Behörden, Arzt – alle fielen auf ihn rein Hier wohnt der frechste Simulant der Schweiz

  • Aktualisiert am 19.01.2012
  • Von Beat Kraushaar
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Am Mittwoch steht Mehmed O.* vor Gericht. Er hat jahrelang Sozialhilfe abkassiert, obwohl er voll arbeitete. Jetzt bekommt er eine IV-Rente.

Mehmed O. (46) musste nur zur Haustüre hinaus und in den Bus steigen, um seinen Psychiater René S.* zu sehen. Alle zwei bis drei Monate nahm der Industriearbeiter aus Winterthur ZH diesen Weg, um sich auf die Couch zu legen. Dem Seelendoktor klagte Mehmed O. über seine psychischen Probleme, die in der Kindheit wurzeln sollten.

Die waren anscheinend so gravierend, dass ihm der Arzt ein Zeugnis nach dem anderen ausstellte. In jedem war von einer 100-prozentigen Arbeitsunfähigkeit die Rede. Doch Mehmed O. fuhr mit dem Bus nicht nur zum Arzt, sondern auch täglich zu seinem Arbeitsplatz. In einem Industriebetrieb arbeitete er in der Produktion – als geschätzter Mitarbeiter.

Erst nach dem elften Arztzeugnis flog er endlich auf: als der frechste Simulant der Schweiz. Für das Sozialamt Winterthur war es ein böses Erwachen. In der Anklageschrift, die SonntagsBlick vorliegt, steht: «Vom 1. Januar 2004 bis 6. Juni 2006 bezog der Angeklagte (...) Sozialhilfegelder (...) von insgesamt 82 022.30 Franken» (siehe Ausriss r.). Dass Mehmed O. in der selben Zeit von seinem Arbeitgeber einen Bruttolohn von Fr. 197955.90 Franken bezog, verschwieg er dem Sozialamt.

Aber wie stellte es einer bloss an, so lang den Kranken zu geben – und trotzdem immer voll zu arbeiten? «Sie können mir diese Frage stellen, ob ich sie auch beantworten kann, weiss ich nicht so genau, denn es geht mir psychisch nicht gerade gut», sagte er nur dazu.

Bei der Einvernahme gab Mehmed O. zu Protokoll, dass er seiner Frau verfallen gewesen sei. Von ihr ist er inzwischen geschieden – zumindest auf dem Papier. Fakt ist: Seine Ex ist mit 40000 Franken, rund der Hälfte der ertrogenen Gelder, zurück in die Türkei gezogen.

Seinen grössten Coup landete Mehmed O. bei der Invalidenversicherung. Im gleichen Zeitraum, in dem er abeitete und krankgeschrieben war, liefen Abklärungen bei der IV. Die bescheinigte ihm schliesslich ebenfalls eine 100-prozentige Arbeitsunfähigkeit.

Gemäss seinem Anwalt Marcus Wiegand bezieht Mehmed O. seit längerem eine 100-prozentige IV-Rente. Die sei erst nach dem Sozialhilfebetrug angelaufen – das eine habe mit dem anderen nichts zu tun: «Mein Klient hat eine Therapie gehabt und nicht nur simuliert», sagt der Rechtsvertreter dazu.

Paradox ist nur: Das Gericht wird Mehmed O. schuldig sprechen, weil er als Scheinkranker Sozialhilfe abzockte – diesbezüglich ist er im Wesentlichen geständig. Die IV hingegen stuft ihn immer noch als Vollinvaliden ein – und zahlt ihm klaglos eine volle Rente. Gemäss Anwalt Wiegand wurde das Dossier Mehmed O. erst im Frühling überprüft – ohne Beanstandung – die Rente wird weiter bezahlt.  

*Namen bekannt

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