dumm! Der Junge würde noch leben wenn er es sofort gemeldet hätte, passieren kann es natürlich wenn kein Bademeister oben steht und die Sprünge freigibt aber das er es nicht gemerkt haben soll ist einfach nur eine ganz üble, feige Ausrede. Heutzutage ist es halt nicht mehr üblich, dass man zu seinen Taten steht. Aber was lese ich hier: Milimeterspiel? Was für ein Trottel!!
    • 14.07.2011
    • 9
    • 3
  •  
    Sie hätten das Millimeterspiel geübt, da vergewissert man sich nicht mehr ob der zuletzt Gesprungene wieder mit dem Kopf oben u. weggeschwommen ist?? Und dann einfach abhauen, obwohl der Aufprall unmöglich nicht bemerkt wurde!! Bürschli, das ist, wenn vielleicht (?) auch nicht absichtlich, doch Tötung! Und unterlassene Hilfeleistung verschlimmert es umso mehr!! Das Mindeste sich den betroffenen Eltern stellen, die Strafe hat der Täter unabhängig seiner Verurteilung ein Leben lang!!
    • 14.07.2011
    • 6
    • 1

Alle Kommentare (24)

  •  
    Sie hätten das Millimeterspiel geübt, da vergewissert man sich nicht mehr ob der zuletzt Gesprungene wieder mit dem Kopf oben u. weggeschwommen ist?? Und dann einfach abhauen, obwohl der Aufprall unmöglich nicht bemerkt wurde!! Bürschli, das ist, wenn vielleicht (?) auch nicht absichtlich, doch Tötung! Und unterlassene Hilfeleistung verschlimmert es umso mehr!! Das Mindeste sich den betroffenen Eltern stellen, die Strafe hat der Täter unabhängig seiner Verurteilung ein Leben lang!!
    • 14.07.2011
    • 6
    • 1
  •  
    ich selbst war Bademeister und hatte genau das gleiche nProblem mit dem ins Wasser springen. Natürlich sind es am Anfang nur 3-4 Kinder, jedoch dann kommen immer mehr, zuletzt die schon älteren, welche von den Kids bewundert werden und dadurch um so fahrlässiger springen. Meine Reaktion darauf war einfach, ich stand selber ein par Tage in den Stosszeiten auf dem Turm, gab gewisse Regeln auf spielerische Art durch. Sie hatten sogar Freude, wenn Sie mich sahen, und riefen, schau mal............
    • 14.07.2011
    • 5
    • 1
  •  
    Nur wer strohdumm ist oder sich nach dem Rollstuhl oder dem Tod sehnt, macht bei einem Millimeterspiel mit. Auch die Statements der Mutter des Verunglückten lassen keine überdurchschnittliche Intelligenz vermuten. Statt für den Unfallverursacher noch Verständnis zu zeigen, hätte sie ihrem Sohn derartige Spiele verbieten müssen. Aber leider ist ein derartiges Verhalten nicht selten. Man versagt in der Erziehung und wenn etwas schief läuft schiebt man die Verantwortung ab,hier auf den Bademeister.
    • 14.07.2011
    • 1
    • 8
  •  
    Der 19-jährige ist einfach feige und dazu noch dumm! Der Junge würde noch leben wenn er es sofort gemeldet hätte, passieren kann es natürlich wenn kein Bademeister oben steht und die Sprünge freigibt aber das er es nicht gemerkt haben soll ist einfach nur eine ganz üble, feige Ausrede. Heutzutage ist es halt nicht mehr üblich, dass man zu seinen Taten steht. Aber was lese ich hier: Milimeterspiel? Was für ein Trottel!!
    • 14.07.2011
    • 9
    • 3
  •  
    Der 19 jährige will nicht bemerkt haben, wie er jemandem auf den Kopf gesprungen sein soll? So eine saublöde Ausrede, nur um die unterlassene Hilfeleistung und sein feiges Abhauen zu entschuldigen. Der wollte sich nur um seine Verantwortung drücken. Wenn er nichts bemerkt haben will, warum hat er sich dann gestellt?
    • 14.07.2011
    • 3
    • 0
Seite 1 2 3 4 5 »
Seitenanfang

Top 3

1 Luxuswohnung an der Goldküste So lebt man für 16'500 Franken im Monatbullet
2 Gasalarm in Zürcher Bahnhofstrasse «Alle raus!»bullet
3 Messerfuchtler kommt Rausschmiss zuvor Babini tritt aus der SVP ausbullet

Schweiz