«Ihr dürft nicht länger wegschauen»

  • Publiziert: 31.01.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Johannes von Dohnányi
play Opfer. Niemand kennt die Zahl der bei den Kämpfen getöteten Zivilisten. (AP)

Sri Lankas Armee steht im Bürgerkrieg in der Entscheidungsschlacht. Die Schweizer Tamilen fürchten um ihre Liebsten daheim.

Thussa Thurairajah (17) ist in der Schweiz geboren. Die Heimat der Eltern hat die hübsche Tamilin kaum je gesehen. Doch was sich dieser Tage im Norden von Sri Lanka abspielt, raubt der Schülerin aus Zürich den Schlaf: «Ich habe Angst, dass meine Verwandten im Kriegsgebiet bei den Massakern sterben.»

Zusammen mit etwa 30 anderen Tamilen aus dem Raum Zürich ist Thussa an diesem Abend nach Adliswil ZH gekommen. Dort, in einer schmucklosen ehemaligen Werkhalle, ist ihr Hindutempel untergebracht. Hier werden sie bis tief in die Nacht für die Heimat fasten, für einen unabhängigen Tamilenstaat.

Seit fünf Wochen sind die Kämpfe auf Sri Lanka wieder voll entbrannt. Die Regierung der singhalesischen Mehrheit in Colombo ist fest entschlossen, den 25-jährigen Bürgerkrieg ein für alle Mal zu beenden. Über 250000 Tamilen, die meisten davon unbewaffnete Zivilisten, haben in den sumpfigen Wäldern der Region Vanni vor den Regierungstruppen Schutz gesucht. Weil sich die Guerillakämpfer unter die Zivilisten gemischt haben, behindert die Armee immer wieder den Einsatz des Roten Kreuzes, der letzten humanitären Organisation im Konfliktgebiet. Die Zivilbevölkerung, behauptet die Armee, sei von der Guerilla als Geisel genommen worden.

Die meisten der rund 43000 Tamilen in der Schweiz sehen das ganz anders. «In Vanni findet ein Völkermord statt», empört sich der 25-jährige kaufmännische Angestellte Selvakumaran Sundaralingam. «Und die ganze Welt schaut weg.»

Längst nicht alle Tamilen in der Schweiz sind mit den Zielen und Methoden der Tiger-Rebellen einverstanden. Aber der Vormarsch der Armee hat sie geeint. Egal, ob sie Tiger-Sympathisanten oder nur Mitglieder der tamilischen Jugendbewegung sind wie Medizinstudentin Srisajeetna Sivarajah (19): Immer mehr beteiligen sich an Protestaktionen und am Hungerstreik vor dem UN-Hauptquartier in Genf. Damit wollen sie ihre, die Schweizer Regierung zum diplomatischen Eingreifen in den Konflikt zwingen.